Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1881)
- Date
- 1881-06-07
- Page
- Seite 370 (sequence 4)
- Language
- German
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370 rort, was sich mitnehmen ließ. Allerdings waren die Opfer an Menschenleben geringer als in früheren Zeiten und an mehreren Orten, wo sich die Plünderer der bewaffneten Macht widcrsctzten, mehr auf Seiten ersterer, als auf der der Inden. Diese aber wurden in das größte Elend versetzt, mußten als Flüchtlinge umherirren, obdachlos und dem bittersten Mangel preisgegeben. Drei charakteristische Züge sind dabei hcrvorzuhcben: 1) daß unleugbar die gesammten Vorgänge geplant, vorbereitet, von Anstiftern hervorgerufen und geleitet waren, die den besieren Ständen angehörten; diese Rolle kann selbstverständlich nur von den Revolutionären gespielt worden sein, welche hierdurch das Volk an Aufstände gewöhnen, zu gewaltsamen Acten erziehen und das ganze Reich mit Scencn der Verwirrung, der Gewaltthätigkeit, der Volksverwilderung überziehen wollten; die im Volke lebende Mißgunst gegen die Juden sollte also den Hebel für den Anfang der revolutionären Volksbewegung abgeben; ein wirklicher Fanatismus und Haß im Volke manifestirte sich hierbei nicht, sonst würden die Personen noch mehr zu leiden gehabt haben, als ihr Besitz. 2) Daß die Regierung Anfangs gegen das Volk Schonung und Nachsicht üben wollte und deshalb den Angriffen auf die Juden ruhig oder lässig zusah, wie sich die» besonders an den beiden Ausgangspunkten, Elisabcthgrad und Kiew gezeigt hat. 3) Daß endlich, als sich der Aufstand nach den großen Centren des Reiches zu verpflanzen drohte, die Behörden energisch einschritten und überall ohne allzugroßc Anstrengungen die Ruhe erhielten oder wiederherstclltcn. So in Odessa, Moskau und Warschau. Gerade diesem Umstande werden wir heute unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden haben. Der Schaden, der in und für Rußland aus diesen schmählichen Ereignissen hervorgegangen, ist außerordentlich groß. Zunächst ist die Vernichtung von Eigenthum von bean. Dieselben wollten Contracte mit hiesigen Getreidebänd - lern zu verhältnißmäßig niedrigen Preisen abschließen, ihr Antrag wurde aber refusirt." Von geringerer Bedeutung ist, daß die russischen Effecten an der Börse gesunken. Dagegen ist cs offenbar, daß Rußland und das russiche Volk an Ansehen in der civiliürten Welt sehr verloren haben, da sich hier eine Barbarei kund that, wie man sie kaum noch für möglich gehalten. Es kann deshalb der folgende Bericht der „Köln. Z." nicht auffallen: „Die Judenverfolgungen in Rußland sollen, wie das „N. W. Tgbl." vernommen haben will, den europäischen Kabinctcn Anlaß zu Verhandlungen über die Frage gegeben haben, ob ein diplomatischer Schritt in Petersburg unternommen und Vorstellungen in dem Sinne gemacht werden sollen, daß die in einem großen Thcile Rußlands vorgckommenen Gewaltacte eine störende Rückwirkung auf die internationalen Geschäfts- und Handelsverbindungen zu üben geeignet sind. Daß diese Nachricht zuerst aus Oesterreich kommt, ist um so erklärlicher, als Galizien am meisten in Mitleidenschaft gerathen ist. Die aus Südrußland flüchtenden Juden haben schon gegen Tausend die galizische Grenze überschritten und darunter Hunderte ohne jede Subsistenzmittel. Wir selbst sind natürlich nicht in der Lage, die Nachricht auf ihre Richtigkeit zu prüfen; seitdem aber die im Jahre 1678 im Berliner Congrcß vereinigten Mächte die Anerkennung der Selbstständigkeit Rumäniens und Serbiens an die Bedingung geknüpft haben, daß die Juden in diesen Staaten in den Vollbesitz der bürgerlichen und politischen Rechte gelangen, haben sie unzweifelhaft das Recht, auch in anderem Sinne gegen die russischen Judenverfolgungen zu protestiren. An eine ausgiebige Geltendmachung dieses Rechtes ist jedoch kaum zu denken. Fügt doch selbst das „N. W. Tgbl." seiner Meldung deutendem Umfang, an manchen Orten beziffert er sich auf Folgendes hinzu: „Welches Resultat diese so intim geführten viele Millionen. Hierzu kommt die Zerstörung des gewerb-! Verhandlungen haben werden, ist vorläusig nicht zu bestim lichen Verkehrs, der sich nicht blos für die einzelnen Orte,; men; es scheint jedoch, daß die von der russischen Regierung sondern auch in den großen Handelsbeziehungen bereits j in den letzten Tagen entwickelte größere Energie in der Unfühlbar macht. Man berichtet nämlich dem „N. W. T." aus j terdrückung der Verfolgungen und Eigenthumszcrstörungen Lemberg vom 17. Mai: „Die letzten Unruhen riefen in! mit diesen diplomatischen Vorgängen in Zusaminenhang steht." Südrußland zahlreiche Bankerotte hervor. Das ganze Aus-! Was letzteren Umstand anlangt, so ist cs in der That aufland hat die Verbindungen mit Rußland abgebrochen. Auf fallend, daß in der Haltung der russischen Generale ein so dem Lemberger Getreidemarkt macht sich dies auch bereits großer Unterschied zu Tage tritt. Während Drentelen in fühlbar. Tie Getrcidepreise steigen. Die hiesigen größten Kiew an der Spitze von 15,0*)0 Soldaten die Zerstörer und Getreidehändler, welche bisher in Rußland Riesenmassen von Plünderer ungehindert gewähren ließ, haben einige Tage Getreide ankauftcn, wollen bis auf Weiteres keine Geschäfte später Dondukow-Kersakow in Odessa und Albedinsky in mit Rußland und keine neuen Contracte in der herannahen-! Warschau gleich energische Maßregeln zur Unterdrückung der den Getreidekampagne abschließen. Nach dem größten südj Tumulte ergriffen. General Drentelen wußte sicher nicht, russischen Getreidemarkt in Jermolince, bei Liszenieff. reist in; was für Wind in Petersburg weht. Als aber Großfürst diesem Jahre kein galizischer Getreidehändler. Wladimir dem jüdischen Banquier Günzburg gegenüber aus Heute langten hier einige Gutsbesitzer aus Südrußland . gesprochen hatte, daß die Nihilisten die Anstifter der Judenver-