Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1881)
- Date
- 1881-05-31
- Page
- Seite 361 (sequence 11)
- Language
- German
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361 zählung erlogen ist, braucht wohl nicht gesagt zu werden und ist es unsererseits nicht nothwendig, den Minister in Schutz! zu nehmen. Lügen haben jedoch furgc Beine und es drängt! sich auch sür die Parteigenosien des Herrn Schreiber die Frage aus: warum ist er zur zweiten Sitzung gekommen? Da kannte er doch bereits die „schlechte Gesellschaft", in die er gerathen war. Wie mögen die Gesinnungsgenosien des Herrn Schreiber, welche bei der Enquete anwesend waren, gelächelt haben, als sie die mehreren Zeilen umsaffende „Rede" gelesen haben, welche Herr Schreiber gehalten haben soll! Nein, reden! kann Herr Schreiber nicht, in keiner Sprache und in keinen Idiome. Er gurgelte einige Worte heraus, die man erst zu Sätzen combiniren mußte. Er versteht auch gar nicht, was gesprochen wird, und kam es sogar vor, daß er ans Unwiffenheit gegen seine eigenen Gesinnungsgenossen und mit der Gegenpartei stimmte. Es dürfte überhaupt unter Rabbinern selten eine geistig so unbedeutende Persönlichkeit Vorkommen, wie Herr Schreiber ist, körperlich nimmt er allerdings einen bedeutenden Umfang ein. Um zu zeigen, wie weit der Wahnwitz sich steigern kann, will ich anführen, daß Herrn vr. Kuranda imputirt wird, er hätte erklärt, er sei ein warmer Freund von Eisenmenger und Rohling. Doch genug! Es ist für einen anständigen Menschen nicht angenehm, in derartiger Gesellschaft zu weilen. — Nach der jüngsten Bolkszählung befinden sich in1 Wien ohne die Bororte 705»,402 Seelen und darunter 72,543 Juden. Bei der letzten Bolkszählung im Jahre 1860 betrug deren Zahl 40,230. Wie«, 18. Mai. Die Judenhetzen in Südrußland ziehen Galizien stark in Mitleidenschaft. Tie Zahl der über die Grenze Geflüchteten beläuft sich, mäßig gezählt, bereits auf 5000. Gestern Nacht wurden sämmtliche Häuser um den Woloczysker Bahnhof (russische Grenzstation) dcmolirt. Im Podwolczyskaer Bahnhof (galizische Grenzstation) sind 000 Kinder unter sechs Jahren mit ihren Müttern nntergebracht, 1500 Flüchtlinge kampiren dort im Freien. Tie Karl-Ludwigsbahn hat den Güterverkehr nach Rußland fast ganz eingestellt. — Bon der Donau, den 12. Mai. (Privatmitth.) Am 8. d. M. fand in Wien die Bermählungsfcier des Kronprinzen Rudolf mit der Prinzessin Stephanie statt nnd hat es an loyalen Kundgebungen seitens der Juden nicht gefehlt. In allen jüdischen Gemeinden der Monarchie wurde Festgottesdienst abgehalten, in mehreren Gemeinden wurde zur Feier dieses Ereignisses der Grundstein zu neuen Synagogen gelegt und einzelne reiche Juden haben zur Erinnerung an diesen Tag nicht unbedeutende Stiftungen gemacht. Unter den Huldigungs- und Gratulations-Adressen, die dem Kronprinzen überreicht wurden, befinden sich auch eine Huldigung-- und Gratulations-Adresse von 400 Rabbinern Ungarns und Siebenbürgens, eine ähnliche Gratulations-Adresse von den Rabbinern Galiziens und der Bukowina, ferner eine Hnldigungsadreffe des Großrabbiners in Tripolis in seinem und im Namen der Israeliten der Berberei. Lemberg, 15 Mai. Wie man aus Lemberg meldet, hat das dortige General-Kommando am Freitag die Entsendung einer Abtheilung Infanterie nach Podwoloczyska verfügt, woselbst in Folge der in den angrenzenden russischen Provinzen ausgebrochenen Judeukrawalle gegenwärtig mit jedem Tage immer zahlreichere Flüchtlinge zusammenströmen. Diese Truppensendnng wurde über Reclamation der politischen Behörde verfügt, weil die Berichte der Bezirkshauptleute und der Kommiffariate an der Grenze die Ergreifung von Präventivmaßregeln als wünschenswerth bezeichnetcn, in- I dem vielfach, namentlich in Judenkreisen, die Besorgniß ge- > äußert wird, daß ohne die Anwendung rechtzeitiger Porsicht! die gewittcrartig von Kiew nach Westen sich ausbrcitende! Bewegung die österreichische Grenze eventuell überschreiten und namentlich in das von der russischen Grenzstation Wo loczyska nur durch eine Brücke getrennte Podwoloezyska hin-- übcrdringen könnte. Nach einer in jüdischen Kreisen allgemein verbreiteten Behauptung soll nämlich Woloezyska in der That zum Objekte eines von russischen Bauernbanden verabredeteren Raubanfalls ansersehen sein. Gemeine Habgier scheint übrigens nicht das treibende Motiv der russischen Unruhestifter zu sein, indem eonstatirt ist, daß in den Galizien benachbarten Schauplätzen der Judencxceffe nur sehr vereinzelte Fälle der Aneignung von Werthsachen und Geld vorge kommen, dagegen systematisch alles jüdische Eigenthum zerstört und vernichtet wird. Frankreich. Paris, 20. Mai. (K. Z.) Tie russischen Israeliten in Paris, die über beträchtliche Geldmittel verfügen, an ihrer Spitze die Bankhäuser Ephrussi und Güntzbnrg, sind znsainmengetreten. um darüber zu berathen, wie sie ihren verfolgten Glaubensgenossen in Südrußland rasche und wirksame Hülse spenden könnten. (Aveb. isr.'1 Die 14. Generalversammlung der Alliance univ. i>v. hat am 16. d. stattgefunden. Es waren jedoch von den 30 <> Pariser Mitgliedern nicht 200 Personen erschienen, von denen mehr als die Hälfte Damen waren. Der Bieepräsident S. H. Goldschmidt eröffnete die Sitzung mit einigen Worten i des Gedächtnisses an Cremieur. Ter Generalsekretär Leven : gab einen Bericht über die Lage der Israeliten in Rumänien, ^Serbien, Marokko u. s. w.: der Schatzmeister Leonce Lehj mann den Finanzbericht. Die eigentliche Rede hielt Großrabbiner Isidor, und nachdem er begeisterte Worte dem An-