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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-06-07 · Heft 23 (7.6.1881) · p. Seite 369

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 23 (7.6.1881)
Date
1881-06-07
Page
Seite 369 (sequence 3)
Language
German
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369 Abhandlung des Aristoteles über Wirkung der Tragödie".! eine Arbeit, welche Bernays' Ruf als eines Alterthnmssorschers ersten Ranges begründete und ihn weit über Deutsch- , lands Grenzen hinaus bekannt machte. Schon vorher hatte er durch seine Monographie über I. I. Scaliger sich als Meister literarischer Darstellungskunst wie als gründlicher Kenner der Geschichte und des Entwicklungsganges seiner Wissenschaft gezeigt, und durch ein paar kleinere Schriften auch als im spätern grieckischen Alterthum, der sog. hellenistischen Periode, wohlbewandert gezeigt. Nachdem er dann im Jahre 186H auf Aristoteles wieder zurückgreifend, dessen verloren gegangene Dialoge aus den noch vorhandenen Trümmern rceonstruirt, sowie in ihrem Bcrhältniß zu den übrigen Werken erörtert und in dem Werke „Theophrastos' Schrift über Frömmigkeit", aus einem Buche des Neuplatonikers Porphyrius ganz bedeutende Stücke des Thcophrastos nachgewiesen und erklärt — überall wo er hingriff, über wichtige Punkte und Fragen der hellenischen Philosophie und Literatur überhaupt Licht verbreitend —, wurde er zu Anfang 1866 nach Ritschl's Abgang von hier an besten Stelle zum Oberbibliothekar und zugleich zum außerordentlichen Prosestor in der philosophischen Facultät unserer Universität ernannt, welche Acmter er seitdem mit unwandelbarer Pflichttreue und stets regem Eifer für das Gedeihen des ihm anvertrauten Instituts verwaltet hat. Hier in Bonn hat er alsdann noch mehrere Schriften verfaßt und publicirt, im Jahre 186*.* eine über die dem Heraclit zugeschriebenen Briefe, im Jahre 1872 eine Ueberfetzung der drei ersten Bücher der aristoletischen Politik, welche sehr bedeutende Textesverbcsterungen brachte; im Jahre 1871» die auch für weitere Kreise interestante Schrift „Lucian und die Kyniker". Im vorigen Jahre veranstaltete er eine mit verschiedenen Beigaben vermehrte neue Ausgabe der oben erwähnten Abhandlung über Aristoteles' Theorie des Drama's, und noch vor wenigen Tagen ward eine neue Schrift vollendet, deren Druck er seit den letzten Monaten geleitet hatte: „Phokion und seine neueren Beurtheiler", eine wie alle seine literarischen Publicationen festclnd geschriebene und inhaltlich einschneidende Arbeit. Es sollte seine letzte sein. Nachdem er schon im Laute des Winters und besonders gegen das Frühjahr hin über seinen Gesundheitszustand geklagt, sing er zu Anfang der vorigen Woche an, sich ernstlich unwohl zu fühlen. Zwar wollte er in gewohntem Eifer auch da noch immer seine Thätigkeit als Oberbibliothekar und als Docent weiter führen, aber schon am Mittwoch übermannte ihn die Krankheit, welche schnell sich steigernd bereits am Freitag in Folge eines schlagflußartigen Anfalles Bewußtlosigkeit herbeiführte. Aus dieser nur vorübergehend erwacht, vollendete er gestern Morgen sein arbeitsames und an wistenschastlichcn Erfolgen so reiches irdisches Dasein. Kann nun hier auch nicht der Ort sein. Bernays' Bedeutung als Gelehrter zu würdigen und die Charakteristik seiner geistigen Eigenthümlichkeit zu liefern, was überhaupt so leicht nicht sein dürste, so möge es doch verstattct sein, wenigstens auf ein Paar Grundzügc dieser letzteren hinzuweisen. Bernays vereinigte in sich zwei Eigenschaften, die selten mit einander verbunden sind: den dem philologischen Forscher eignenden terkritischcn Scharfsinn, welcher bei ihm von einem gewaltigen Gedächtniß und einer ganz außerordentlichen (vielleicht in ihrer Art ciu;igen> Kenntniß der griechischen Prosa unterstützt, oft divinatorisch das Rechte fand, wo andere entweder nichts fanden oder irre gingen; — diesem kritischen Scharfsinn verband sich bei ihm ein philosophischer Tiefblick, mit dem er nicht nur den speculativen Denkrichtungen und Gedankcncntwicklungcn des Altertbnms wie der neueren Zeit im Allgemeinen verstand nißvoll nachzngehen vermochte, sondern auch die versteckteren Meinungen und Queller: der Urthcile auf;udecken im Stande war. Dazu kam dann eine unendliche Belesenheit au: großen Gebieten der Literatur, welche die Bibel und ihre Auslegung bei den Juden wie bei den christlichen Theologen. alten U'ie neueren, welche die Geschichte der alten Zeit wie der letzten Jahrhunderte, die schöne Literatur der wichtigsten Culturvölker umfaßte, und deren Ertrag 'ein lebendiger Geist gleichsam immer präsent hatte. Welche Früchte hätte seine stu pende Gelehrsamkeit, seine originelle Begabung noch zeitigen können, wenn ihm ein längeres Leben vergönnt gewesen wäre! Er selbst verlangte freilich nicht danach, und drückte seiner Umgebung mehr als einmal den Wunsch aus, lieber noch bei voller Kraft hinweggerafft zu werden, als ein hohes Alter zu erreichen, welches ihm, dem Unbeweibten und Kinderlosen, nur ein freudenloses sein würde. Der Wunsch ist erfüllt worden. Unsere Universität aber ist in ihn: einer ihrer Zierden beraubt worden, und seine College:: und Freunde, ja alle Freunde ernster Wissenschaft, werden die durch seinen unerwarteten Tod gerissene Lücke mit theilnehmendem Schmerze empfinden." Die Verfolgung der Juden in Zndrniiland. iv. Seit mehreren Jahrhunderten hat feil: Land der Erde für die Juden so traurige, schreckenerregende Borgänge gebracht :oie Rußland gegenwärtig, im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts. Wie eine Epidemie verbreitete sich die Plünderungs- und Raubsucht unter den russischen Bauern und Kleinstädtern, richtete sich gegen die Inden, ob diese arm oder begütert seien, zerstörte deren Eigentlnun in vandalischer Weise, Häuser, Mobilien und Waaren und schleppte

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