Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1881)
- Date
- 1881-06-14
- Page
- Seite 385 (sequence 3)
- Language
- German
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385 misch von Völkerstämmcn bildet den österreichischcu Kaiserstaat; wie vereinigt die Schweiz in Eintracht drei ganz verschiedene Nationalitäten; und selbst der jetzige preußische Staat befaßt Deutsche, Wenden, Polen, Dänen und Franzosen. Es war daher ganz natürlich, daß mit dem vorigen Jahrhundert die Vorstellung von der Einheit des Menschengeschlechtes sich zu dem Begriff des Kosmopolitismus ent- | wickelte und zu einer emphatischen Höhe erhob. Von da! aus verscheuchte sie den Nationalitätsbegriff aus dem allge-; meinen Bewußtsein, stempelte ihn als einseitig und engherzig, stellte die Rechte und Pflichten des Menschen auf den Standpunkt der Allgemeinheit, und wollte allen höheren Bestrebungen die kosmopolitischen Tendenzen cingcsenkt haben. Diese Jdeenrichtung gewann eine große Verbreitung; aber sie war doch nur Theorie, zu Zeiten Schwärmerei, die nach dem Zuge der Zeit in Verbindung mit dem Rationalismus in der Religion und der Humanität in den Sitten sich mit der Oberflächlichkeit der Gedanken und Gefühle begnügte und mit diesen schon an's Ziel gekommen zu sein glaubte. Aber ■ wie jede Theorie, die sich nicht aus thatsächliche Fundamente stützt und den Realitäten nicht thatkräftig zu Leibe geht, vermochte sie in dem Anstürme der Thatsachen, den Wirren der Wirklichkeit nicht zu widerstehen. Tie französische Revolution, die Napoleonischcn Kriege, die orientalischen Kämpfe, die Umwandelung der Staatsversaffungcn und alle die faktischen Streitelcmcntc, die das 1L. Jahrhundert durchschüttcrn, mußten : die kosmopolitische Idee in ihrer Schwäche und Oberflächlich-! keit erweisen, und einen anderen sicheren Führer nothwendig! machen. Mit neuer Stärke erwachte daher das Nationale! tätsprincip, und wurde mit einem Feuer und einer Energie! erfaßt, welche des Erfolges nicht entbehrten. Um so an-! spruchsvoller wurde es. Da cs in den Nöthen der Völker sich als einen kräftigen Bundesgenossen bethätigt hatte, wollte es wieder die Alleinherrschaft haben, und versuchte sogar sich in den Gebieten einzunisten, die ihrer Natur nach universell sind. Wo jenes heute eine Knechtschaft, eine Gebundenheit abgeschüttelt hat, da will cs morgen selbst unterdrücken, selbst binden, theils in egoistischen, ja persönlichen Absichten, thcils in der Ahnung, daß es sich nur durch Ausschließlichkeit in seiner Geltung erhalten könne. Ans der Nationalitätssucht wird Fremdenhaß, Mißtrauen, Verfolgung, Ab- und Eingrenzung, Verblendung gegen den eigenen Schaden, der auf dem geistigen wie materiellen Gebiete, aus dem Weltmärkte wie auf dem Markte des Geistes und der Sitte davongetragen wird. So stehen sich in der Gegenwart der Nationalismus und der Universalismus in schwerem Kampfe gegenüber. Jener ist begründet in den Charakterzügen der Nationen, in ihrer Geschichte und den individuellen Interessen nach Ort und Umständen, zum Theil iin Streben, sich von der Oberherrschaft einer anderen Nationalität frei zu machen. Dieser, der Universalismus, hat seine Stützen in der Religion, Wiffenschaft, in der Literatur und Kunst, so weit diese des universellen Geistes und der universellen Bildung nicht entrathen können, im unermeßlichen Weltverkehr und der Solidarität der internationalen Interessen. Also auch dieser hat längst die Natur einer Theorie verloren und ist sehr real geworden. Welche Müh- und Wirrsale dieser Kamps mit sich führt, brauchen wir hier nicht zu schildern, sie liegen oft genug zu Tage. Wir können auch hierfür nur die geschichtliche Weiterentwickelung erwarten. Ties ist sicher: für den Staat als solchen innerhalb seiner Einrichtungen und Gesetze kann und darf der Nationalismus nur immer weniger ein leitendes Princip sein, weil er hierdurch nur Zerrüttung in seinen eigenen Schooß und schroffe Feindseligkeit nach außen trägt, weil er sich so einseitig und engherzig gestaltet, daß er nur in Verfall gcrathen kann. Mit dem Ehincsenthum ist es in der Menschheit vorüber'. Die Verfolgung der Juden in Ziidrußland. v. Seit acht Tagen sind glücklicher Weise keine Nachrichten von weiteren Verfolgungen der Inden in Rußland eingelausen, und so können wir uns der Hoffnung hingeben, daß diese scheußlichen Aufstände gegenwärtig sich nicht mehr wiederholen werden. Um so näher liegt es, für. dieselben eine richtige Erklärung auszusuchen, soweit dies jetzt schon aus den vorMgendcn Thatsachen möglich ist. Hiernach kann cs kaum noch zweifelhaft sein, und wird uns aus Petersburg.von jüdischer Seite selbst bestätigt, daß die eigentlichen Urheber die Nihilisten oder Anarchisten sind, welche die schlechten Leidenschaften des Volkes erregen und gerade daS Mißwollen desselben gegen die Inden benutzen wollten, um den Brand der Empörung zu entzünden. Sie hoffen, daß sich die Raub- und Zerstörungssucht des Pöbels von den Inden auch aus andere Klassen der Gesellschaft richten würde und daß. wenn die Regierung gegen die Aufständischen vorgehen werde, das Volk um so mehr erbittert würde. Man hat hiergegen ein gewendet, daß. ja unter den Nihilisten ziemlich viel Inden sich befänden.---Dies beweist aber nichts; wird doch mit Be stimmtheit versichert, daß man bei fünf verhafteten nihilistischen Inden antisemitische Proclamationen gefunden habe. ES beweist dies nur, waS wir seit Jahren behauptet haben, daß Juden, die sich den Nihilisten anschließcn, ausgehvrt haben, Juden zu sein und daß der nihilistische Fanatismus weit über jede Regung der Pietät hinansgeht. Die Geschichte 21"