Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1881)
- Date
- 1881-05-31
- Page
- Seite 357 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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357 goge, wo sic die Bundcsladc aufrissen, alles an Werth Vorhandene — die silbernen Gcrälhe und sonstigen Schmuckgegenstände — einsackten, die Pergamentrollcn zerschnitten und das Gebäude demolirten. Andere zogen in die Michae-' lowskaja, wo viele reiche Juden wohnen, und demolirten die Wohnungen, nachdem sie dieselben ausgeplündert hatten. Dann zog man in die Wladimirskaja und in die Alexandrowskaja, um dort in gleich barbarischer Weise zu wirthschäften. Ueberall, wo die Rotte einfiel, slüchtetcn die Bedrängten, um sich der blinden Wuth der betrunkenen, beutegierigen Menge zu entziehen, die sinnlos Alles zerstörte. Wehe dem, der sich ihnen in den Weg stellte. Ein Jude, der sein Eigenthum zu schützen suchte, wurde von den Plünderern vom dritten Stockwerke ans das Straßenpslaster geworfen und blieb tobt, und ein jüdischer .Knabe endete unter den Händen der Wütherichc, die mit Steinen umherwarsen. Durch einen solchen Steinwurf wurde auch ein Oberst getödtet, der endlich, als die Verwüstung auf's Höchste gestiegen war, mit seinen Truppen herbeigezogen kam. Cs hatte sich nämlich auch ein Haufe der Plünderer nach dem Stadtviertel Dimiewka begeben, wo sie die ausgeraubten Häuser anznzünden begannen. Tie Juden hatten im Laufe des Tage? eine Deputation zum General-Gouverneur Trentelen gcschick t dem ehemaligen Chef der dritten Abtheilung, und um Schutz ihrer Person und ihres Eigenthums gefleht. Es war wohl zunächst Polizei und Militär ausgerückt, aber die Polizei sah ruhig, ohne einzuschreiten, dem Vorgehen der Excedenteu zu, und die Kosaken halfen den Plünderern aufräumen. Cs hatte fast den Anschein, als härte die Behörde ihre Freude an diesem Treiben. General Drentelen sagte den um Schutz flehenden Juden, er könne nichts für sie thun, er könne wegen einiger Juden seine Soldaten nicht in Gefahr bringen. Die Juden mögen sich nur selber helfen, da sic ja sonst recht: gut wissen, wie sie diese Leute zu behandeln haben. So; kam die Nacht vom Sonntag. Die Plünderer, die sich an ' den geraubten Spirituosen toll und voll getrunken hatten,; machten in ihrem Zerstörungswerke eine Panse. Am Montag begann die Plünderung von neuem. Man zog vor die' Bierbrauerei und Brantweinbrennerei der Firma Brodskn, die gegen 200 Arbeiter beschäftigt. Diese mußten der Uebcrmacht weichen, das Gebäude wurde dcmolirt, die Bierfässer und Branntweinfüsser ließ man auslaufen, nachdem Alles wieder berauscht war. Daun zog man zur Mühle des Brodsky, bei der sich auch ein Zuckermagazin befindet. Tort wurde Alles zerstört, alle Borräthe, namentlich eine große Maste Zucker, in den nahen Dnieper geworfen. Ein großes Tabakmagazin eines gewissen Solomon Korn wurde geleert und demolirt. Man sah junge Bursche, mit gestohlenen Werthsacheu, mit den sonderbarsten Dingen belastet, johlend und schreiend durch die Straßen lausen. Versuchte ein Polizist, ein solches Individuum anznhalten, schrie der Pöbel und ließ die Arrctirung nicht zu. „Wegen der Juden lassen wir Niemanden gefangen nehmen!" schrie die Menge. Endlich schritt das Militär ein, und da die Menschenmasse der Aufforderung, auseinanderzugehen, nicht Folge leistete, wurde geschossen. Wie mau sagt, blieben sieben Plünderer tobt, und viele Andere wurden verwundet. „In Petersburg hat man Mehrere hingerichtet", schrieen die Rädelsführer, „und hier tödtet man uns gar wegen derJudcn!" Dennoch gelang cs bald der bewaffneten Macht, die Straßen von den Plünderern zu räumen. General Trentelen hatte am Sonntag eine Art Kriegsrath gehalten und am Montag ein Placat assichiren lassen, in welchem er ohne ein Wort des Bedauerns unter Constatirung der Vorgänge des Sonntags die Ausrührer zur Ordnung aufforderte. Aber noch den ganzen Montag dauerte der Tumult, bis General Trentelen sich entschloß, energisch vorzugehen. Mittlerweile hatte der Aufruhr sich über das Weichbild unserer Stadt hinaus auszubreiten begonnen. Tie Plünderer zogen ein in die Nachbarorte. um 1 dort ihr Zerstörungswerf fortzusetzen. Hunderte von Fa-! milien sind obdachlos und haben ihr letztes Hab und Gut! verloren. Ter vermögende Theil der Juden verschaffte sich! Pässe und verließ die Stadt; Viele retteten nichts als das nackte Leben." — Ter Verlust an Wertsten jeder Art beläuft sich auf viele, viele Millionen Rubel. Tie Städte Ctisabethgrad und Kietv werden zunächst selbst die Folgen empfinden, Nicht als ob denselben irgend ein Ersatz an die Beschädigten auferlegt werden wird, aber in industrieller und commerzieller Hinsicht kann der Nachtheil nicht ausbleibcn. — Das neueste Telegramm aus Petersburg vom!5. Mai berichtet: Nach einer amtlichen Meldung des Gouverneurs von Jekaterinoslaw wurden in der Stadt Alexandrowsk die Läden der Juden von Eifenbahnarbeitern theilweise geplündert. Weiteren Unordnungen wurde durch das herbeigerusene und noch am nämlichen Tage eingctroffene Militär ein Ziel gesetzt. In der Stadt Konotop im Kreise Auanjcw des Cherson'schen Gouvernements ist, wie im Ministerium des Innern ciugegangene Nachrichten besagen, die Ruhe wiederhergestetlt. — .Kiew. In der Stadt herrscht jetzt Ruhe, da überall > in den Straßen Soldaten lagern. 1-400 Menschen sind ar-! retirt worden, Id verwundet, darunter Gyinnasist Aristarchofi! und ein Student. Eine Frau ist getödtct. Tie Untersuchung ist eingcleitet. Es bestätigt sich, daß die Unordnungen durch Fremde verursacht wurden. Auch in den Orten Schmerinka und Browary haben Judenverfolgungen stattgcfundeu. Berditschew (im Kicw'schen Gouvernement). Soeben kommen hier aus Kiew zwei Extrazüge nur mit Inden an, die sich von dort geflüchtet hatten. Auch aus anderen Ge-