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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-05-24 · Heft 21 (24.5.1881) · p. Seite 339

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 21 (24.5.1881)
Date
1881-05-24
Page
Seite 339 (sequence 5)
Language
German
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339 wüthete mit vandalischer Wuth und ganz genauer Crtsfeuutj niß im Eigenthum der entflohenen oder in den Kellern versteckten Juden. Etwa zwölf Buden, Magazine und Wohnungen wurden bis Morgens 4 Uhr vollständig zerstört und ausgeraubt. Der Inhalt wurde in den Straßenkoth getreten, die Betten zerschnitten, die Federn umhcrgestreut, die Brandweinfässer zerschlagen, Thüren und Fenster mit sammt den Rahmen herausgeschlagen und die Möbel in Scherben zertrümmert. Die Juden hatten sich so gut versteckt, daß auch nicht ein einziger getödtet oder verwundet wurde, aber das Loos der Familien war denn doch höchst beklagenswerth. Der angerichtete Schaden wird hier in Golta aus 20 -3oooo Rubel veranschlagt. Die aus den Lazaretbarackeu zur Hülfe herbeigerufenen 60 Reeonvaleseenten (junge Ulanen) konnten wegen Mangels an Waffen nichts auSrichten und blieben müfsige Zeugen, anderes Militär war nicht zur Hand. Mit der beginnenden Morgendämmerung war das Raubwerk gethan und die Thätigkeit der Behörden begann. Bis jetzt sind 70 Personen gefänglich eingezogen, von Haus zu Haus sucht man nach den geraubten Sachen, vieles ist bereits gefunden worden, so ziemlich hat jeder Zeuge aus niederen Ständen mehr oder weniger mitgeschleppt, wovon das meiste nicht wird entdeckt werden können Allgemein herrscht die Ansicht, daß hinter der ganzen Sache unentdeckte Anstifter verborgen und die rohe Masse nur blindes Werkzeug gewesen, worüber die im Gange befindliche Untersuchung hoffentlich Licht verbreiten wird. Aus Elisabethgrad, wohin sich der betressene Berichterstatter auch begeben hatte, meldet derselbe folgendes; Am 27., mittags zwischen 3 und 4 Uhr, begannen dort zahlreiche abgesonderte Haufen von -10 bis 100 Menschen überall zu gleicher Zeit ihr BernichtungSwerk. Jeder Haufen ward von Leuten angeführt, die mit den Orts und sonstigen Berhältniffen aufs genaueste bekannt waren. In großen dreistöckigen Gebäuden zerstreute sich die Rotte durch alle Zimmer und warf Möbel, Claviere, Bücher und Kücheugeräthe durcheinander; die Betten wurden vollständig zerbackt und zerschnitten, die Bilder aus den Rahmen gerissen und zu den Fenstern hinausgeworfen. Die rothen Samintmvbel liegen noch heute auf den Straßn herum. Wer sich von den Juden finden ließ, der ward jämmerlich zugerichtet, aber auch hier wußten die Juden sich gut zu verstecken. Uebrigens sollen in der Synagoge versteckte Juden aus dem Tempel hinaus auf die Volksmenge geschossen haben, wobei ein Weib todt blieb; mehrfache Verwundungen haben stattgesunden; wenn indeffeu von 10 Tvdten erzählt wird, so ist das Uebertreibung. Die meisten Familien retteten sich auf den Bahn- Hof und entflohen nach allen Richtungen; viele fanden im Polizeigebäude Zuflucht, wo gestern selbst noch alle Räume von Weibern und Kindern, die auf bloßer Diele lagerten, besetzt waren. Der Unfug währte bis zum 28. abends, wo endlich das herbeigezogene Militär der Unruhestifter Herr ward und Verhaftungen vornahm. Gegen 800 Wohnungen und Magazine sind zerstört und ausgeraubt, der Schaden beläuft sich auf etwa 2 Millionen. Jetzt ist die Stadt von Militär und Gerichtspersoneu so angeiüllt, daß man kein Zimmer mehr anftreiben kann. Der Ausfall des Jahrinarkts mit der landwirthschaftlichen Ausstellung führt einen neuen schweren Verlust für die Bürgerschaft herbei. Mehrere AbschätzungS-Commissionen sind rastlos thätig. Natürlich sind die Juden zu gute Rechner, um nicht das Doppelte des Verlustes anzugeben; über die Art ihrer Entschädigung läßt sich überhaupt noch gar nichts sagen. Bis heute sind etwa 600 Theilnehmer in Haft gebracht. Es sollen auch hier fremde Aushetzer gefunden worden sein; immerhin ist die Sache sehr ernst und erfordert große Klugheit in der Behandlung, da sie, wie cS scheint, in weite Volkskreise hincingreift. In Äischinew, Uman, Suamenka und Smiela sollen ebenfalls ähnliche Judenhetzen stattgefunden haben, doch konnte ich darüber nichts Verläßliches erfahren. Petersburg, 12. Mai. Mai. Nach hier vorliegenden Meldungen aus Odessa haben in den Flecken Beresowka im Gouvernement Cherson an zwei Tagen gegen die dortigen Juden gerichtete Tumulte stattgefunden, wobei denselben gehöriges Eigenthum geraubt und mehrere jüdische Häuser niedergebrannt wurden. Im Dorfe Wiktorawka im Odeffaschen Kreise kam es zu einem heftigen Zusammenstöße zwischen den Bauern und den Gemeindebehörden infolge der an die Bauern gestellten Forderung, das von ihnen entwandte Eigenthum wieder auszuliefern. Zur Herstellung der Ruhe wurde aus Odessa militärische Hülfe dorthin abgesandt. Aus Kiew wird gemeldet, daß sich unter denjenigen Personen, welche während des dort siatrgehabten Tumults verwundet wurden, auch ein Gymnasiast und ein Student befinden. Die Untersuchung ist noch im Gange. ES bestätigt sich, daß die Unruhen gegen die Juden hauptsächlich durch vom Norden gekommene Persönlichkeiten hervorgerufen worden sind. Ueberraschend ist es, das zu gleicher Zeit in Baku , (Kaukasien) die Russen auch über die Muselmänner hergefallen, und diese geplündert und mißhandelt haben.

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