Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1881)
- Date
- 1881-06-28
- Page
- Seite 431 (sequence 13)
- Language
- German
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Abi sprang auf und ergriff ihre Hände und solcher Gewalt, daß sie schmerzvoll zuckten: „Ja, nicht wahr, der liebe, schöne Graf, mit dem man eine Stunde lang so vertraulich plaudert, druckt zarter die feinen Hände", höhnte er und stieß das erschrockene Mädchen rauh von sich. Dina schrie auf und sank zur Erde. Dabei schlug sie mit der Stirn an die Lehne des geschnitzten Eichensessels, und Blut rieselte über die schreckensblassen Wangen. Entsetzt über den Anblick, hob Abi sie mit starken Armen auf das hohlehnige Sopha, tauchte eine Serviette in Wasser und stillte die blutende Schramme. In zuckender Angst ruhten seine Lippen auf ihrem Munde, und sein Herz schlug in Em pörung über sich selbst, in wilden unregelmäßigen Stößen. Tina öffnete die Augen und wand sich aus seinen Armen. „Abi, das war nicht recht von Dir", klagte sie schmerzlich bewegt, „mit diesem Worte hast Du unsere Zukunft vernichtet. Mein Mann muß mir in All' und Jedem trauen, in jedem Gedanken, in jeder That. Ich könnt' nicht leben, wenn ich denken müßt', daß Du in meiner Freundlichkeil etwas Unrechtes findest, daß ich immer bedenken sollt', ob ein Wort oder Blick, mit einem andern Mann gewechselt. Dich auch bedenken würde. Ach, Abi, wenn Du das aus den Büchern studirt hast, so wollt' ich, Du wär'st minder gelehrt und so schlicht und vertrauensvoll wie Dein und mein guter Vater." „Dina, liebe süße Dina", flehte der junge Arzt und kniete vor ihr hin, „es ist das erste und letzte Mal, ich schwör's Dir. Sei mir wieder gut, sprich nicht so von ver-! lorner Zukunft — was ist die Zukunft, wenn ich sie nicht an Deiner Hand beschreiten darf. Für Dich habe ich gestrebt und gearbeitet: so lange ich denken kann, bist Du, meines Herzens Geliebte, Dein Lob meine Seligkeit — und ein einziges, unbedachtes Wort der Eifersucht sollte so viel Glück, so viel Hoffnung vernichten'? Denk' an meine Eltern, an Deinen Vater. O, Dina, sag' mir, daß Tu wieder meine gute, liebe Dina bist!" Und der Jüngling überließ sich dem Ausbruch seiner leidenschaftlichen Reue und weinte zu den Füßen seiner Ge-! liebten. Dina seufzte tief und hob ihn auf: ,,Jch bin nicht be leidigt", tröstete sie und streichelte seine vollen Locken, „aber schlimm, daß Du mich so belehrt hast. Run weiß ich nicht mehr, was Recht oder Unrecht ist". „Alles, was Du thust, ist Recht, meine Herzens Tina", flehte der zerknirschte Abraham, „und Tu sollst mich verachten dürfen, wenn ich je wieder mit einem Gedanken, mit einem Worte an der Unschuld Deines Thuns zweifle. Gehe unbeirrt Deinen Weg, gewiß, er ist der Weg zum Guten und vergiß, daß ich einen Augenblick zweifeln konnte, daß Du das beste, edelste Mädchen bist. Wohl sträubte sich das junge Mädchen nicht mehr, als er es wieder in die Arme schloß, aber der Frohsinn war entwichen. Mit derselben Sorgfalt, womit sie die Locken verbergend über die Stirnwunde zog, barg sie auch die seelische Wunde, und nur Abraham sah, wie tief der Pfeil des Argwohns in dem reinen Gemüth hastete. — Am nächsten Abend, als der Sabbath zu Ende war und der Tust der ausgclöschten Habdala-Kerze das schwarzgetäselte Gemach durchzogen, wollten Beitel und Abraham Abschied nehmen, aber Dina bat eindringlich, daß sie ihre Abreise auf morgen verschieben möchten. Der junge Doktor unterstützte den Wunsch seiner schönen Verlobten, und auch der Alte gab dem seltsamen Drängen des lieben Mädchens nach. Dann entschuldigte Tina sich für eine kleine Weile, weil sie einen nothwendigen Besuch zu machen habe. Aus des Vaters Frage, bei wem, lächelte sie gcheimnißvoll und fragte dann zweifelnd zu Abi gewandt: „Willst Tu es j wissen'?"! Der Doktor verbarg sein verlegenes Erröthen unter l einem herzlichen Kuß, dann entschied er bestimmt: ..Wohin j Du auch den Fuß rvendest, geh' mit Gott!"! Tina athmete erleichtert, umarmte ihren Vater, reichte! ihrem Oheim die Hand und verließ einige Augenblicke später! das Haus. Die Begleitung eines Dienstboten hatte sie ab-! gelehnt. | „Was mag das bedeuten'?" srug erstaunt der alte Bär.! „Tina thut so gcheimnißvoll und geht mit ihren guten Kleidern nach Schabbes aus!" Abi lächelte vertrauensvoll und brachte das Gespräch aus andere Anlegenheiten, welche mit den Plänen von seiner und Dina's Zukunft in Zusammenhang standen. Schon war seit der Letzteren Fortgehen fast eine halbe Stunde verstrichen, als die Stubenthür hastig ausgerissen ivurde, und erhitzt und athemlos Gras Bülow hereinstürzte. „Was ist passirt'?" ries erschrocken der alte Lob Bär. Der Adjutant faßte ihn hart an die Schulter und stammelte einige Worte, Bär schrie wie ein Wahnsinniger aus, dann packte er den Edelmann an der Brust und ries: „Mensch, Du lügst!" „Ich verzeihe Euch, arnrer alter Mann", entgegnete leise und traurig der beleidigte Ossteier, „aber kommt, kommt, ehe cs zu spät ist. Eure Tochter zu retten." „Tina'?" ries Doktor Abi betroffen, „was ist mit ihr'? Sprecht!" „Sie ist beim Großherzog in dem verrufenen Gartenpalast," stöhnte der empörte Vater, „von dort giebt cs keine Wiederkehr in mein rechtschaffenes Haus" — und er wollte zur Thüre hinausstürmcn. (Fortsetzung folgt.»