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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-05-17 · Heft 20 (17.5.1881) · p. Seite 330

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 20 (17.5.1881)
Date
1881-05-17
Page
Seite 330 (sequence 12)
Language
German
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330 und feilschte mit diesem um ein halbes Dutzend Schweinsblasen, als ihm seine ganze Familie, Frau und Kinder, nach» gelaufen kam. „Tate," rief Rebbeka von weitem schon, „jetzt haben wir einen Namen, einen besseren kannst Du nicht finden." „Also sprich," murmelte Absalon erwartungsvoll. „Löwenmuth mußt Du heißen." Absalon zog die Schultern empor und lächelte. „Bin ich muthig?" sprach er, „kann ich doch keine Fliege umbringen, bin ich ein Löwe?" Und wie er so dastand in seinem verblaßten buteillengrünen Kaftan und dem niederen, runden, schäbigen Filzhut, den Schmachtlöckchen an den Schläfen und dem fuchsigen Bart, klein, mager, mit einwärts gebogenen Knicen, sah er wahrhaftig keinem Löwen gleich. „Wenn ich heiße Löwenmuth, wird jeder Mensch glauben, daß ich bin ein Simson. und werden mich so lange prügeln, bis sie wisien werden, daß ich ein Schaf bin und kein Löwe." Betrübt schlich Rachel, schlichen die Kinder nach Hause, sie brüteten den ganzen Abend und gingen zur Ruhe, ohne einen Namen gefunden zu haben. Mitten in der Nacht schrie plötzlich Rachel aus dem Schlafe: „Absalon, weißt Du, wie Du wirst heißen? Atlas wirst Du heißen!" „Atlas," wiederholte Absalon, indem er fich auf die andere Seite drehte. „Atlas wäre nicht übel, aber laß mich schlafen jetzt." Früh am Morgen erwachte der brave Mann mit einem strahlenden, glückseligen Antlitz und begann feierlich: „Frau, Kinder, kommt alle zu mir, jetzt Hab' ich ihn, den Namen. Gold und Edelsteine gehören den Reichen, aber die Sonne, die Gott über uns alle leuchten läßt, gehört auch den Armen. Ich werde mich — Sonnenglanz nennen. Ist das ein Name, was?" Alle staunten ihn an und keine Stimme erhob fich dagegen, Absalon fuhr rasch in seine Kleider und stand wenige Augenblicke später vor dem Thore des Kreisamtes, genau zwei Stunden, ehe dasselbe geöffnet wurde. Ihm war ganz eigenthümlich leicht und vergnügt zu Muthe, als er endlich in die große, düstere Kanzlei eingelassen wurde und fich unter immerwährenden Bücklingen, auf den Fußspitzen, dem Kanzlisten Krummholz näherte und denselben bei seinem grünen, mit Hunderten von Tintenklexen übersäeten Schreibärmcl zu zupfen begann. „Was willst Du?" schrie ihn der Kanzlist an. „Was soll ich wollen," sagte Absalon, „bin ich doch nur gekommen, weil der Herr Kaiser befohlen hat, daß wir arme Juden sollen bekommen schöne Namen wie die Christen." „Ja so; also wie soll mau Dich denn nennen?" „Wenn der Herr Kanzlist nichts dagegen haben, so möchte ich Sonnenglanz heißen. „Wie? was?" riefen die Beamten durcheinander. „Sonnenglanz?" wiederholte der Kanzlist, „glaubst Du. daß man so mir nichts. Dir nichts Sonnenglanz heißen kann? „Kannst Du Dir etwa so einen Luxus gestatten? So ein Name kostet hundert Gulden, hast Du vielleicht hundert Gulden?" Die Beamten lachten alle zugleich. Absalon schlich beschämt davon und kam betrübt nach Hause zurück. „Also haben sie Dir gegeben den Namen Sonnenglanz?" fragte Rachel. „Soll ich geben hundert Gulden?" rief Absälon weinerlich „und möcht' ich sie geben, so Hab' ich sie nicht; wir können nichts bezahlen für einen Namen, wir müssen zufrieden sein mit einem Namen, der so arm ist wie wir selbst. Was ist ein Name? Nicht die Stelle ehrt den Mann, sondern der Mann die Stelle, sagt der Talmud; so ist es auch mit den Namen." „Willst Du uns anthun die Schande," rief Rachel, „daß wir sollen bekommen einen schlechten Namen? Willst Du sparen Dein Geld bei einer so wichtigen Sache? Wenn Du nicht kannst geben hundert Gulden, so gieb einen Dukaten oder zwei, und Du wirst bekommen einen schönen Namen." „Nicht einen Zwanziger geb' ich aus für ein Ding, was so werthlos ist, wie ein Name." „So sprichst Du jetzt, Tateleben." rief Esterka, „vorher hast Du gesprochen ganz anders." „Selbst die Vögel in der Luft verachten den Geizhals," rief Rachel, „wenn Du willst geben einen Dukaten, so will ich geben den zweiten, was ich Hab' versteckt in einem alten Strumpf." Und nun begannen alle zugleich zu schreien, zu flehen, zu beschwören und Rebekka weinte sogar. Absalon wurde weich und erklärte sich schließlich bereit, für zwei Dukaten einen Namen zu kaufen. „Weißt Du was, Rachelleben, wenn die Sonne kostet so viel, so werden wir uns begnügen mit einer Kerze, die auch leuchten thut, wenn auch nicht so stark und schön. Und so will ich in Gottesnamen heißen Kerzenschein." Wieder erschien Absalon im Kreisamte, wieder zupfte er den Kanzlisten beim Aermel, nur war er so vorsichtig, diesmal einen Dukaten auf die Ecke des Schreibtisches zu legen und dann erst in aller Demuth um den Namen Kerzenschein zu bitten. Die Beamten aber lachten ihn einfach aus. „Was glaubst Du," sprach der Kanzlist würdevoll, „Kerzenschein ist noch immer ein Name, der mindestens fünf Dukaten werth ist. hast Du vielleicht fünf Dukaten Absalon?" Absalon seufzte und legte zu dem ersten Dukaten bedächtig einen zweiten. „Ich will zahlen, so viel ich kann," sprach er, „für zwei Dukaten werden sie wohl die Ehre haben, mir den Namen Kerzenschein zu geben."

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