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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-06-14 · Heft 24 (14.6.1881) · p. Seite 384

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 24 (14.6.1881)
Date
1881-06-14
Page
Seite 384 (sequence 2)
Language
German
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die für diese gemeinsam waren. Daß hiermit ein viel stärkerer Anstoß sür die Heranbildung des Begriffes von der j Menschheit und von der Solidarität der Völker gegeben j ward, als etwa durch die versuchten Universalreiche, ist ein-; sichtlich. Indem die Religion das geistige Leben des Menschen betraf, wirkte sie unmittelbar befruchtend auf den, Geist und erschuf ein inneres Band, das stärker und dauer-, haster war als jedes äußere. Dennoch kamen in der Wirk- | lichkeit diese Begriffe der Christenheit und des Islam nur' selten und auf kurze Zeit zur Bethätigung. That es jener ■ Universalität schon großen Abbruch, daß beide Religionen sich bald in vielfache Kirchen und Sekten spalteten, die sich■ gegenseitig auf's Heftigste bekämpften, so brach doch überall der Nationalitätsbcgriff wieder durch oder behauptete vielmehr ungcschwächt seine alte Macht. Die seit der Völkerwanderung hereingefluthcten und immer wieder nachschicßenden Völkerstämme waren, ganz ebenso wie die Völker des Alterthums, von ihrer Individualität erfüllt und strebten und kämpften nur für die Größe und Macht der letzteren. So lange der Völkerzug dauerte, stürzte sich jeder Ankömmling auf seine Vorgänger, vertrieb oder unterwarf sie. Nachdem die Völkerschaften festere Wohnplätze gewonnen hatten, begannen die Kriege der Nachbarn untereinander, und hörten bis auf die jüngste Zeit nicht auf. Immer und überall galt es allein, die Interessen der eigenen Nation auf Kosten aller anderen auf jede mögliche Weise, im Recht und Unrecht, durch Gewalt oder Ueberlistung zu befördern, zur Herrschaft zu bringen, allen anderen Nationen Schwächung, Niederlage,; Verlust zuzufügen. Als durch die Entdeckung der Seewegej ganze Weltthcilc erschlossen wurden, begann das Ringen um! den Besitz der großen Colonien, die nach einander einer i Nation durch die andere wieder abgenommcn wurden. Als z im neuen Welttheile die Eingeborenen zur Dienstarbeit nicht! ansreichten, holte man Millionen von Menschen aus Afrika, j um sie als Sklaven zu verwenden und zu mißhandeln. Erst; die allerneneste Zeit, und zum Theil durch blutige Bürger-! kriege, machte dieser Menschenschinderei ein Ende. j Demnngeachtet gelangten Momente des Universalismus, Bestrebungen, die über die Grenzen der Nationalität hinaus die ganze Menschheit umfassen, zur Entwickelung. Neben der Religion ist es die Wissenschaft, die hier den allgemeinsten Standpunkt einnimmt. Tie Wiffenschaft in ihrem Arbeiten und Schaffen, in ihren Zielen und Erfolgen ist allgemeiner Natur, das gemeinsame Werk, der gemeinsame Vorzug und der gemeinsame Bortheil aller Nationen. Wer sie vorwärts bringt, thut dies für Alle, ihre Forschungen und Entdeckungen gehören dem ganzen Menschengeschlechte an. Neben ihr wirken Literatur und Kunst nach einem ähnlichen Ziele, wenn auch auf verschiedenem Wege. Der Geist einer Nation, ihr Kultnrmstand, ihre Sprache sind sür die Literatur, dann auch für die Kunst wesentliche Bedingungen. Aber die Erzeugnisse der Literatur und Kunst gehören abermals der gesammten Menschheit an. Gerade die schönsten Blüthen und die herrlichsten Früchte, die eine Nation hervorbringt und zeitigt, bietet sie dem ganzen Menschengeschlechte dar, und dieses verarbeitet sie sür alle Völker und alle Zeiten. Wer kann die unübersehbare Wirkung verkennen, welche die biblischen Bücher, die griechischen und römischen Klassiker, welche ein Dante, Shakespeare, Goethe und zahllose andere Dichter, welche ein Plato, Aristoteles, Spinoza, Kant auf so viele Jahrhunderte in allen Nationen gleicher Weise geübt haben und immerfort üben? Und nun die Architektur, Skulptur und Malerei und dann die universellste Kunst, die Musik? Hier können wir, trotz aller Betonung der Nationalität, eine fortschreitende Entwickelung und Ausdehnung nach innen und außen in der Wirksamkeit der Wiffenschaft, Literatur und Kunst und deren wachsendem universellen Charakter sehr wohl beobachten. Hieran schließen sich nun die materiellen Jntcreffen, welche durch den immerfort steigenden Welthandel und die Weltindustrie, durch den Austausch der Produkte, durch das Darlehen der Kapitalien zu einer immer engeren | Solidarität aller Völker in allen Welttheilen gelangen. Hier spricht das Bedürfniß wesentlich mit und ninrmt eine zwinj gende Natur an. Keine Nation kann mehr ohne die andere bestehen, keine mehr auf ihre Erzeugniffe sich beschränken, keine die Gesammtsumme ihrer Erzeugniffe für sich behalten. Mögen immerhin die einzelnen Nationen es für sich vortheilhaft erachten, die Produkte der anderen mit Zöllen zu belegen, Verkehr und Handel können nicht unterdrückt werden, und tragen die Freiheit der Bewegung in sich selbst. Auf diesem Boden werden die Beziehungen der Nationen immer enger zu einander und gestalten sich zu immer allgemeineren Verhältnissen, welche über jede nationale Schranke hinaus eine universelle Bedeutung haben. Hierzu kommt, daß durch diese Verbindung, sowie durch die Vervielfältigung der Verkehrsmittel die Wanderung der Menschen, die Aus- und Einwanderung aus und nach den verschiedensten Ländern immer mehr steigt, daß deshalb die Bevölkerung der einzelnen Länder immer mannigfaltiger wird und daß so die Abkömmlinge der verschiedensten Völker an denselben Wohnstätten sich vereinigen und zu denselben staatlichen und i städtischen Gemeinschaften gehören. Und endlich die Geschichte? Sie hat nicht allein fast Hlle bestehenden Völker! aus verschiedenen Nationalitäten zusammengeschmiedet, so ■|5. B. die Spanier aus Iberern, Westgothen, Mauren; die i Franzosen aus Galliern, Römern und Franken; die Engl länder aus Briten, Sachsen und Normannen u. s. w. Sie! hat auch verschiedene Nationalitäten in den Ländern zusammen- und untereinandergerüttelt, und in fast allen Staaten unter einem Zepter verbunden. Welch' ein Ge-

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