Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-06-07 · Heft 23 (7.6.1881) · p. Seite 372

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 23 (7.6.1881)
Date
1881-06-07
Page
Seite 372 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3227339-3227363--39007-3308281
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

372 ten Pferden herab ergriffen sie im schärfsten Trabe die Flüchtenden, drängten das Volk im schnellsten Schritt zurück, ohne jemanden zu verletzen, immer rechtzeitig das Pferd parirend, die Gewandtheit der Roste sowie der Reiter war wirklich bewundernswerth. Des Nachts bivouakirte das Militär auf den größten Plätzen und durchstreifte in Patrouillen ununterbrochen die Stadt, in der nun die Ruhe vollkommen hergestellt tvar. Gestern Nachmittag begann der Unfug in den anfangs genannten Straßen zwar noch einmal, doch die Auf rührer, von allen Seiten umstellt, beruhigten sich bald wieder und wurden während der Nachtstunden nach und nach festgenommen und auf zwei im großen Hafen liegende Lastschiffe gebracht, wo die aufgeregten Gemüther während der kalten Nacht hinreichend Gelegenheit fanden, sich abzukühlen. Die Lage der Verhafteten, welche übrigens keiner harten Bestrafung entgegensehen, ist dadurch außerordentlich komisch, daß auf dem einen Schiffe die festgenommenen Russen, auf dem andern aber die verhafteten Juden gefangen sitzen. Diese letzteren haben sich ebenfalls Vergehen zu Schulden kommen lasten, welche ihre Festnahme zur Folge hatten. Es ist jedoch im höchsten Grade bedauerlich, zu sehen, daß auch Schüler der höheren Schulanstalten und Leute besserer Stände zu den Aufrührern gehörten. Der verursachte Schaden dürfte 20,000 Rubel nicht übersteigen. — In der Nacht vom 20. zum 27. wüthete in Batum ein großer Brand, durch welchen sämmtliche Häuser hinter dem Gouvernement, die Magazine von Nurihangan Bazar, Kukul, Hantopulo, Huntzarin und einige Straßen vernichtet wurden. Aus Moskau telegraphirt man vom 21. Mai: „Gerüchte über eine bevorstehende Judenhetze haben die! Polizei veranlaßt, Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen. Einige j israelitische Familien sind bereits abgereist, andere beeilen! sich, ihre Wcrthpapiere und Werthsachen bei der Bank behufs Aufbewahrung einzureichen. Ein großes Zuströmen; von Israeliten aus den westlichen Provinzen macht sich hier! bemerkbar " Jndeß wurde in Moskau die Ruhe nicht gestört. —j JnBerditschew, wo über 70000 Juden und nur 0000 Christen wohnen, organisirten die Juden eine Bürgerwchr, besetzten die Thore, ließen Niemand einpassiren. der sich nicht legitimiren konnte und bereiteten sich, jeden Angriff abzuwehrcn, der jedoch bis jetzt glücklicher Weise ausblieb. Eigenthümlich gestalteten sich die Dinge in Warschau. Sowohl die polnische Preffe als auch die polnische Geistlichkeit machten die größten Anstrengungen, um die Bevölkerung ruhig zu erhalten. Andererseits wird behauptet, daß es deutsche Einflüsse gewesen sein sollen, welche den bekannten Warschauer Exccß hervorriefen. Zur Begründung führt man an, daß die Agents provocateur« die Menge halb in deutscher. halb in polnischer Sprache haranguirt, und daß deutsche Fabriksarbeiter (man nennt die Fabriken mit Namen) das Hauptcontingeni zu den Excedcnten gestellt hätten, ferner daß auch die Flüchtlinge aus Kiew die deutschen Colonisten in der Umgebung dieser Stadt als Haupttheilnehmer an den dortigen Raubanfällcn bezeichnen. Der Warschauer Bisthumverweser Sotkiewicz hat am Sonntag irr den Kirchen der Hauptstadt des Königreich- Polen ein Rundschreiben verlesen lasten, in dem er rechtzeitig gegen die Judenverfolgungen Stellung nimmt. Der Prälat warnt die Gläubigen vor den nichtswürdigen Menschen, welche unter der Maske des Religionscifers sie gegen die Nichtchristen auszuhetzen versuchen, und ermahnt sie, den Beweis zu liefern, daß sic die Vorschriften des katholischen Glaubens ernst nehmen. „Auf diese Weise", heißt es in dem Ausrufe, „wird die Eintracht mit unseren andersglänbi gen Mitbürgern aufrecht erhalten und unser friedliches und des Friedens so sehr bedürftiges Land vor Unheil bewahrt bleiben." Die polnische Presse wandte sich mit einem Appell an die Bevölkerung Warschaus, für die Ehre der Stadt cinzu- : treten und. die Ordnung aufrecht erhalten zu helfen. Einige Versuche, von Fabrik- und Eiscnbahnarbeitcrn; gemacht, wurden deshalb leicht unterdrückt, da die polnische Bevölkerung keinen Theil daran nahm. Und so bleibt uns heute nur noch die traurige Pflicht, ein Bild von dem Elend zu geben, daß sich an der österreichisch-russischen Grenze entrollte. Die „N. fr. Pr." berichtet vom 20.: „Die jüdische Bevölkerung von Woloczyska, einem russischen Städtchen, das von dem galizischen Podwoloezyska nur durch ein schmales Flüßchen getrennt ist, und Umgebung, schon aufgeregt durch die Schreckensnachrichten aus vielen südrussischen Städten, war durch Drohungen und Warnungen, daß für den 1.7. Mai ein Angriff auf Woloczyska geplant sei, in große Angst versetzt. Ta die russische Behörde keine Maßregeln, sie zu schützen, traf, so floh der wohlhabende Theil der Bevölkerung, während die Zurückgebliebenen das Nöthige zur Gegenwehr einlcitctcn und die Bauern aus gütlichem Wege von der Betheiligung an Ausschreitungen abmahnten. Am I 5. Mai gegen Mitternacht tönten Jammcr-! geschrei und Hülferufe von Woloczyska herüber, sodann I Sturmläuten in drei Intervallen. Die Einwohner und das j Militär unserer Stadt eilten der Grenze zu, woselbst sich ' ein schreckliches Bild bot. Hunderte von Frauen, halb nackt, zumeist uothdürftig bekleidet, Säuglinge auf den Armen, die! übrigen Kinder nach sich ziehend, drängten jammernd und! schreiend über die Grenze. In unserer Stadt lagerten sie; sich thcils in den ohnehin überfüllten Häusern auf nacktem Boden, theils zogen sic jammernd durch die Straßen. Der eingeleile'c Ueberfall in Woloczyska gelang allerdings nicht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.