Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1881)
- Date
- 1881-06-07
- Page
- Seite 371 (sequence 5)
- Language
- German
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371 folgnngen seien, hielten es die Generale für rathsam, die Macht, die in ihre Hand gelegt war, zur Anfrcchthaltung der Ruhe zu gebrauchen. Leider sind die schlimmen Folgen der anfänglichen Connivenz nicht mit einem Schlage abzuwenden. Die Judenmassacrcs gehen epidemisch weiter, in mehreren mittleren und kleineren Orten sind in den letzten Tagen wiederum brutale Gewaltthätigkeiten verübt worden." In der That kann die oben ausgesprochene Ansicht wenig durch die Art widerlegt werden, in welcher sich der neue russische Minister des Innern, Gras Jgnatiew, über die Borgänge in seinen: jüngsten Rundschreiben ausgelassen hat. Er bemerkte nur: „Tie Bewegung gegen die Juden in den letzten Tagen sei ein trauriges Beispiel dafür, wie Leute, die dem Thron und dem Vaterland ergeben seien, böswilligen Einflüsterungen folgend, in völligem Mangel an Verständnis; für ihre Handlungen zu solchen Ausschreitungen gelangten. Derartige Störungen der Ordnung sollen nicht nur auf's strengste verfolgt, sondern vorsorglich verhütet werden." Bemerkenswerth dagegen ist: „Wie der Wiener „Pvlit. Corr." aus Lemberg unter dem 3'.'. milgetheilt wird, stellen die daselbst aus Kiew cinlangenden Nachrichten außer Zweifel, daß sich die durch die Ausschreitungen gegen die Juden in dieser Stadt und ihrer Umgebung ausgebrochene Panik gegenwärtig auch der Großgrundbesitzer und der wohlhabenden Käuflentc christlichen Bekenntnisses zu bemächtigen beginnt, indem in einzelnen Proklamationen und in den Aeußerungen des Pöbels sehr bedrohliche Anzeichen dafür vvrliegen, daß die Judenkrawalle sich auch gegen die genannten Bevölkerungs-Klaffen zu wenden beabsichtigen, falls die Negierung nicht durch Anwendung entschiedener Mittel rechtzeitig dem Umsichgreifen der Bewegung vvrbeugt. Es heißt, daß vorläufig Beamte aus Kiew auf das flache Land entsendet wurden, um die Massen zu beschwichtigen, eventuell durch Androhung von Repressalien einzuschüchtcrn." Wir kommen nun zu den Vorgängen in den großen Städten des Reiches. Odessa, 17. Mai. Die schon lange Zeit in dem niederen Volke gegen die Juden herrschende Gährung sollte bereits in den Feiertagen zum Ausbruch kommen. Die starke militärische Besatzung der Stadt jedoch, noch mehr aber anhaltender Regen verhinderten an diesen Tagen sowie an dem folgenden Sonntage größere Zusammenrottungen; der letzte Sonntag dagegen war vom Wetter außerordentlich begünstigt. Das Militär stand zwar marschbereit in den Caserncn und auch von der Polizei waren verständige Anordnungen (Ver bot des Brantweinausschankcs u. s. w.) getroffen worden, doch zeigte» sich nur sehr selten Patrouillen, wodurch die Frechheit des Pöbels noch mehr stieg. Eine beängstigende Spannung herrschte in der ganzen Swdt, kein Magazin war geöffnet, was an den christlichen Feiertagen sonst bei den den Juden gehörenden Magazinen stets der Fall ist, ebenso waren in den von Juden bewohnten Stadttheileu alle Hansthüreu und Fensterläden geschloffen und hinter den durch eiserne Gitter geschützten Fenstern drängten sich Kops an Kops die gcängstigten Bewohner, ihrem Schicksal in stummer Ergebung entgcgensehend. Endlich brach der schon seit frühem Morgen erwartete Sturm ohne besondere Veranlassung Nachmittags gegen 5 Uhr los. Ein entsetzliches Pfeifen und Schreien ertönte vom Tolschok (Krammarkt), wo eine Baude von über 100 Mann Arbeitern und Vagabunden, Bessergeklcideten und Lumpen, Alten und Jungen, alle Verkaufsbuden zerstörten. Dasselbe geschah zu gleicher Zeit aus dem alten und dem griechischen Bazar, von wo sich der Aufruhr in wenigen Minuten über die ausgedehnte Stadt ausbreitete. Bon den Wachtthürmcn wehten als Alarmsignale blutrothe Flaggen, Militäruutcrstütznng für die an Zahl zu schwache Polizei herbcirufcnd. Doch inzwischen nahm der Unfug immer größere Ausdehnung an; die tobende Menge wuchs zu Tausenden. In der Tiraspolskaja-, Uspenskaya und Kriwajastraße, in denen sich die öffentlichen Häuser befinden, deren Besitzer fast nur Juden sind, drangen die Aufrührer schon in die Wohnungen und warfen Möbel und Betten auf die Straßen. Aus einzelnen Wirthshäusern wurden bereits Fässer mit Wein und Schnaps aus die Straßen gerollt, dort aufgeschlagen und ausgetrunken. Selbst im Kern der Stadt, in der griechischen Richelieu- und in unserer Hauptstraße, der Rue de Ribas, wurden dann bei Juden und Christen Fenster und Thüren zertrümmert und mit Ausplünderung einzelner Magazine begonnen, als im äußersten Augenblick, ungefähr eine halbe Stunde nach Beginn des Aufruhrs, das Militär in die Stadt einruckte und die Hauptplätze besetzte. Durch starke Infanterie- und Kosakenpatrouillen unterstützt, konnte jetzt erst die Polizei ihre Thätigkeit mit Erfolg wieder aufnehmen, da vorher die Verhafteten stets durch die Uebermacht des Volkes wieder befreit worden waren. Schon nach 6 Uhr war die tobende Menge zerstreut, einige 100 Mann festgenommen und die Ordnung wieder hergestcllt. Im allgemeinen hatten sich die Juden trotz ihrer großen Anzahl, Odessa zählt 60,000 jüdische Einwohner, vollkommen passiv verhalten und bei der Vernichtung ihres Eigenthums nur auf lautes Jammern beschränkt. In dieser Weise entgingen sie auch meistens Mißhandlungen. Nur in sehr vereinzelten Fällen traten sie in überwiegender Zahl den Angreifenden entgegen, was zu scharfen Kämpfen und beiderseits zwar starken aber nicht tödtlichen Verwundungen führte. Feuerwaffen scheinen nicht zur Anwendung gekommen zu sein, dagegen auf beiden Seiten scharfe Waffen und dicke Stöcke. Das Vorgehen der Polizei und des Militärs war äußerst energisch, es zeichnereil sich hierbei besonders die Kosaken aus. Von ihren leich-