Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1881)
- Date
- 1881-06-21
- Page
- Seite 414 (sequence 16)
- Language
- German
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Graf Bülow ertrug den Blick gelassen: „Hoheit wissen,} daß man den alten Bär beim Pferdekaus nicht entbehren kann, er versteht es, das Schönste und Beste zu beschaffen und ist dabei so redlich wie — — „Wie ein Jude, wenn er einen Christen betrügen kann'. Nun, seine Tochter gehört doch nicht zum Pferdekauf?" spottete Hoheit. „Seine Tochter empfing mich kürzlich statt ihres Vaters, welcher just beschäftigt war, und obgleich ich Hoheit nicht zu versichern brauche, daß ein Bülow keine Jüdin heimführt, so muß ich Ew. Hoheit doch gestehen, daß das schöne Mädchen einen tiefen Eindruck in seiner bescheidenen Holdseligkeit aus mich gemacht." „Nun also," lachte der Großherzog und sah seinen Adjutanten mit listigen Augenzwinkern an. Der Gras verstand die Deutung dieser Augensprache, und sein hübsches Gesicht färbte sich dunkler. War es Erregung oder Scham als er sortfuhr: „Die schöne Jüdin gehört nicht zu jener Klaffe Mädchen, welche man zu seiner Geliebten machen kann, wenn eine Heirath unmöglich. Sie ist tugendhaft und stolz wie die patriarchalischen Weiber der heiligen Schrift, und wie die meisten Weiber des ausgestoßenen Volkes." „Graf. Ihr habt Euren Beruf als Missionär verfehlt," neckte, belustigt über des Adjutanten moralischen Eifer, der Großherzog. „Aber mich bekehrt Ihr nicht. Will doch einmal' sehen, ob das Judenkind aus zäherem Stoffe als andere Schönen ist" —- Der Regent wandte sich zu anderem Unterhaltungsstoff und anderen Ohren. Obgleich er die Auffassung seines offenherzigen Adjutanten nicht theilte, erfreute er sich doch an deffen noblen Charakter und weitentsernt ihm zu zürnen, schenkte er ihm im Gegentheil von nun an weit größeres Vertrauen, denn der alte Friedrich Franz war einer jener seltenen Regenten, welche einen gerechten Widerspruch nicht nur ertrugen, sondern schätzten. Sein biederer Sinn haßte alle Speichelleckerei und jedes Schranzenthum. Doch die schöne Jüdin kam dem fürstlichen Don Juan nicht aus dein Sinn. Der Sieger in hundert Weiberaffairen nagte verdrießlich an der Bemerkung, daß dies „Judenschicksel" ihm widerstehen könne, wo die vornehmsten Damen sich seiner Mannesschönheit und hohen Würde geneigt hatten. Eben der Widerspruch hatte seine heftige Begierde entstammt. Einige Tage nach diesem Rencontre trat in die Wohnung des alten Bär, in der Dämmerung des frühen Winterabends, ein Mann im blauen Militärmantel verhüllt, und die Kappe tief in's Gesicht gezogen. Es war Freitag Abends und der alte Bär in der Synagoge. Die schöne Dina hatte soeben die Sabathlichter angezündet, und der silbergezierte, damastgedeckte Tisch, die srischen Vorhänge am Fenster, der hohe Potpourri auf dem altmodischen , vielschubladigen Sekretär und Blumen in den breitgeschweiften Porzellanvasen, brachten in der düsteren schwarzgetäselten Stube einen sciertägigen Eindruck hervor. Dina stand mit schlaff herabhängenden Händen, einen Jmmortellenkranz haltend, vor einem kleinen Portrait, welches an der Wand über einem Nähtischchen hing. Sie betete, schluchzte und drückte einen Kuß auf das kalte Elfenbein des Bildes. Der Militärmantel stand bei dieser seltsamen Andacht regungslos unter der offenen Thür. Das junge Mädchen war so innig in wchmüthige Gefühle versenkt, daß es den Zuschauer nicht bemerkte. Tina fuhr mit dem seinen Linnentuch über das angehauchte Bild, dann über die nassen Augen und befestigte das Kränzchen über das Gemälde, welche eine schöne junge Frau in perlengcstickter Schnebbenhaube vorstellte. Das heftige Flackern der Lichter rief ihre Aufmerksamkeit wach, sie wandte sich um, die Thür zu schließen und sah eine Gestalt im Rahmen derselben stehen. Da diese Partie des Zimmers außerhalb des Lichtkreises lag, konnte sie nicht unterscheiden, ob es Mann oder Frau sei, und einen Besuch vermuthend, rief sie, die Augen mit der Hand beschattend, freundlich: „Gut Schabbes!" Der Verhüllte schloß die Thür hinter sich und trat langsam näher. Er ließ den Mantel sinken, indem er das Mützchen abnahm. Dina erkannte den Monarchen. Bestürzt von der hohen Ehre des Besuches, hielt dieser sie geblendet von dem Glanz seiner Mannesschöne, und als sie verlegen knixcnd vor ihm stand, schien sie ihm in ihrer reichen Festtracht weit schöner als im schlichten Hausröckchen. Sie trug ein viereckig ausgeschnittenes, spitzenumsäumtes Schnebbenleibchen aus röthlichem Brokat und einen lang schweifenden, grünlich braunen Sammctrock mit perlengesticktem Täschlein an der Seite. Durch die Wellen ihrer braunen Haare zog sich eine Schnur echter Perlen, welche wie Wafferlilien in nächtiger Fluth glänzten, und die langen seidenen Locken fielen ungekünstelt und feffellos über den zarten weißen Hals und bildeten den Rahmen des lieblichen Ovals und der großen goldbraunen Sammetaugen. Der schneeige Teint ihres Gesichtes wurde wundersam durch drei zirkelrunde, kleine, tiefschwarze-Leberfleckchen an der rechten Wange gehoben. „Hoheit, diese Ehre!" stammelte sie endlich, als der Fürst sprachlos ihre Schönheit bewunderte. „Aber wie leid thut es mir, daß Hoheit sich umsonst bemühten. Unser Feiertag ist angebrochen, und mein Vater nicht in Geschäften zu sprechen." Einen Moment zauderte der Gebietende, ob er Geschäfte vorschützen sollte, aber das chevalereske Herz verwarf jede Verstellung.