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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-06-21 · Heft 25 (21.6.1881) · p. Seite 404

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 25 (21.6.1881)
Date
1881-06-21
Page
Seite 404 (sequence 6)
Language
German
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404 weisen zu können, die Polen zurückgehalten hätte, gleiche z Grausamkeit zu begehen; es ist hier jedoch nicht der Raum, j die Richtigkeit oder Verkehrtheit dieser unbewiesenen Behaupj tung zu untersuchen, und die zum Himmel schreienden Thatsachen bleiben bestehen. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde in Warschau hat den Spitzen der katholischen Geistlichkeiti eine Dankadresse überreicht, voll der innigsten Anerkennung! des Wohlwollens und wirksamen Schutzes, der den Juden zu Theil geworden. Durch die Unterstellung jener Preß' organe, namentlich der „Novoje Wremia" („Neue Zeit"), die Zurückhaltung der Polen sei nichts weiter als eine polnische Demonstration, wird das hohe Verdienst der katholischen Geistlichkeit nicht abgeschwächt." Wir geben noch folgende Einzelheit, die zu denken giebt: Eine höchst charakteristische Thatsache wird einem Wiener Kaufmann von dessen in der südrussischen Gouvernements- Stadt Cherson lebenden Schwester mitgetheilt. Der Sohn des Chersoncr Bürgermeisters bestach nämlich vor einigen Tagen den dortigen christlichen Todtengräber mit 100 Rubeln, damit derselbe einige christliche Grab-Monumente und Kreuze zerstöre, und dann aussage, daß die Chersoncr Juden dies in der Nacht gethan hätten. Der alte Todtengräber that, wie ihm aufgetragen wurde, und lief dann schnurstracks zum Jsprawnik (Kreisrichter), bei dem er die Chersoncr Juden denuncirte. Der Jsprawnik fuhr sofort nach dem Fried- Hofe, um sich von der Richtigkeit der Anzeige an Ort und Stelle zu überzeugen; er traf unterwegs dahin zum Glück einen der städtischen Aerzte, einen Juden, erzählte diesem! den Fall und nahm ihn mit auf den Friedhof, wo der Jsprawnik dem Arzte wegen der Roheit seiner Glaubensgenossen ernste Vorwürfe machte und die Meinung aussprach, daß nun Judcnkrawalle in Cherson unausweichlich seien. Der Arzt wollte aber unter keinen Umständen zugeben, daß die Zerstörung auf dem christlichen Friedhof wirklich von den Juden , verübt worden wäre, und forderte, daß die strengste Untersuchung gegen den Todtengräber eingeleitet werde. Letzterer behauptete aber hartnäckig, daß die Devastation auf dem Friedhöfe von Chersoncr Juden hcrrühre, welche angeblich auch ihn selbst, den Todtengräber, gemißhandelt hätten. Erst von dem Chersoncr Archirej (Bischof) beschworen, gab der verlogene Todtengräber an, daß er die Grab-Monumente und Kreuze selbst beschädigt habe, indem er dazu von dem Sohne des Bürgermeisters und dem — Ortspfarrcr verleitet worden wäre.... So gelang es denn durch einen Zufall, Judenkrawalle in Cherson zu verhüten. — Aus Kiew meldet man: Der Polizeimcister Hübenet in Kiew ordnet eine Auszählung der Juden an; alle Juden, welche nicht zum Aufenthalte daselbst berechtigt sind, werden laut einem Telegramm des „Golos" ausgewiesen. (Also erst vom Pöbel ausgeplündert, dann von der Polizei ausgetrieben!!!) Die israelitische Gemeinde zu Rostow am Don beschloß, nach dem „B. Tagebl.", ihre Glaubensgenossen in den großen Städten Rußlands aufzufordern, je einen Deputirten zu wählen, um eine gemeinsame Deputation an den Grafen Jgnatieff zu entsenden, welche die Gleichberechtigung der Juden nachsuchen soll. Der „Russische Courier" vom 10. Juni berichtet: „Bedenklicher noch als die bisherigen Unruhen erscheinen die neuesten auf dem Bazar von Saratow, wo diesmal nicht Juden, sondern Christen die Opfer der Bolkswuth wurden, die Unruhestifter waren wiederum Bauern aus der Umgegend. Die Bauern rufen jetzt nicht allein „fort mit den Juden" sondern auch „fort mit den Herren"; der Volkshaß wird hauptsächlich gegen die besitzende Klasse geschürt. Tie socialistischen Arbeiter des Südbundes spielen die Demagogen. Ueberall hin verbreiten sie die aufrührerischen Proklamationen. (Es ist also die sozialistische Revolution, die hier aufgetreten, die ihr Vorspiel gegen die Juden richtete, und da man sie eine Zeitlang gewähren ließ, sich nun vollständig demaskirt.i Man berichtet auch: Ter Kaiser correspondirt jetzt unmittelbar mit den südrussischcn Gouvernements, nachdem er inne geworden, daß man ihn über die Judenverfolgungen den ärgsten Theil verschwiegen hatte, und er dechiffrirt selbst die ankommenden Depeschen. Man ist also noch weit davon entfernt, die Unruhen in Südrußland als gedämpft ansehen zu dürfen. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 6. Juni. Es ist überaus erfreulich, daß die uordamcrikanischc Vierteljahrschrift: ,The Hebrew Review“, herausgegeben von der „rabbinisch literarischen Gesellschaft" (Präs. Dr. M. Lilienthal, Verleger: Bloch und Co. in Cincinnati Oh.) den besten Fortgang hat. Es liegt uns das 3. Heft (1. April) vor, welches folgende Aufsätze enthält: „Der Gott Israels" von Joseph Jacobs, ein Versuch, die geschichtliche Entwickelung der jüdischen Lehre von Gott, besonders in der nachbiblischen Zeit, darzustellen, der jedoch statt in das Wesen der Lehre und ihre Gestaltung cinzugehen, sich mehr mit den Streitfragen beschäftigt, die um diesen großen Gegenstand liegen, namentlich in neuerer Zeit erhoben worden. Es folgt ein höchst interessanter Artikel: „Glaubenssätze und ihre Autorität im Talmud" von Di-. S. Adler in New-^)ork. Der Verfasser hat in seinem studienreichen Leben nur Weniges der Oeffentlichkeit übergeben, das war aber stets gründlich, klar, werthvoll. Er zeigt hier, daß der Talmud — der selbstverständlich den Glauben an den einzigen Gott als untrennbar vom Judenthum und vom - Juden erachtet — keine Glaubenssätze als Bedingung der Zugehörigkeit eines Juden zum Judcnthum aufstellt, und in

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