Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-05-10 · Heft 19 (10.5.1881) · p. Seite 314

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 19 (10.5.1881)
Date
1881-05-10
Page
Seite 314 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/3224737-3227339-3227359--38945-3308215
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

314 ängstlichen Menschen, welche in den engen hölzernen Häusern I um sich warf, und nachdem er heftig geschnupft hatte, aus« über- und nebeneinander wohnten, nicht selten zwei und drei! rief: „Und das sagst Du hier so ruhig, hier im Kaiserlichen Familien in einem Zimmer, nur durch hölzerne Verschlage Amte vor den Herren Beamten? Du vergißt, welche Pflichten getrennt, zusammengelaufen und standen nun in dichten Haufen, indem sie laut schrieen und heftig gestikulirten, wie es nun einmal jüdischer Brauch ist. Nachdem man sich unter Seufzen und Wehklagen dahin geeinigt hatte, sich dem Willen des Monarchen zu fügen, erwachte sofort der auch in den bescheidensten und verschossensten Kaftans wohnende Trieb nach Ehre und äußerem Glanz und so und so viel von Streimeks (kalpakartigen Pelzmützen) oder Stirnbinden und seidenen Scheiteln bedeckte Köpfe begannen möglichst schönen und dem Ohre schmeichelnden Namen nachzusinnen. Zu derselben Stunde waren die Beamten des Kreisamtes die Ehre des Dienstes —" „ Papperlapapp," rief die resolute Dame, ., die Dienstesehre verlangt, daß das Reskript Seiner Majestät pünktlich ausgeführt wird, und sie verlangt auch, daß die Herren Beamten an den Vortheilen, die wir damit verbinden, particpiren." „Nun, wir werden ja sehen," versetzte der Kreishaupt-; mann, heftig schnupfend, während sich die anderen Beamten! vor seiner Gemahlin dankbar verneigten. So stolz übrigens Frau Grobacher auf ihre Idee war,! so entsprang dieselbe doch nicht in ihrem Kopfe allein, allerj orten waren die Beamten sofort einig, aus dem Kaiserlichen an ihren großen, mit kleinen Säulengeländern versehenen Reskripte ein gutes'Geschäft, eine lukrative Einnahmsquelle Schreibtischen erschienen und besprachen das Ereigniß. das wie ein feuriger Stein vom Himmel unter sie gefallen war. Plötzlich trat die Gemahlin des Kreishauptmanns Grobacher in langer Schleppe, spitzenbesetzter Nachtjacke und Haube her-! ten Namen, wer ein. Die kleine üppige Frau strahlte vor Vergnügen und in ihren Augen funkelte eine fast unheimliche Befriedigung. zu machen. Und so geschah es auch. Die Juden begriffen, an derlei Dinge gewöhnt, die Procedur auf der Stelle und alles ging glatt ab. Wer brillant zahlte, bekam einen brillangut zahlte, einen guten, wer bescheiden zahlte, einen bescheidenen, und wer nichts zu zahlen im Stande war. einen recht gewöhnlichen, wobei die Beamten „Ich habe eine unschätzbare Idee," begann sie mit jener! nicht selten ihrem Humor die Zügel schießen ließen. Damals Würde, durch die sie nicht allein den untergebenen Beamten, sondern dem ganzen Kreise zu imponiren verstand. „Der Wille seiner Majestät soll erfüllt werden, aber in einer Weise, welche uns Allen Bortheil bringt. Der gute Kaiser hat verfügt, daß die Juden Namen bekommen sollen, aber er errangen reiche Juden jene herrlichen Namen wie Beilchenfeld, Goldreich. Mondbach, Löwenstamm, Diamant, Hermelin. Rubinfeuer. Wohlhabende mußten sich mit Bezeichnungen wie Scharmant, Nußbaum, Dukat, Perlmutter begnügen; gegen geringere Summen wurde gewöhnlich die Geographie hat nicht gesagt, was für Namen ihnen gegeben werden fol-! und das gemeine Leben zu Hülfe genommen. Stammte einer len und ich finde in dem Reskript keine Stelle, welche es! aus Wien, wurde er Wiener genannt, war sein Großvater den Juden gestatten sollte, sich Namen zu wählen." Sie, aus Warschau eingewandert, hieß er Warschauer. Andere blickte erhaben um sich, wie Napoleon vor einer Schlacht.! wurden als Regen, Feuerstein, Tabak eingetragen, später „Richtig," sagte der Kreishauptmann, indem er bedächnahm man den Vatersnamen zu Hülfe und es entstanden die tig aus seiner goldenen Tabatiere eine Prise Spaniol nahm, „vollkommen richtig, aber ich sehe nicht ein, was daraus folgen sollte." Frau Grobacher lächelte mitleidig. „Ich müßte unsere Juden nicht kennen," fuhr sie fort, „oder jeder von ihnen wird sich auf das eifrigste bemühen, einen möglichst schönen Namen zu erlangen". Aschersohn, Salamonsohn, Davidsohn, Joelsohn und so weiter. Die 'JUrnen wurden zu Essig, Pfeffer, Ameisen, Haberkorn, Kahlkopf nnd anderen niehr oder minder glanzlosen Flamen verdammt. Ter erste, welcher im Kreisamte erschien, war der reiche Kaufmann Meilech, er erschien in seinem vollen Sabbathstaate, dem Schwärzen mit Marderpelz besetzten seidenen Talar und der hoben Sabbathmütze ans Marder, verneigte sich „Gewiß," versetzte der Kreishauptmann, „und wir werden ihnen also in Gottesnamen möglichst schöne Namen geben." verlegen und lächelte. „Aber nicht umsonst", rief Frau Grobacher, „sie müssen! „Was wünschen Sie? fragte der Kreiskommisfär. ihre Namen gut und baar bezahlen."! „Was ich wünsche, begann der Kaufmann, „wie soll ich „Was für ein Gedanke!" rief der Kreiskommisfär Seimich unterstehen, etwas zu wünschen, Herr Kreiskommissär, neck, indem er sich fröhlich die Hände rieb, „die Gnädige sind in der That ein erfinderisches Genie". Der windschiefe, halb blinde Kanzlist begnügte sich, ein Kompliment zu machen und unter seinem grünen Augenschirni verständnißinnig hervorzulächeln, während der Kreishanptmanu ängstliche Blicke ich bin nur da, einen Namen zu erhalten, und da ich schon haben soll einen Namen, so bitte ich unterthänigst um einen schönen Namen." Ter Kreiskommisfär winkte dem Kanzlisten mit den Augen und begann eine Feder zu spitzen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.