Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1881)
- Date
- 1881-05-10
- Page
- Seite 311 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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- Hrodna 1× ep/1044655
- Odesa 1× ep/1000834
- Radom 1× ep/1000823
- Siedlce 1× ep/1000982
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311 einigen Störungen und vereinzelten Pfiffen beim Erscheinen des Redners, verlief der Bortrag ganz ruhig. Ein dortiges Blatt urtheilt über denselben: „Derselbe glänzte durch viele Gemeinplätze, war im Uebrigen nach bekanntem Stöcker'schen Rezepte abgefaßt und zeichnete sich namentlich durch ein geradezu ängstliches Vermeiden alles desjenigen aus. was irgendwie mit der antisemitischen Agitation hätte in Verbindung gebracht werden können. Gegenüber den Berliner Kraftproben Stöckers war die Rede mehr als zahm und gipfelte in dem Nachweise, daß alle Mittel zur Hebung der sozialen Schäden schon in der Bibel gegeben seien." Endlich hielt er in Zürich in der Tonhalle eine Versammlung, die zwar anfangs ernstlich bedroht schien, aber durch die gemeffene Haltung des größeren Theils des Auditoriums ruhig verlief. Am meisten Weihrauch spendete er sich selbst. Ueber die „Judenfrage" bemerkte er nur ganz beiläufig, „sie sei dadurch entstanden, daß die Juden allzusehr nur die Vertreter des Capitals, nicht in entsprechendem Maße auch diejenigen der Arbeit gewesen seien". Am meisten polemisirte er gegen den Sozialismus und die Sozialdemokratie und ermahnte zur Ruhe, Ordnung und Frieden. Die hiesige Zeitung macht dazu die Bemerkung: „Wir haben der obigen sympathischen Beurtheilung des Herrn Hofpredigers das Wort gelassen und wollen unserseits, als hiezu inkompetent, auch den guten Willen desselben nicht zum Borneherein in Abrede stellen. Dagegen müssen nur denn doch sagen, daß ein so enggenähter Mann wie Herr Stöcker, der für den religiösen Liberalismus so absolut verständnißlos ist, der freisinnigen Richtung gar kein Recht in der Kirche zuerkennt (vide Basel!), die Simultanschule kurzweg als „Unsinn" erklärt (vide Karlsruhe), uns auch in keiner Weise das Zeug zum sozialen Reformer zu besitzen scheint — hiezu gehört ein tieferer, weiterer, freierer Geist! Ins gleiche Kapitel gehört die antisemitische Agitation Herrn Stöcker's, io sorgfältig derselbe auch alle und jede Erinnerung an gewisse Berliner Reden und Vorgänge fern zu halten sucht. Auch ist klar, daß sich in der ganzen Individualität des christlichsozialen Apostels auch nicht ein irgendwie neuer, originaler Zug findet; die Weisheit, daß Alles vollkommener wäre, wenn Alles viel bester wäre, ist denn doch eine ziemlich wohlieile." Italien. Rom, im April. Nach so vielen Klagen über den Verfall der hiesigen alten israelitischen Gemeinde können '.vir jetzt den glücklichen Wiederaufbau derselben auf dem Boden der Freiwilligkeit bemeldcn. Wie weit die Theilnahme geht, kann man daraus ersehen, daß bei der Wahl eines Verwaltungsausschußes von 30 Mitgliedern sich so viele Wähler einfanden, daß der Ersternannte nicht weniger als 817 Stimmen auf sich vereinigte. Der Vorsitz wurde einstimmig dem Grafen Samuel Alatri übergeben. Der Ausschuß schritt unmittelbar zur Ausarbeitung organischer Statuten und werden diese bald vollendet sein. Rustland. Petersburg, 20. April. Infolge von Gerüchten über Unordnungen und Verfolgungen der Juden, die an den bevorstehenden Osterfeiertagcn in Odessa zu erwarten seien, hat der Gencralgouverneur von Odessa eine Bekanntmachung erlassen, in welcher jeder Einwohner zur Aufrechterhaltung der Ruhe und zur Befolgung der Verfügung des Stadthauptmanncs, welche jede Ansammlung der Bevölkerung auf den Straßen und Plätzen und vor den Kirchen verbietet, aufgcfordert wird. Auch in Grodno, wo ähnliche Gerüchte verbreitet sind, wurden von den Behörden Maßregeln zur Erhaltung der Ruhe getroffen. Ter „Wiek" bringt einige nicht uninteressante statistische Daten darüber, in welchem Procentverhältniß die jüdische . Bevölkerung zur christlichen in den Städten des Königreichs > Polen steht. In den Städten des Gouvernements Siedlce > beträgt die jüdische Bevölkerung 69 pEt., Su.valki — 67! Proc., Lomsh — 63 Proe., Radom — 62 Proc., Warschau - : 32 Proc., Kjelze — 5<> Proc.., Kalisch - — 49 Proc.. und Piotrkow; — 30 Proc. der Gesammtbcvölkeru ng. In vier Städten schwankt das Procentverhältniß der jüdischen Bevölkerung zwischen 10 bis 20 Proc., in acht Städten zwischen 20 bis 30 Proc., in neun — 30 bis 40 Proc., in einundzwanzig — 40 bis 50 Proc., in zwanzig — 50 bis 60 Proc., in achtundzwanzig — 60 bis 70 Proc., in sechs — 80 bis 90 Proc. und endlich in einer Stadt beträgt es über 90 Proc. Weniger denn 50 Proc. jüdischer Bevölkerung haben 42 Städte, mehr als 50 Proc. — 74 Städte. Man ersieht hieraus, daß der eigentliche Bürgerstand im Königreiche Polen zum größten Theile aus Juden besteht. Daß hier aber auch eine erzwungene Anhäufung stattsindet, da man den Juden den Erwerb von Grundstücken auf dem Lande und die Auswanderung nach dem großen ^Zarenreiche untersagt hat. Hier liegt die Wurzel alles Nebels. Amerika. Cincinnati, 3. April. (Privatmitth.) Bei Beurtheilung der hiesigen jüdischen Zustände darf nicht außer Acht gelassen werden, daß die jüdischen Institutionen erst geschaffen werden muffen. Unsere Glaubensbrüdcr werden daher fortwährend außerordentlich in Anspruch genommen. So! machen unsere Brüder in Ncw-Pork soeben unter den Glau- ' bensgenoffen ein Anlchen von ■> Million Dollars, um ein neues Waisenhaus zu bauen und zu dotiren. Hier in Cincinnati weihen wir am 24. d. M. das Gebäude ein, das!für das .,u«-bi-6cv-l'nion-0alle^6" angekauft wurde, und!zwar für 30,000 Dollars, die von der Union der jüdisch-