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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-05-17 · Heft 20 (17.5.1881) · p. Seite 327

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 20 (17.5.1881)
Date
1881-05-17
Page
Seite 327 (sequence 9)
Language
German
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327 bischen Kaufleute seien Betrüger, Wucherer, Halsabschneider und Spitzbuben und ihre Väter seien dasselbe gewesen." Die jüdischen Kaufleute waren über diese Aeußerung aufgebracht, und als nach einigen Tagen zwei derselben, Mar Nathan und Jacob Simon, in einer Restauration den Feldmesser Schüler trafen und diesen aufforderten, die beleidigende Aeußerung zurückzunehmeu. er aber sich dazu nicht verstehen wollte, gab Nathan dem Schüler eine Ohrfeige. Es entwickelte sich dann ein Streit, bei dem Schüler durch Stockschläge und durch einen Fall in eine mit Glas gefüllte Kiste nicht unerheblich verletzt wurde. Das ärztliche Attest, daß vr. Petschke seinem Freunde gegen die beiden Juden ausstellte, war für diese sehr ungünstig. Es wurde die Untersuchung eingeleitet, und die Rathskammer zu Thorn beschloß, gegen den Kaufmann Max Nathan zu Schönsee, 28 Jahre alt, Jude, und dem Kaufmann Jacob Simon ebenda, 27 Jahre alt, Jude, Soldat gewesen, das Hauptverfahren einzuleiten. Bei der Verhandlung waren Nathan und Simon Angeklagte, Schüler vereidigter Zeuge. Simon und Nathan erklärten, Schüler habe sie ebenfalls mit einem Stocke geschlagen, dieser aber bestritt das eidlich, und ein anderer Zeuge bekundete, dies nicht gesehen zu haben. Das Ergebniß der Verhandlungen war, daß Nathan und Simon zu je 8 Monaten Gefängniß verurtheilt wurden. Die Aufregung in Schönsee über das Urtheil war eine ungeheure. Man sagte sich, daß eine Verurtheilung der beiden Juden, die das Gesetz übertreten, und deshalb dem Gesetze verfallen waren gerecht und nothwendig sei. Die Höhe des Strafmaßes schien aber doch dem Maße der Schuld nicht zu entsprechen. Deshalb richtete eine große Anzahl der angesehensten evangelischen Bewohner des Städtchens, an ihrer Spitze der Bürgermeister und der Pfarrer, an Se. Majestät den Kaiser das folgende Gnadengesuch. (Folgt das Gesuch, welches den beiden Juden ein rühmendes Zeugniß ausstellt, den „jugendlichen Mangel der Selbstbeherrschung" bedauert und entschuldigt durch die „tiefe Empfindung der ihnen persönlich und allen Juden mit ihnen jetzt überall reichlich zu Theil gewordenen gehässigen Empfindungen".) Die Folge dieses Gesuches war, daß Se. Majestät der Kaiser die Strafe von acht Monaten auf zwei Monate herabsetzte. Wir haben dieser einfachen Erzählung des Hergangs nichts hinzuzusetzen. Die Entschließung des Kaisers ist Kritik und Commentar genug." — AnS Westfalen, im Mai. (Privatmitth.) Die Gründung eines Centralverbandes zur Unterstützung durchreisender Armen, wovon ich Ihnen s. Z. berichtete, als sie sich noch in dem Stadium eines Projektes befand, ist nunmehr zur vollendeten Thatsache geworden. Folgende Gemeinden sind dem edlen Werke beigetreten: Bochum, Dortmund, Essen, Gelsenkirchen, Hagen, Hoerde, Steele und Witten. Mit dem 1. April c. ist der Verband in Kraft getreten und Bochum wurde für das laufende Geschäftsjahr als Vorort gewählt. Möge das edle Unternehmen, das auf nichts anderes, als auf eine Verminderung des lästigen Wanderbettels abzielt, seinem Ziele immer näher kommen, möge aber auch der herumziehende jüdische Bettler dadurch, daß er sein gewohntes Handwerk nicht mehr an jedem Orte treiben kann, in seinem sittlichen Bewußtsein immer mehr erstarken und so viel an ihm liegt, diese Quelle des Rischus und der Verachtung selber verstopfen Helsen! Laubheim. Eisenach, 3. Mai. (Voss. Ztg.) Die Thüringische kirchliche Conferenz, eine Vereinigung der orthodoxen Geistlichen Thüringens, lenkte für ihre gestern und heute hier stattgefundene Jahresversammlung die Aufmerksamkeit in weiteren Kreisen auf sich, weil sie einmal die „Judenfrage" mit auf die Tagesordnung gebracht, dann aber auch, weil Herr Hofprediger Stöcker über Freikirche und Landeskirche refcriren wollte, und endlich die orthodoxen Beschwerden über die Universität Jena zur Sprache kommen sollten. Deshalb hatten sich auch mehr Theilnehmer als sonst, etwa 100, und zahlreiche Zuhörer aus hiesiger Stadt eingefunden. Die gestrige Vorvecsammlnng in Rohrig's Hotel „Großherzog von Sachsen" begann Abends 8 Uhr und war ausschließlich der „Judenfrage" gewidmet. Der Referent, Missionsprediger de le Roi aus Berlin, hat aber sehr wenig Glück mit seinem Vortrage gehabt; es war derselbe so wenig klar und präcis und dabei auf einem so niedrigen Niveau gehalten, daß die ausschließlich aus christlichen Zuhörern bestandene Versammlung sehr unbefriedigt blieb, und der Vorsitzende sich damit begnügen mußte, einige praktische Momente aus dem Bortrage zusammenzustellen. — (Man sieht auch hier die orthodox-protestantische Geistlichkeit die „Judenfrage" vor ihr Forum ziehen — und wie kommen der Breslauer Missionär und der Berliner Hofprediger zur Thüringischen Conferenz? Sind die Herren der letzteren so geistesarm, daß sie sich Succurs holen müssen? Hamburg, 8. Mai. (Privatmitth.) Obgleich, wie früher gemeldet worden, die Versammlung und Rede des vr. Henrici vielen Widerspruch fanden, so fehlt es doch nicht an Leuten, welche sie immer wieder zu produziren sich be- I mühen. Es haben daher Henrici und Dühring hier und in > Altona Vorträge gehalten, an welche sich aber auch Discus-; sionen schlossen, in welchen den Rednern wacker Opposition! gemacht wurde, z. B. durch vr. R6e. Der ruhige Charakter, den diese Versammlungen bewahrten, bezeugt, daß sie hier j mit keiner Gefahr verbunden. j Argeua«, 1. Mai. Die alte Fabel, nach welcher der Wolf dem Lamme, das er zerreißt und verschlingt, vorwirft, die Ursache zum Streite gegeben zu haben, mag cs ober 20

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