Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1881)
- Date
- 1881-05-31
- Page
- Seite 352 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227339-3227362--38986-3308259- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
352 lei Versuche gemacht werden mußten, bevor das Werk gelang. Ausdauer, Energie und schließlich Zuversicht auf das Gelingen waren dazu erforderlich. Es ist das Verdienst der Herren Dv. Max Lilienthal und l)r. I. M. Wise, unentwegt durch die Hindernisse und Schwierigkeiten den Plan! verfolgt und endlich zur Ausführung gebracht zu haben. j Das weitere Verdienst liegt auf anderer Seite. Die Erstar- | kung des amerikanischen Judenthums erwies sich auch dadurch, j daß eine Bereinigung zahlreicher Gemeinden für gemeinsame > Zwecke zu Stande gekommen war. Sie bestand seit längerer j Zeit als Board of Delegaten. reformirte sich aber neuerdings! als Union of Uebrew Congregations. die seht mehr als IOO j Gemeinden zählt. Diese Union (seit 1S7B) erhob die neue Anstalt zu einem ihrer Hauptzwecke und benannte sie Iiebrew; Union College. Hiermit war der Bestand jener gesichert und sie konnte ihre Thätigkeit beginnen. Aber es standen ihr nur ungenügende Räumlichkeiten in den Basements der Synagogen in Plum- und Mound Straße zu Gebote. Da war es Herr Henry Adler, der 10,000 Dollars zu einem Gebäude schenkte, welches ausschließlich für das College be stimnit sei, und damit eine Anregung zu Subskriptionen gab, welche die nöthigen Mittel zu einem großen und höchst würdig ausgestatteten Gebäude ergaben. — Wenn wir oben die Errichtung einer solchen Rabbiner-Bildungsanstalt, die zugleich einen Mittelpunkt für die Pflege der jüdischen Wissenschaft abgiebt, einen Beweis für die Erstarkung des Judenthums in dem Lande nannten, in welchen! sie errichtet wird, so können wir dies als eine Erstarkung des reformirten und als Wissenschaft erncueten Judenthums specialisiren. Unsere Gegner in Deutschland lieben es, weil es in ihren tzram paßt, von einem „Resormjudenthnm" wie von einem halt- und inhaltslosen Dinge, von einem bloßen Product der Auflösung und Zersetzung, ja wie von einer religionslosen Masse zu sprechen. Diese Leute, die auch vor den offenbarsten Tyatjachen, wenn sie aus die Inden ein günstiges Licht werfen,! die Augen zu schließen sich bemühen und sie zu ignoriren suchen, wollen nichts von den großartigen 'Anstrengungen und Spsern wissen, welche die modernen Juden bringen, um dem neuentwickelten Judenthume eine durchaus reale Gestaltung zu schassen, einen festen Boden und sichere Rormen, in zahllosen Synagogen einen eindrucksvollen Gottesdienst, in tausenden von Gemeinden einen angemessenen Religionsunterricht. eine gut iunetionirende Gemeindeorganisarion. die manuichfaltigslen Wohltbätigkeitsanstalten, auch solche, von denen unsere Vorfahren nichts wußten, wie Waisenhäuser, Taubstummen- und Blindenanstalten u. s. w., sowie endlich eine reiche Literatur. 'Als die Blüthe dieser Bestrebungen müssen die Rabbiner Bildungsanslalten betrachtet werden; und so erweist das sog. Reformjudenthum seine Erstarkung und seine Wesenheit durch die Gründung solcher Hochschulen wie die zu (Metz-) Paris, Padua, deren Wiederherstellung freilich zu wünschen bleibt, Breslau, London, Berlin, Pest, wozu sich nunlnehr auch Cincinnati gesellt. Die Reihe derselben ist, wie man sieht, im Wachsen und wird und muß sich noch stark vervielfältigen. Indem das College sein eigenes Gebäude bezog, hat es eine dauerhafte Gestalt gewonnen, und wenn es nach seiner kurzen Dauer noch manche Mängel und Lücken hat, so wird es sicher nach größerer Vollständigkeit streben und sie erreichen. Tadeln ist leicht, bessermachen schwer. Das amerikanische Judenthum hat sich damit von der alten Welt emanzipirt, ist selbständig und ganz amerikanisch geworden. Es wäre eigennützig von uns in der alten Welt, wenn wir dies nicht als ein höchst günstiges Ereigniß anerkennen wollten. Abhängigkeit von anderen Ländern ist stets ein Zeichen von Unmündigkeit und Unreife. Fällt jene fort, so niuß diese aufgehört haben, und vom allgemeinen Standpunkte des Judenthums ist dies nur wünschenswerth und erfreulich. Mag da noch Manches den Charakter der Jugendlichkeit, des Schwankenden und Uebercilten an sich tragen: die männliche Reife wird nicht ausbleiben und der geistige Zusammenhang mit dem Judenthum der alten Welt und besonders Deutschlands wird nicht aufhören! Wir geben nun einen Bericht, größtentheils nach dem „Tägl. Cincinnati Volksblatt" vom 25. April. Das von der Union jüdischer Gemeinden der Ber. Staaten für das Hebrew Union College angckaufte Gebäude, Nr. 4X4 West Sechste Straße, wurde gestern in feierlicher Weise vom Executiv-Comito der Vereinigten Gemeinden an den Board derGouverncuredcsCollegs übergeben. Das prachtvolle Gebäude, zu dem von der Straße aus mehrere Stufen führen, liegt von der Straßenfront zurück uud wird der Zwischenraum von einer hübschen Garten-Anlage ausgefüllt. Es hat 50 Fuß Front, während das Grundstück 00 Fuß Front hat, und ist 140 Fuß tief und drei Stockwerke hoch. Der Eingang liegt zwanzig Fuß über dem Straßen Niveau. Eine Marmortafel über dem Eingang mit der Inschrift „Hebrew Union College" zeigt den Zweck des Gebäudes an. Das Innere des Hauses nt zweckentsprechend umgemadelt worden. Eine große Vorhalle läuft mitten durch das Gebäude im Erdgeschoß, und östlich davon ist das Bibliothek-Lokal, das sehr geräumig und hell ist, und an dessen Wänden die Bü-! cherschränke, welche die etwa OOOO Bände umfassende Bibliothek enthalten, angebracht sind. Tie Bibliothek wird mit Facilitätcn zum Lesen und Schreiben ausgestattet werden und! in derselben demnächst auch wissenschaftliche Zeitschriften auf-! liegen. Auf der Westseite des Erdgeschosses liegen die Bü-! reaus des Präsidenten, der Gouverneure und Secretäre und I dahinter befinden sich die Zimmer des Pedells. Im zweiten Stockwerk befinden sich sechs größere und ein kleineres Schulzimmer, sowie das Äonferenz-Zimmer für die Professo-