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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-05-17 · Heft 20 (17.5.1881) · p. Seite 324

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 20 (17.5.1881)
Date
1881-05-17
Page
Seite 324 (sequence 6)
Language
German
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324 unter der Regierungsweise der Mohamedaner und bei ihrem ( Fanatismus gegen alle Andersgläubigen sanken die Juden in den mohamedanischen Ländern, auch in Konstantinopel in tiefes Elend, in Unwissenheit und Schwäche, in welcher selbst das jüdische Wissen sich nicht ans der früheren Höhe erhielt. Allerdings nun haben wir hier leider noch einen Unterschied zwischen den europäischen Völkern zu machen. Aber wo bei ( diesen der Geist der Unduldsamkeit gewichen oder verschwunden ist, da sind die Wohlthaten der europäischen Herrschaft für die Inden um so unschätzbarer. Man braucht nur die Grenzen Algeriens und Marokko's zu überschreiten, um den j gar nicht zu übersehenden Unterschied zu würdigen. Wir können daher in allen diesen Ereigniffen, so schwere Geschicke sie auch zeitweise über Völker und Länder, so viel des Blutvergießens und der Gewaltthaten bei ihrem Vollzüge sie bringen, nur den Fortschritt der Menschheit, der Kultur und Bildung erkennen und zu unserer Befriedigung uns desien vergewiffern. Die Verfolgung -er Iu-en in Sü-rußlan-. Die Geschichtsforscher machen es sich leicht, indem sie große Epochen der Geschichte durch irgend ein folgenreiches Ereigniß als abgeschlosien annehmen, so das Mittelalter durch die Entdeckung von Amerika und die Reformatton, die neuere Geschichte durch die französische Revolution, um eine neueste Zeit folgen zu taffen. Blickt man aber etwas in die Tiefe, so erkennt man so wesentliche Züge, so entschiedene Cha-! ratteristiken der früherern Periode auch in der folgenden Zeit1 wieder, daß mit jenen Abschlüssen nur ein ganz äußerliches; Werk vollbracht erscheint. Für die Juden wenigstens ist das; Mittelalter noch heute nicht ganz abgeschlossen, und die, Blätter der neuesten Zettgeschichte zeigen gar zu oft Vorgänge , welche dem Mittelalter auf's Haar gleichen. Dabei darf man nicht behaupten, daß die finsteren Geister des Mittelalters nur in den unteren und rohen Schichten des | Volkes umgehen, sondern die Thatsachen lehren, daß jene so recht innerhalb der gebildeten Kreise gepflegt werden und > von da aus erst in die unteren sich Eingang verschaffen. I Seit Jahren hat die russische Presse in den Tagesblättern,! in Broschüren und dickleibigen Bänden den schmählichsten Haß gegen die Juden gepredigt. Statt anzuerkennen, daß dieser Theil des Volkes durch harte Ausnahmegesetze gedrückt und durch den Despotismus der Beamten mißhandelt werde, und deshalb auf eine legislatorische Besserung seiner Lage zu dringen; statt, wo die Juden durch ihre eigenthümliche Volksbildung sich noch vom übrigen Volke stark unterscheiden, an die Herstellung und Förderung eines besseren Volksunter-! richtes zu denken, haben diese Literaten nur Gift und Geifer | gegen sie im Volke verbreitet, so daß es nicht zu verwundern ist, wenn hier und da Gewaltthätigkeiten gegen die Juden Vorkommen. Hierzu kommt, daß es eine häufige Erscheinung ist, wenn in einem Lande die gesetzliche Ruhe und Ordnung in's Schwanken geräth, wenn ein aufwieglerischer Geist sich im Volke verbreitet hat, dasselbe zunächst Unruhen gegen die Juden ansttftet, und für seine leidenschaftliche Erregung diese als Opfer ausersieht. Hierfür bietet die Geschichte selbst der neuesten Zeit Beispiele genug. Beides nun, die Hetzereien der Zeitungsschreiber, die z. B. selbst den Nihilismus den Juden auf die Schultern packen wollte», und der durchwühlte gesellschaftliche Boden in Rußland macht es leider erklärlich genug, daß Judenverfolgungen auftreten, wie sie eben in Elisabethgrad stattgefunden. Schon seit einiger Zeit brachten die Zeitungen die Nachricht, daß man in Südrußland Bolksaufstände gegen die Juden fürchte, und sie fügten hinzu, daß die Behörde umfassende Maßregeln dagegen getroffen hätte. Die Vorgänge in der genannten Stadt zeigen, daß der erste Theil dieser Nachricht richttg, der letztere aber nur frommer Wunsch gewesen. Nichts natürlicher, als daß i man die erste Schuld auf die Juden zu wälzen sucht. In! dieser Methode war man schon im Mittelalter recht stark. | SKait ging den Juden mit Brunnenvergiftung, Hostienschändigung, Christenmord u. dgl. zu Leibe Da dies nicht mehr angeht, so theilt man den Juden die Rolle der Provocatenrs zu. Während man sonst die Juden der Feigheit und Kriecherei bezichtigt, sollen sie jetzt zuerst losgeschlagen und dadurch das Volk erbittert haben. Wenn die Juden in Rußland eine Schuld trifft, so ist es zunächst die, daß sie nicht Säufer und Wüstlinge sind gleich dem dortigen Volke. Warum liegen sie nicht auch in den Rinnsteinen? Warum verkaufen sie Branntwein, statt ihn selbst zu trinken? Warum suchen sie durch Mäßigkeit und Sparsamkeit das Dasein zu fristen, da es ihnen nicht gestattet ist, durch Landbau und freies Gewerbe ihren Lebensunterhalt zu erwerben? Darin liegt ihre Schuld, und das betrunkene Volk will, daß sie diese bezahlen. Daß diese Erklärungen jener Vorgänge nicht ungerecht sind, dies erweist der Bericht der „Köln. Z", den wir hier wiedergeben. Es versteht sich, daß man uns auch hier nur durch ein gefärbtes Glas sehen läßt! Wir bemerken zuvor noch, daß Elisabethgrad eine Stadt von 32,000 Einwohnern im Gouv. Cherson (Südrußland), ungefähr 34 deutsche Meilen von Odessa entfernt ist. „Bekanntlich wird Ostern von den Russen als größtes Fest gefeiert. Es geht dann regelmäßig etwas bunt zu, namentlich an den unmittelbar auf das Fest folgenden Tagen, j Dann wird gewöhnlich der letzte Heller durch die Kehle gejagt und schließlich alles versetzt, was nicht niet- und nagelfest ist. Der Bauer zieht den Rock vom Leibe, verkauft ihn. bezecht sich und taumelt in Hemdsärmeln heim oder, was

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