Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1881)
- Date
- 1881-06-07
- Page
- Seite 373 (sequence 7)
- Language
- German
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373 weil die Bauern trotz des dreimaligen Sturmläutens nicht erschienen und ein Theil der Juden der mit Bahnlateruen versehenen Rotte entgegenzog. Aus dem Rückzuge zerstörten die Missethäter sännntliche Fcnsterbekleidungen und ein Wirthshaus, für den nächsten Abend mit einem wirksameren Angriff drohend. Am Morgen des 16. Mai kehrten die Flüchtlinge nach Woloczyska zurück, um ihre Habseligkeiten über die Grenze zu schaffen. Ein langer Zug von Bauernwagen, mit Getreide, Hausgeräth und Bettzeug beladen, beloegte sich forttvährend über die Straße, dazivischen Wagen mit Wöchnerinnen, Kranken, Greisen und Kindern, begleitet von Flüchtlingen. Der sür diesen Tag angedrohte Angriff blieb nicht aus. Eine stärkere Rotte als Tags zuvor, mit Revolvern, Aexten und Brecheisen bewaffnet, stürzte unter Hurrahgeschrei ins Städtchen und schlug Fenster und Tbüren ein. Im Handgemenge kamen einige Verletzungen, darunter eine tödtliche, vor. Die Einrichtung einiger Häuser wurde gänzlich zerstört. Einige Handlungshäuser wurden geplündert, die Gemeinde-Apotheke wurde vernichtet. An der Gren;e wiederholten sich die aufregenden Scene» der vergangenen Nacht in erhöhtem Maße. Fast sämmtliche in Woloczyska und Umgebung zurückgebliebenen Frauen und Kinder des ärmsten Theiles der Bevölkerung eilten in Todesschrecken der österreichischen Grenze zu, zitternd und frierend; hier über nächteten sie im Freien; Elend und Noth nehmen hier von Stunde zu Stunde zu. Tie schwergeprüften Opfer mußten in der Nacht des 17. Mai »roch einen Lunten Ueberfall über sich ergehen lassen, wo angesichts der uuthätig verharrenden russischen Gendarmerie die Einrichtungen. Fenster und Thüren fast sämmtlicher nächst dem Bahnhof gelegenen Hau,er gänzlich vernichtet und mehrere gegenüber gelegene Magazine vollständig ailSgeplündert wurden. Zur Minderung der Noth hat der kaufmännische Verein „Geschäftshallefeine fämiut lichen Räumlichkeiten als Obdach für die Flüchtlinge angewiesen und deren Verpflegung nach Möglichkeit nnerrtgeltlich besorgt. Der geräumige Saal der „Geschäftshalleals Nachtquartier, wo 13-1 Kinder, 53 Frauen und 3'.« Sieche, Männer und Greise mit Gepäck und geretteter! Habseligkeiten herumlagen, bietet einen erschütternden Anblick. Zwei Frauen hatten vor Schrecken im Saale frühzeitige Todtgeburte», fünf außerhalb desselben; zwei Männer bekamen einen Schlagaltfall und mehr als zwanzig Kinder erkrankrcu. Nachdem das Werk der Verwüstung fast beendet war, rückte in Woloczyska russisches Militär ein. das viele Ruhestörer verhaftete. Noch ärger als in Woloczyska scheint es in anderen südrussischen Städten zugegangen zu sein. So sollen fast sämmtliche längs der Südwestbahn gelegenen Städte von den aufgeregten Massen arg mitgenommen worden sein." Solchen Zuständen gegenüber bietet es einigen Trost, wenn aus Petersburg vour 'J3. Mai berichtet wird: „Der Kaiser ertheilte heute einer Deputation der hiesigen jüdischen Gemeinde, bestehend aus Baron Günzburg, den Banquiers Sack und Passower Audienz und unterhielt sich mit denselben huldvollst." Näheres giebt folgende Depesche: Der Kaiser empfing heute Mittag in Gatschina eine Abordnung der hiesigen jüdischen Gemeinde. Die Abgeordneten, fünf an der Zahl, wurden vom Bahnhof in Gatschina in Hofwagen abgeholt, im Palast des Kaisers vom Grasen Woronzow - Daschkow empfangen und sodann in das Vorzimmer vor dem Cabinet des Kaisers geleitet, wo der Kaiser die Herren allein empfing. Baron Günzburg, einer der jüdischen Vertreter, richtete eine kurze Ansprache an den Kaiser, in welcher er sür den den Juden bisher ertheilten Schutz dankte und um den weiteren Schutz derselben bat. Ter Kaiser unterhielt sich mit den Abgeordneten äußerst gnädig, hörte in zwangloser Unterhaltung alles an, was fie vorbrachten, forderte dieselben auf, ihm ihre Bitten und Anliegen durch den Minister des Innern schriftlich zugehen zu lassen, und sagte zum Schluffe, die Vertreter möchten allen ihren Glaubensgenoffen mittheilen, daß für ihn irgendwelche Unterschiede zwischen treuen Unterthanen in Bezug auf das Religionsbekenntniß und die Nationalität nicht beständen, daß die Judenverfolgungen nur ein äußerer Vorwand seien und daß er wohl wisse, daß Juden und Christen lange Zeit hindurch in Frieden neben einander gewohnt Härten. Tie verbrecherischen Unruhen im Süden seien nur das Werk vou Anarchisten, denen die als Mittel zum Zweck gebrauchten Juden nur zum Vorwand dienten. Die Abordnung kehrte von dem Empfange des Kaisers im höchstem Maße befriedigt nach Petersburg zurück. Ferner: Der General Gouverneur von Charkow, Fürst Swjatopotk Mirsky, hat eine Proklamation erlassen, in welcher es heißt: Wenn auch die Verfolgungen der Juden in Kiew und Clisabethgrad schnell unterdrückt und die Schuldigen verhaftet worden find, fo ist doch durch die Erregung der Gemüther ein schädlicher Einfluß auf Handel und Industrie ausgeübt worden. Dieser Zustand darf nicht andaucru. „Vom Kaiser all die Spitze von sechs Gouvernements gestellt, werde ich meine Aufgabe mit aller Energie er füllen und mit Aufwendung aller mir zur Disposition stehenden Mittel für die Erhaltung von Ruhe und Ordnung sorgen. Tie Juden stehen ebenso wie alle anderen treuen Unterthaneil des Kaisers unter dem Schutze der Regierung, ihre Personen und ihr Eigenthum müssen daher ebenso respeetirt werden. Ich fordere daher alle Gutgesinnten auf, zur Beruhigung der Gemüther nach allen Kräften beizutragen und gebe bekannt, daß ich bei gegen die Juden vorkommenden Gewaltthätigkeiten mit der größten Strenge gegen die Ruhestörer Vorgehen und nicht zögern werde, die Gewalt der Waffen und die Kriegsgerichte anzuwenden.-