Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1881)
- Date
- 1881-06-07
- Page
- Seite 374 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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374 Wir geben noch folgende Nachrichten: „Bon den in Antisemiten zurückzuführen. Die Untersuchung hat festgestellt, Ki.w Verhafteten sollen 72 Personen vor das Kriegsgericht daß die Vertheilung von Blättern, in denen das Volk aufgestellt werden; zwei bei den Unruhen verwundete Juden gefordert wurde. über die Juden herzufallen, von einer Persind gestorben. Dem „Golos" wird ans Warschau gemeldet: son ausgegangen ist, die sich, selbstverständlich erfolglos, um „Die zum Glück rechtzeitig unterdrückten. gegen die Juden Zulassung des Predigers Stöcker zu einer öffentlichen Bergerichteten Unruhen sind auf die Hetzereien einiger deutscher sammlung bemüht hatte." ^Adcx t*i 111 cj >i iacfj zi cI] tc i i. Deutschland. Berlin, 27. Mai. (Privatmitth.) Unsere Aufgabe ist es! gegenwärtig, den Verlauf der Dinge, um nicht zu sagen, deren 1 Entwickelung, aufmerksam zu verfolgen. Es ist ja dabei nicht; zu verkennen, daß viele kleine Vorgänge dabei erzählt werden j müffen, die an sich keine Wichtigkeit besitzen, die aber den-! noch als Zeichen und Aeußerungen vorhandener Dendenzen! nicht unbeachtet bleiben dürfen. Daß sich jetzt Menschen j und Ansichten offen und mit einem gewissen Eclat an's Licht! drängen, die noch vor Kurzem dies nicht gewagt hätten,! oder doch sofort von der Bildfläche verwiesen worden wären,! ist charakteristisch genug. Die Antisemiten, deren Dasein vorzugsweise sich in den in Berlin so beliebten „Keilereien" kund thut, strengen sich eifrigst an, überall anzuknüpfen, wo sie cs vermögen. Ein „Deutscher Frauen-Vereiu" hielt am Mittwoch Abend im Architektenhause seine erste öffentliche Versammlung ab. Es hatten sich etwa 11 o Frauen aller Stände, sowie auch einige Herren als Gäste eingefunden. Eine Frau v. Diezelski beleuchtete in längerem Vortrag die Aufgaben, die der junge Verein sich gestellt. Ter Verein bezweckt danach die Wiedererweckung des christlich germanischen Geistes unter den Frauen und die Wahrung deutscher Frauenehre. (Eine Schmeichelei für die „deutsche Frauenehre' scheint es uns nicht zu fein, wenn die Wahrung derselben erst noch eines solchen antisemitischen Frauenvereins bedürfen sollte. Wir möchten uns dem Glauben hingebeu, daß die deutsche Frauenehre besser berufen ist, als es in diesem Verein „ehrbarer christlicher Frauen und Jungfrauen" der Fall zu sein scheint. Red.) Jüdinnen sind unter allen Umständen aus dem Verein ausgeschlossen. Bei der Ausnahme verpflichtet sich jedes Mitglied, die Zwecke des Vereins nach Kräften fördern zu helfen, namentlich bei keinem jüdischen Geschäftsmann zu kaufen! Diejenigen Geschäftsinhabers „welche sich bereit erklären, aus ihrer christlichen Religion und deutschen Nationalität kein Hehl zu machen", sollen ein Schild mit dem Symbol des Vereins erkalten, dc.s am Laden befestigt wird. Sämmtliche Mitglieder sind verpflichtet, nach Möglichfeit nur in diese» Geschäften zu kaufen. Dies streift nun mehr an's Lächerliche als an's Ernste. Zugleich machen die Conservativen die möglichsten Anstrengungen, um für die nächsten Wahlen Anhänger in Berlin zu gewinnen. Da hält ein „sozial-conservativer Reformverein" seine Versammlungen, in deren letzter der ehemalige Sozialdemokrat Schräder über das Verhältniß des christlichen Staates zu seinen nichtchristlichen Angehörigen spricht und dann dem vr. Henrici den Platz einräumt, der schon wieder eine Petition vorschlägt, um die Juden, die ungetauften und die getauften, aus dem Lehr- und Richterstande, sowie aus dem Militärdienst auszuschließen. Jndeß hatte die Versammlung doch noch so viel Schicklichkeitsgefühl, desfallsige Resolutionen „einstweilen von der Tagesordnung abzusetzen". — Durch die schändlichen Verfolgungen in Südrußland werden viele von den ausgeplünderten und gehetzten Juden nach den Nachbarländern gedrängt, die deshalb Maßregeln ergreifen. Oesterreich benimmt sich bis jetzt wahrhaft human und läßt den Flüchtlingen Schutz und Unterstützung zukommen. Rumänien rüstet sich seiner Natur nach zu Gewaltmaßregeln. In Preußen sind Weisungen an die Polizeibehörden der an Polen und Rußland grenzende Bezirke ergangen, bei den Landräthen für diejenigen russisch-polnischen Ueberläufer Anträge auf Nachsuchung der Genehmigung des Oberpräsidenten zum ferneren Aufenthalte in Preußen zu stellen, welche „nicht lästig" erscheinen; dagegen wenn diese Ueberläufer „lästig" sind. Anträge auf Ausweisung nach Rußland einzubringen. Laut der. bestehenden Ministerial-Anordnungen bedarf nämlich jeder ohne Legitimation übergetretene russisch-polnische Unterthan für den Aufenthalt in Preußen der ausdrücklichen Genehmigung. „Ta diese selbstverständlich nur für so lange ertheilt werden kann" (heißt es in der Ministerialverfügung), „als der Aufeutbalt des Betreffenden den diesseitigen Interessen nicht zuwiderläust, ist dieselbe unter dem Vorbehalte jedcrzeitigen Widerrufs auszusprechen." Die Landräthe und Ortspolizeibehörden der Grenzkreise haben ferner dafür zu sorgen, auch die erforderlichen Vorkehrungen zu treffen, daß der Ue bcrtritt russisch Polnischer Unterthanen sofort zu ihrer Kenntniß komme. In gleicher Weise haben die übrigen Landräthe und Ortspolizeibehörden streng darüber zu wachen, daß; ohne die erforderliche Gestattung kein Ueberläufer sich in ihren