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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-06-28 · Heft 26 (28.6.1881) · p. Seite 430

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 26 (28.6.1881)
Date
1881-06-28
Page
Seite 430 (sequence 12)
Language
German
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430 licher Mann. Die höchsten Herrschaften kaufen mir auf Treu und Glauben Edelsteine und Pferde, Werthpapiere und Lotterieloose ab. Da ist Christian Schulz in der Schmiedestraß', der viel weniger Vertrauen genießt als ich, aber kaum ist er wegen des Titels cingekommen, so haben sie ihm denselben verliehen. Warum? Er heißt Christian Schulz. Ich heiß' Löb Bär und deshalb geben sic ihn mir nicht. Das ist kein Neid von mir, hüt' mich der Herr Gott, cs ist der Schmerz, den ich im Namen unserer ausgestoßenen Brüder fühl', daß es für den Juden keine Anerkennung, keine Gerechtigkeit giebt". Tina streichelte ihres Vaters Wange: „Gewiß kennt unser guter Großherzog Deinen Wunsch nicht, Herzensvater, aber fei nur geduldig, ich ahn's, daß Tu bald, bald am Ziel Deiner Wünsche stehst." Löb Bär lächelte die Trostspenderin an, aber er wußte besser, daß er in dieser Beziehung nichts zu hoffen hatte. Ein desinitiver Abschlag war ihm erst kürzlich geworden, — als Tina noch in Goldberg war. „Und Ihr, Onkel, habt Ihr auch unerfüllte Wünsche?" forschte die schöne Tina emsig weiter. Beitel nickte wehmüthig: „Bin ich doch um die Armeelieferung von rothem und blauem Tuch nach Schwerin gekommen, das hätt' einen Verdienst gegeben? Hab' aber heut Nachmittag gehört, daß gerade der Christian Schulz, dem sie Alles zuwenden, sich auch gemeld't hat — da kann ich nur einpacken." Dina seufzte und wandte sich dann zaghaft zu Abi: „Und der Vetter hat auch Wünsche?" Abi sah die Fragestellerin zärtlich an: „Zehn für einen. Tina, und ich hoffe, mit Gottes Hilfe, manchen mir der Zeit zu realisiren. Einer derselben hat mich, nächst der Sehnsucht zu Dir, hier nach Schwerin geführt. Er betrisst! die blinde Gräfin Bülow, die srühere Oberhosmeisterin im i Schloß. Sie hat sich nach Rostock gewandt, aber so geschickt Professor H. auch ist, — er fürchtet die Operation, weil er die moralischen Kräfte der Gräfin unterschätzt, und die phy-! fischen leider sehr schwach sind. Ich war als Assistent zu-; gegen. Ihr wißt, der Professor beehrte mich mit seinem besonderen Vertrauen, ich habe die schönen tröstenden Worte gehört, welche die Greisin vorher zu ihrem todtbetrübten Sohne sprach. Mögt es mir nicht übel ausnehmen, aber wie ergeben macht doch der wahre Glaube, ob er zu Jehovah oder Christus betet. Das habe ich auch dem jungen Grasen gesagt und der ist auch einverstanden, daß ich die Operation wage, aber der Regent hat entschieden: Wenn Professor H. es nicht will und kann, so betrachte ich jede Operation als einen Mordversuch. — Wenn große Herren solchen Ausspruch einmal gethan, so ist er für die Vasallen ein Gebot. Und doch bin ich eines glänzenden Erfolges sicher. Ich habe heute Nachmittag eine lange Unterhaltung mit der Frau Oberhosmeisterin gehabt, sie vertraut mir und will sich deshalb mit der Bitte an den Großherzog wenden, daß er die Operation gestattet, und ich hoffe, liebe Dina, dieser Wunsch wird in Erfüllung gehen." Ein Pochen an der Thür wiederhallte als Echo der kaum verklungenen Worte, und auf die Einladung des Eintrittes bcschritt der Adjutant, Graf Bülow, das Zimmer. Höflich entschuldigte er sich wegen Störung des Sabbaths, blickte aber so schmerzlich erregt, daß Dina ihm einen Stuhl hinschob und ein Glas Wein anbot. Der junge Edelmann netzte hastig die trockenen Lippen und wandte sich dann zu Abraham: „Man sagte mir, daß ich Sie hier finden würde. — Leider hat die Unterredung meiner Mutter mit Sr. Hoheit keinen günstigen Erfolg gehabt. Hoheit bleibt bei seinem Ausspruch und wälzt alle möglichen Folgen aus mich, und Sie begreifen, Herr Doktor, . daß ich so schwere Verantwortung wegen meiner anderen Geschwister nicht auf mich laden kann. Dies wollte ich Ihnen persönlich sagen und das Vertrauen, welches ich für Sie hege, bestätigen — aber die Hoffnung, das Licht des Himmels und der Erde wieder dem Auge meiner theuren : Mutter zu öffnen, ist nun dahin." Der Adjutant fuhr mit der Hand über das Gesicht und blickte zur Erde. Dina trat leise zu ihm und seine Schulter vertraulich berührend, bat sie: „Verzagt nicht, Herr Graf! Wenn Eure edle Mutter dasselbe Vertrauen zu meinem! Vetter hat, wie Ihr, so darf keines Menschen Wort, und l käme es von dem höchsten Menschen, zwischen Hoffnung und! Frieden treten. Gottes Wille steht über Menschen Willen?" Ter Graf faßte gerührt die tröstende Hand auf seiner Achsel und drückte sie sanft, dann dankte er für die freundliche Theilnahme und empfahl sich. „Welch' ein feiner Mann!" rief Beitel bewundernd. „Bei Gott ein echter Edelmann? Und schön ist der Graf, gelt Tina leb?" Dina nickte unbefangen: „Ich kenne nichts Schöneres und Feineres als den Grafen Bülow. Als Vater neulich nicht zu Haufe war, hat er fast eine Stunde lang mit mir geplaudert, und ich bin mit ihm wie mit einem langjährigen Bekannten gewesen. Ter arme Graf!"! Abi sah düster und verstimmt vor sich hin. Die beiden Väter gingen in das anstoßende Gemach, wo für den feuchten Septemberabend ein gegitterter Behälter mit glühenden Holzkohlen behagliche Wärme verbreitete. Dina trat, sobald sie allein waren, zu ihrem Vetter: „Warum bist Du nur so traurig geworden, Abi?" schalt! zärtlich das holde Mädchen, „vielleicht ändert der Großheri zog doch noch seinen Sinn und erlaubt die Operation, dann j wirst Du zufrieden sein und der liebe Graf auch, nicht wahr?"

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