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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-05-24 · Heft 21 (24.5.1881) · p. Seite 344

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 21 (24.5.1881)
Date
1881-05-24
Page
Seite 344 (sequence 10)
Language
German
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344 auch politisch entwickelt und meistens, wie es unsere Verfassung beweist, der lieberalen Gesinnung zugethan. Es besitzt außerdem die unschätzbare Eigenschaft, für alles empfänglich zu sein und sich Fremdes, wenn es sich als vernünftig und vortheilhaft erwiesen, schnell anzueignen. Greifen wir nun die Wissenschaft, auf die es mir hier; ankommt, die Theologie, heraus und sehen zu, in welcher! Weise sie hier zu Lande betrieben wird und wie sich ihr > gegenüber die jüdische Wissenschaft verhält.! Die christliche Theologie nimmt hier ganz denselben j Rang ein, wie in anderen Ländern; sie bildet an allen vier! Universitäten eine besondere Facultät und wird ebenso wissenschaftlich behandelt wie Jurisprudenz, Philologie u. s. w. Jährlich werden vom akademischen Senate auch auf diesem Gebiete Preisfragen ausgeschrieben, wodurch den Studirenden Gelegenheit geboten wird, ihren Wissenskreis durch erweiterte Privatstudien auszudehnen. Außerdem besteht eine Anzahl christlich-theologischer Seminarien, zum Theil auch mit vom Staate erlangten jus promovendi. die aber alle aus akademischem Fuße eingerichtet sind. Wie sieht es aber hier mit unserer jüdischen Theologie aus? — Wie ein armes verwaistes Kind geht sie einher und kann nicht im entferntesten Anspruch auf den Charakter einer Wissenschaft machen. Bon orientalischer Sprache und Literatur, von philosophischer Ethik, von gründlichen historischen Forschungen, von karäischen Schriftstellern u. s. w. hat man hier gar keine Ahnung und will auch nichts davon wissen. — Daß dies nicht aus Maugel au Interesse für jüdisches Wissen herrührt, ist allgemein bekannt, denn außer tu Rußland und Galizien giebt'S in ganz Europa keine orthodoxeren Juden als in den beiden Niederlanden; Chumesch mit Raschi lernt hier jedes Kind, Gemara jeder Theolog, aber — dabei bleibt es auch'. — Tic Frage, warum hier unsere Theologie nicht wissenschaftlich betrieben wird, ist eigentlich schon halb durch die Thatsache beantwortet, daß hier die echten Orthodoxen den größten Theil unserer jüdischen Bevölkerung ausmachen, die sich förmlich scheuen, jüdische Schriften mit einem unbefangenen Auge Zu betrachten, während die liberalen Juden hier den schroffsten Contrast bilden und Allem, was mit jüdischem Wissen in Berührung steht, ganz den Rücken gekehrt haben. Der Hauptgrund dieses traurigeren Zustandes jedoch liegt in dem noch traurigeren Factum, das; wir keine wissenschaftliche Lehranstalt für die jüdische Theologie besitzen; denn auf diesen Charakter kann und will das hiesige Rabbiner- Seminar keinen Anspruch machen. Aus diesem, der einzigen Bildungsstätte für holländische Rabbincn, kann daher unmittelbar kein Mann hervorgehen, der reif wäre, durch belehrende Reden dem Publikum unsere in der Thora enthaltenen Schätze zu offenbaren, durch unbefangene Betrachtungen über Bibel und Exegese einen freien Blick in die historische Entwickelung des Judenthums zu gewähren und die Gemeinde vor mystischen Anschauungen entschieden zu wahren. Ist es unter solchen Umständen zu verwundern, daß sich unter den wenigen holländischen Rabbincn mehrere Ausländer befinden? Zu wünschen wäre es im Interesse der jüdischen Wissenschaft, daß Rotterdam eine gute Wahl träfe, daß es einen Mann bekäme, der die Kraft und Energie besitzt, unsere Theologie in Holland auf die rechte Bahn zu lenken. Türkei. In Chios war das Unglück, das besonders die jüdische Gemeinde, die in einer engen Straße, in der alten Benetianischen Citadelle wohnte, doch nicht so groß, wie anfänglich angenommen wurde, wenn auch noch groß genug. Das Bulletin der All. ir. univ. berichtet resumirend: Chios. 21 Todte (1 Mann. 10 Frauen, 1 junges Mädchen, 4 Knaben, 4 kleine Mädchen und 1 neugeborenes Kind) sind durch die Fürsorge des H. Pariente und seiner Genossen aus den Trümmern gezogen und beerdigt worden; 2 Frauen, 1 junger Mann und 1 kleines Mädchen sind lebend aufgegraben worden; 3 junge Mädchen, 1 Frau und 4 Kinder sind unter den Trümmern geblieben. Mit der Bertheilung der Unterstützungen sind die Hh. I. Jssacher und I. Beja beauftragt. 24 Verwundete jeden Alters sind nach Smyrna geschasst worden und 2 in Chios geblieben. — Tschesme. 2 Kinder todt und 4 Frauen verwundet; 27 Familien, ans 100 Personen bestehend, sind in Bedrängniß; 6 besser situirte Familien, 35 Seelen zählend, brauchen momentane Unterstützung. Die Bertheilung ist den Hh. Rbb. Mat. Alulaf, M. Leon und Gabriel Jerusalmi übertragen. Amerika. Cincinnati, 25. April. (Privatmitth.) Gestern wurde das herrliche Gebäude des Utzbrew-Union-OolleFe feierlichst eingeweiht. (Das Nähere in nächster Nummer.) Bonn, 15. Mai. (Notizen). Man schreibt aus Wien: Baron Eugen v. Morpurgo hat anläßlich des Bermählungsfestes bei dem Reichskriegsministerium eine Stiftung von 15,000 st. in Staatsnotcn erlegt, welche nach dem Rathe des Herrn Reichskriegsministers ausdrücklich zur Unterstützung für die Wittwen und Waisen hoher Militärs bestimmt wurde; eine derartige Stiftung war nämlich bisher nicht geschaffen worden. In Ermangelung der bezeichneten Unterstützungsbewerber sind Wittwen und Waisen anderer verdienstvoller Ofsiciere zu berücksichtigen. Das Reichskriegsministerium hat Herrn Baron Eugen v. Morpurgo den verbindlichsten Dank für die großmüthige Spende ausgesprochen. — Jüngst wurde

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