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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-05-10 · Heft 19 (10.5.1881) · p. Seite 315

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 19 (10.5.1881)
Date
1881-05-10
Page
Seite 315 (sequence 17)
Language
German
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315 „Das ist nicht so leicht," ließ sich der Kanzlist Krumm-! Holz vernehmen, „wir haben da ein Verzeichniß und es geht der Reihe nach." Er nahm ein Heft zur Hand, legte seine Nasenspitze in dasselbe und sagte endlich: „Sie bekommen den Namen Schöps, Herr Meilech." „Schöps?" jammerte der reiche Kaufmann, „was für ein Name! Warum soll ich heißen Schöps? Die Leute werden zeigen mit Fingern ans den reichen Meilech, wenn er! kann nicht bekommen einen besseren Namen als Schövs, das ist ja ein Thier und kein Mensch." „Es ließe sich schon etwas machen," murmelte der Kanzlist, „aber man müßte die Verordnung bei Seite setzen und dann giebt es auch viele Schreibereien —" „Ich will gerne geben, was Sie wollen für die Mühe," rief der reiche Jude. „Gut," sagte der Kanzlist, „vor allem müssen Sie zahlen, dann müssen Sie aber auch schweigen, Herr Meilech, sonst könnte ich mein Amt verlieren, und Sie kämen in das Kriminal." „Verstehe, Herr Krummholz, versiehe," antwortete Meilech und faltete die Hände andächtig über seinem runden stattlichen Bauche — „also, was soll ich etwa bezahlen iür einen sehr schönen Namen? „Wenn sie zwanzig Dukaten bezahlen, können Sie sich sogar einen Namen aussuchen." Meilech seufzte, zog seine Börse, zählte die zwanzig Dukaten auf und flüsterte: „Nun bitte ich aber unterthänigst um den schönsten Namen, den Sie haben am Lager." Der Kanzlist richtete sich auf, nahm eine erhabene Miene an und begann: „Herr Meilech, haben sie schon einmal in einer schönen Nacht das Himmelsgewölbe betrachtet? Kann es etwas Schöneres geben, als die Sternenwelr? „Soll ich Stern heißen?" murmelte Meilech, „das wäre wohl schön, aber finden Sie nicht, daß der Name etwas kurz ist für zwanzig Dukaten?" „Gewiß," entgegnete Krummholz, „aber es giebt verschiedene Sterne, Herr Meilech, große und kleine, solche die stark leuchten und solche, die nur schwach leuchten." „Also geben Sie mir einen Stern, der sehr groß ist und sehr stark leuchtet." „Misten Sie was," sprach der Kanzlist nach einigem Nachdenken, „nennen Sie sich Lichtenstern, das erinnert an Lichtenstein, Fürst Lichtenstcin." „Was für ein prächtiger Mensch, der Herr Kanzlist," sagte Meilech schmunzelnd, „Lichtenstern, das ist wirklich schön, das muß ich sagen. Schreiben Sie also Lichtenstern, Herr Kanzlist." ' Meilech blieb hinter ihm stehen und blickte ängstlich über seine Schulter in das Protokoll, bis er sich überzeugt hatte, daß er wirklich als Meilech Lichtenstern eingetragen worden war. Dann drückte er dem Kanzlisten noch einen Zwanzigerin die Hand, denn er wußte sehr gut, daß die zwanzig Dukaten nicht für ihn bestimmt waren, und begab sich mit einer für einen jüdischen Aristokraten fast unanständigen Eile nach Haus. Seine Frau und seine Kinder eilten ihm entgegen. „Also was hast Du bekommen für einen 'Namen?" rief die erstere. „Lichtenstern", erwiderte Meilech, er strahlte in diesem Augenblick nicht etwa wie ein Stern, sondern wie die Sonne selbst. „Habt Ihr es gehört, Kinder? Wir sollen jetzt heißen Lichtenstern," sprach die reiche Kausmanussrau stolz. Meilech seufzte, er dachte an die zwanzig Dukaten, er dachte aber auch an das Kriminal und schwieg. Zur selben Zeit saß ein anderer Jude, der arme, gute, ängstliche Absalon mit den Seinen in dem kleinen, ganz kleinen Laden, in dem ein halbwegs großer Mann nicht aufzustchen vermochte und in den die Sonne nur täglich einmal schüchtern durch ein Ritzchen hereinblickte und einen goldenen Strich über die Diele zog, nickt breiter als ein Finger und nicht länger als die Elle, mit der Absalon den Bauerweibern die bunten Stofie vormaß, und es ist nicht zu leugnen, daß diese Elle eigentlich ein wenig zu kurz war. Kein Mensch wäre im Stande gewesen, zu sagen, was dieser Abi'alon wirklich war, denn cs gab wohl nichts, was er nicht kaufte und wieder verkaufte. In seinem kleinen Laden war eine kleine Welt aller erdenklichen Tinge versammelt, cs war wohl alles ein bischen schadhaft, ein bischen alt und ein bischen schäbig, aber dafür war auch jede Waare preiswürdig, unter Brüdern sogar, denn der arme Absalon begnügte sich mit einem ganz kleinen, verschwindenden Gewinn. Es gab da Stiefel, die geflickt waren und alte verrostete Schlösser, aber es gab auch goldene Uhren, wenn sie auch den Fehler hatten, jede Stunde oder gar jede Viertelstunde einmal stehen zu bleiben, und es gab auch seidene Roben, die nur ganz wenig von den Mäusen angefresseu waren. Mitren unter diesen Schätzen saß Absalon mit seiner Frau Rachel, seinen Töchtern Rebekka und Esther, seinem Solme Jonel und noch drei kleineren Kindern, und alle strengten sich furchtbar an, einen Namen zu finden, der alle anderen in der Kreisstadt, ja wenn möglich, in ganz Israel übertrefien sollte. Sic fanden keinen, der ihnen allen gleich sehr gefallen hätte. Rachel z. B. machte schüchtern den Vorschlag, den Namen Gottwelt zu wählen, aber Absalon schüttelte sofort bedenklich das Haupt. „Man soll den Namen Gottes nicht eitel nennen," sagte er, „und wenn ich mich Gvttwelt nenne, heißt das nicht die Leute in Versuchung führen?" „Goldmann," rief Efterka, das wäre ein herrlicher 'Name, Tateleben." (Fortsetzung folgt.) i'-

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