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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-05-17 · Heft 20 (17.5.1881) · p. Seite 323

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 20 (17.5.1881)
Date
1881-05-17
Page
Seite 323 (sequence 5)
Language
German
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323 daß eine durchgreifende Reform möglich sei. Ter Versuch brachte aber nur eine Karrikatur hervor, die vor dem Donner der Geschütze in Nichts zerfloß. Und die anderen mohamedanischen Staaten? In welchem elenden Zustande befindet sich Persien, das sich kaum der wilden Kurdenstäinme erwehren kann, und Marokko, in welchem außerhalb der Hauptstädte die Autorität des Herrschers nichts gilt. Selbst das sonst noch kräftige Afghanistan besteht nur noch durch die Laune Gladstones, und von Norden her dringen die Russen siegreich immer weiter vor. Es gehört daher keine besondere Einpcht dazu, um den Untergang aller mohamedamschen Staaten in naher Zukunft vorauszusehcn, da schon jetzt, was noch von ihnen besteht, völlig ohnmächtig und innerlich zerfallen ist. — Diese weltgeschichtliche Erscheinung wird aber noch eigenthümlicher durch die Wahrnehmung, daß mit diesem Fall der mohamedanischen Herrschaft die mohamedanische Religion an Lebenskraft und Energie nichts verloren hat. Zwar ist der Beweis geführt, daß der religiöse Fanatismus der entwickeltern Cultur und ihren Waffen gegenüber militärisch und politisch nicht ausreicht, ein Beweis, der hier im Großen, wie bei dem Falle Jerusalems im Kleinen gegeben ist. Aber es bethätigt sich abermals, daß darum die Religion mit dem Verlust der politischen Macht die Herrschaft über die Individuen nicht verliert. Während wir hier gesehen, wie der Islam seine politische Bedeutung immer mehr verliert, gewinnt er als Religion in Asien und Afrika stetig an Boden. Nicht allein daß die unterworfenen mohamedanischen Völker auch unter christlicher Herrschaft ihrer Religion unerschütterlich treubleiben — wie z. B. Algerien erweist — so macht auch der Islam riesige Fortschritte in Indien und China, und ebenso eignet er sich auf's Schnellste die Negerstämnie Jnnerafrikas an, denen er, wie die Reisenden berichten, eine gewiße Art von Civilisation giebt, welche ihre Dörfer zu reinlichen und geordneten Wohnstätten macht. Auch heute noch enveist es sich hierdurch, daß der Islam für die orientalische Welt die geeignetste religiöse Anschauung ist. Die Frage legt sich hier nahe, was gewinnen die europäischen Mächte, namentlich England und Rußland, durch diese unermeßliche Ausdehnung ihrer Herrschaft? Wird sich auch an ihnen das durch die Geschichte bisjetzt immer bethätigte Gesetz verwirklichen, daß die uugehcucrliche Ausdehnung nach Außen die innere Kraft schwächt und den Verfall des Reiches herbeiführt? Mehrfache Umstände machen die Beantwortung dieser Frage für die beiden genannten Staaten ungleich. England hat nicht allein die Abreißung der Ver einigten Staaten mit Leichtigkeit ertragen; es versteht auch den herangewächsenen Colonien einen solchen Grad von Selbständigkeit zu geben, daß ihnen der Zusammenhang mit dem Mutterlande nur nützlich ist. Sollten sich dereinst Kanada, Australien, Neuseeland von England losreißen, so würde dieses hierdurch nichts Wesentliches verlieren. Anders aber ist es mit seinem ungeheuren indischen Staate und selbst bis jetzt mit der Capcolonie. Sie können ohne die beständige militärische Hülse und ohne den stetigen Zufluß von Menschen aus England nicht bestehen. Daß jedoch das Schicksal Großbrittaniens selbst von allen diesen Besitzungen nicht abhängt, daß cs bei etwaigem Verluste dieser Besitzungen zwar an Macht und Reichthum verlieren, aber in seiner eigenen Existenz nicht gefährdet würde, ist cinsichtlich, weil es zu weit entfernt ist von jenen Ländern und in seiner staarlichen und gesellschaftlichen Organisation die Bürgschaft der Dauerhaftigkeit besitzt. Anders verhält es sich mit Rußland. Indem es sich immer mehr und zwar uncivilisirte Völkerstämme unterwirft, nimmt es diese in sich selbst auf; sie gehören ihm an und es dehnt seine eigenen Institutionen auf sie aus. Sie werden integrirende Theile des russischen Staates und Volkes, die jedoch nur durch Waffengewalt im Gehorsam erhalten werden. Dies ist nur möglich, so lange die straffe und unbeschränkte Autokratie in Rußland besteht. Sobald diese mehr oder weniger durch freiere Institutionen beschränkt, dem Volke Einwirkung auf Gesetzgebung und Verwaltung eingeräumt wird, wird die Herrschaft über zahllose wilde, ungefügige Völkerstämme unmöglich. Oder aber treten in Rußland revolutionäre Kämpfe und Erschütterungen ein, so ist der Zusammenbruch der Herrschaft über die entfernten unermeßlichen Landstriche voraussichtlich. Schließlich frägt man sich: welche Bedeutung hat der Sturz der mohamedanischen Staaten und die Ausdehnung der europäischen Herrschaft über deren Ländergebiete für die Menschheit im Allgemeinen und für die Juden im Besonderen? Es ist nicht zu verkennen, daß wo die europäische Herrschaft einzieht, mit ihr zugleich Sicherheit des Lebens und des Eigenthums, eine geordnetere Verwaltung und Rechtspflege, Verkehr, Handel, Industrie und allmählig auch ein befferes Unterrichtswesen eintreten, und dies sind unschätzbare Bortheile. Man braucht nur die Zustände in Indien unter seinen eigenen Fürsten mit denen unter der englischen Herrschaft zu vergleichen um die Segnungen schätzen zu lernen, welche die letztere auch für die Uebcrwundcnen gebracht hat. Selbst die altindifche Literatur und Sprache hat einen ganz neuen Aufschwung erfahren, und zwar unter den Indiern selbst. Auch wo die Russen in Jnnerasien ihre Forts; errichten und Besatzungen einstellen, hört das räuberische Unj wesen der Bewohner aus, die Straßen werden sicher, und die; Stämme können fortan der großen Bölkerfamilie zugezählt werden. Und die Juden? Wir werden stets eingedenk bleiben, daß die Araber und Türken in ihrer Blüthezcit gegen die Juden eine Gastfteundschaft übten, die zu einer rettenden That wurde gegenüber dem blutigen Zelotismus des europäischen Mittelalters. Aber diese Zeit ist längst vorüber und

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