Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1881)
- Date
- 1881-06-14
- Page
- Seite 387 (sequence 5)
- Language
- German
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SS7 ja sich noch verbreiternd von Geschlecht zu Geschlecht vererben. Das Judenthum, als es in die weite Welt hinaustrat, hatte die Aufgabe, seinen Bestand durch, das ganze Leben umspannende Normen zu sichern und die christliche Kirche verfolgte von ihrem Entstehen an die Tendenz, durch die staatliche Gesetzgebung die Juden aus der bürgerlichen Welt hinaus" und in ein materielles und geistiges Ghetto hineinzudrängen. So schuf und erhielt sich eine Verschiedenheit in Sitten, Gebräuchen und Lebensweisen, welche eine Scheidung und Absonderung verewigen mußte. Endlich aber brachten die Ausnahmegesetze, die mehr als ein Jahrtausend die Juden in ihrer bürgerlichen Beschäftigung nach allen Seiten hin beschränkten, zuwege, daß sie vorzugsweise ein handeltreibendes Geschlecht wurden. In den polnischen Städten zwar betreiben sie alle Handwerke, vom Straßenpflasterer an bis zu den feineren Gewerken. Aber, nach dem eigentlichen Rußland gekommen, finden sie hierfür wenig Boden und müficn sich so möglichst durch Handel das Dasein fristen. Wer nun die Einsicht besitzt, von welcher Wichtigkeit ein tüchtiger Handel in der bürgerlichen Gesellschaft ist, und wie er allen Zweigen der Thätigkeit ^zu Nutze kommt, wird hierin keinen Nachtheil, sondern mannichfachen Vortheil für Staat und Gesellschaft erblicken. Das gemeine Volk aber sieht in seiner Kurzsichtigkeit im Händler nur Personen, die es ausbeuten und sich bereichern wollen, und anstatt zu bedenken, daß es durch den Händler seine Producte verwerthet, beneidet es demselben seinen Gewinn und hält dessen Thätigkeit für Müssiggang. Dieses Verhältniß und die sich daran knüpfende Anschauung, die natürlich ganz übersieht, welchem Zwange der Jude von jeher unterlag und noch unterliegt, macht jene Scheidung nur immer klaffender und erklärt uns so leicht, daß unter Impulsen und Umständen der niedere Pöbel allzugern sich zu Excessen gegen die Juden verleiten läßt. — Aus dieser Darlegung geht aber klar hervor, daß es ein grobes Unrecht ist, diese ganze Sachlage den Juden zum Vorwurf zu machen, und ihnen als Schuld anzurechnen. Es walten hier nur vererbte Motive vor, sowie andererseits der harte Sinn und der Mangel an Einsicht, mit welchem eine veraltete Gesetzgebung den Anforderungen der Zeit gegenüber festgehalten wird. Man erkennt, daß jene Scheidung nur durch zwei Mittel beseitigt werden kann, eincstheils durch eine Gesetzgebung der unbedingten Gleichstellung und an derentheils durch die fortschreitende Volksbildung, welche beide Parteien von den Auswüchsen veralteter Lebensweisen und Gebräuche reinigt. Um das Bild von dem, was geschehen, zu vervollständigen, stellen wir noch einige Nachrichten und Urtheilc zusammen. Aus Kiew vom 25. Mai schreibt man: Als Anstifter der hier stattgehabtcn Unruhen sind 26 Personen angeklagt. Tie Verhandlungen in dem Processe gegen dieselben beginnen nach einer Wolff'schen Meldung am 30. d. vor dem hiesigen Kriegsgericht. — Nach dem „Golos" waren anläßlich der bekannten Cravalle in der hiesigen Festung 1703 Personen verhaftet, zum größten Theil großrussische Colonisten, Kazapen; 270 wurden am Tage nach ihrer Verhaftung wegen Mangels an Beweisen entlasten. 167 Personen wurden verwundet, und zwar größtenthcils Juden. Man zählt 10 Todte, darunter 3 Kazapen und ein Weib. 160 Personen, bei denen geplünderte Waaren vorgefundcn wurden, sind nachträglich zur Haft gebracht worden. — Vom 10. Mai schreibt man noch: „Trostlos und traurig ist die Lage der stüchtigen Juden, die, aller Mittel entblößt, nicht im Stande waren, weit über das Weichbild der Stadt Kiew hinauszukommen und nun allem Elende prcisgcgcben sind. Eine Kolonie dieser Unglücklichen hat sich auf dem Petschersk, einem Hügel unweit von Kiew, gesammelt, wo ihnen vom General Kolunkoff ein Astst eingeräumt wurde. In der hiesigen Zeitschrift „Zaria" wird die Lage dieser Leute in folgender Weise geschildert: „Auf einem abschreckenden Wege über die Hügel erreicht man endlich hinter den Thoren der Lawra eine große Scheune, die zuweilen als Munitions-Depot benützt wird. Hier bot sich meinen Augen ein herzzerreißender Anblick. Tic ganze Scheune, in die kein Fenster das Tageslicht dringen läßt, mit dem Platze vor derselben gleicht einem Ameisenhaufen. Ungefähr 2000 Menschen, lauter flüchtige Juden, zumeist Weiber, Greise und Kinder, sind hier aus kleinem Raume zusammengepfercht und stündlich kommt noch neuer Zufluß. Tie Leute sind meist in Lumpen gehüllt, die wenigsten von ihnen haben Schuhe; aus ihren Gesichtern sind die Spuren des ausgestandenen Schreckens und wohl auch der erduldeten Miß Handlungen zu lesen. In dem dichtgesüllien Raume herrscht eine erstickende Atmosphäre, die geradezu tödtlich wirkt. Inder That smd mehrere Kinder an dieser Stelle bereits gestorben. Es sollen mehr als ein Dutzend Todter in derSchcune und außerhalb derselben liegen. . . Volle vierundzwanzig Stunden war diese große Menschenmenge ganz ohne Nahrung. Erst später gelang cs dem humanen Wirken des Generals Kolunkoff und des Obersten Viel zoff, eine Fuhre Brod herbeizuschaffen, die unter den Unglücklichen vcrthcilt wurde. Seither bat die Gattin des General Gou verncurs Frau Marie Alexandrowna Trentelen eine Unterstützungs Aktion organisirt und sich selbst an die Spitze eines Komites gestellt, welches sich zur Aufgabe gesetzt hat, Samm ' langen einzuleiten, um das Los der vertriebenen und beraubten jüdischen Familien zu erleichtern." Ties Komitö findet in Kiew selbst warmen Anthcil und lebhafte Unterstützung, aber ohne Hülfe von auswärts würde es bei der großen Zahl j der dem Hunger und Elend prcisgcgcbenen Familien seine! Aufgabe nicht erfüllen können."