Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1881)
- Date
- 1881-05-24
- Page
- Seite 342 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227339-3227361--38975-3308247- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
342 die Ueberlast kleiner Gemeinden gemindert werden. Es sollen j sichtlich die 4 Vororte als Localvereine bestehen bleiben, die richtigen Kanäle geschaffen werden, durch welche das vor- Dem ausmerksamen Beobachter drängt sich die Frage auf. handcne Waffer nach allen Richtungen hin zur richtigen Vertheilung über die ganze Flur geleitet und vor Versumpsung geschützt werden soll. Wenn sich auch die Quelle der Armuth nicht verstopfen läßt, so soll eine möglichst gleichheitliche Vertheilung der Gaben unter Berücksichtigung der Würdigkeit und Bedürftigkeit des Empfängers geschehen und schließlich dem Chillul Haschem gesteuert werden, der durch das Umherziehcn der oft in venvahrlostem Zustande befindlichen Bettler entsteht, die hie und da schon manche Krankheit nach irgend einem Ort geschleppt haben können. Die Durchführung einer so eingreifenden Maßregel, wie die Centralisirung des Armenwesens ist, kann nur dann möglich sein, wenn viele und von diesen die größeren Gemeinden sich nickt nur dem Verbände anschließen, sondern auch jede Spende unter Berufung auf die Zugehörigkeit zum Verbände an die Durchreisenden nachdrücklich verweigern. Sobald dies konsequent durchgeführt ist, wird auch der Bettel am betreffenden Orte aufhören und wenn an manchen Orten die Einrichtung, an Bettler nichts zu geben, zwar getroffen war und mit der Zeit wieder verfiel, so liegt'dies tbeils darin, daß seitens der Private die Regel nicht eingehalten wurde, theils verminderte sich der Zudrang deshalb nicht, weil die Bettler in den Rachbar gemeinden noch zu viel Nahrung für ihr Geschäft fanden. Wer jedoch die Bettelei fördert, hat sich nicht über die Bettler, sondern über sich selbst zu beklagen, denn er ruft die Bettelei erst recht in's Leben. Ein Vergleich des Berichtes von 1876 mit dem von 1880 wird dem Leser einen grellen Contrast vor Augen führen. Im Jahre 1876 waren von circa 2;">0 Gemeinden diesseits des Rheins «chie bairische Rheinpfalz ist nicht beim Verband) circa 170 Gemeinden beim Verbände, eS wurden an 6180 Durchreisende 04,121 M. 24 Pf. vertheilt. Das Jahr 1876 kann als die Blüthczeit des Verbandes bezeichnet werden, von da ab vermehrten sich die Bettler, verringerten sich die Gaden, so daß das Jahr 1880 ein unerquickliches Bild von dem Wirken des Verbandes entrollt. Die Anzahl der Durchreisenden an den 4 Vororten Fürth, Augsburg, Bamberg und Würzburg betrug 7338; verausgabt wurden 41,tz62 M. 23 Ps., beim Verbände sind nur noch 73 Gemeinden. Sonach haben fick seit 1870, i*7 Gemeinden abgemeldet , während circa 1210 Personen mehr die Hilfe des wie es mit der imputirten Solidarität der Juden bei dem Umstande stehen mag. daß in diesem Falle weiter ein ausfallender Gegensatz hervortritt. Denn während bei den deutschen Juden das Streben nach Vereinigung und Organisation wach geworden und nach bestimmter Gestaltung ringt, während die Jsolirung der örtlichen Gemeinde einer Bereinigung der getrennten Kräfte zu großen, gemeinsamen Zwecken weichen soll, soll in gegebenem Falle das Gegentheil Platz greisen und die bestehende Organisation gelockert werden. Doch wo Großes und Edles gefördert werden soll, giebt es auch eine hindernde Kraft, die durch allerlei Mittel das Vorwärtsstreben hindert und so manchen, scheinbar einleuchtenden Grund gegen das Bestehen des angestrebten Schönen vorzubringen weiß. Die Hauptschuld an dem derzeitigen Mißstand beim Verbände trifft die Landgemeinden, die unter der Angabe, daß die Bettler dennoch sie aufsuchen, aus dem Verbände schieden und noch scheiden. Wir geben gern zu, daß die Bettler diese Gemeinden besuchen, man kann dies Niemanden verbieten. Allein es liegt in der Hand der von Bettlern heimgesuchten Gemeinden, sich solche fernzuhallen, indem sie jede Gabe entschieden verweigern, ohne deßhalb mit dem Gewissen in Conflict kommen zu brauchen. Das sprichwörtlich gewordene jüdische Rachmonus findet hier keine Anwendung, in der Zurückweisung des lästigen Bettels kann umsoweniger eine Härte gefunden werden, als der Wohlthätigkeit keine Schranke gesetzt ist; wenn die betreffenden Gemeinden die Beiträge erhöhen, so kann auch den Bettlern mehr gegeben werden. Die Abschaffung des Hausbettels bewirkt eine rasche Expedirung des Bettlers, er gebraucht weniger Spesen, reist rascher und dadurch wird der sittliche Zustand dieser Personen in demselben Maße gehoben, als das bummlige und kostspielige Verweilen an fremden Orten demoralisirt. Eines Umstandes sei auch noch Erwähnung gethan. Bei der jedesmaligen Gabenvertheilung im hiesigen jüdischen Spitale war früher ein Polizeidiener anwesend, um von den unterstützten Individuen Kenntniß zu erhalten zum Behuse specieller Ueberwachung derselben. Die Polizei wachte darüber, daß die Unterstützten am Tage nach der Unterstützung, jüd sche Feiertage ausgenommen, die Stadt verließen und so unnützer Aufenthalt vermieden werde. Diese Einrichtung bewährte sich vorzüglich, vor kurzer Zeit Verbandes beanspruchten, an welche jedoch über 22,000 M. wurde sie aufgehoben, man wollte darin eine Härte finden, weniger ertheitt werden konnten. Von diesen 13 Gemeinden haben sich in diesem Jahre bereits weitere abgewendet und so tritt demnächst au die beiheiligten Kreise die Frage heran, ob der mit so vielem Auswande an Zeit, Mühe, und so schweren Opfern an Geld gegründete Verband weiter bestehen oder aufgelöst werden soll. Im letzten Falle würden voraus die Bettler fühlten sich dadurch ungenirt und freier, man merkte solches bald, sie frequentirten dann auch jene Gemeinden. die sie bisher verschonten und es möge hier die uns von zuverlässiger Seite verbürgte Thatsache constatirt werden, daß seit der Sistirung der polizeilichen Bewachung der Bettler der Austritt aus dem Verbände seitens der