Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1881)
- Date
- 1881-05-10
- Page
- Seite 303 (sequence 5)
- Language
- German
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303 die Pforte an dem Beispiel einer kleinen Provinz überzeugen, daß weife Reformen die Einkünfte des Reiches erhöhen, die Bevölkerung und den Wohlstand vermehren, den Schul; des Lebens und Eigcnthums sichern und die Sympathien Eurvpa's gewinnen würden, ohne irgendwie die Sonveränetät des Sultans anzutasten. Da die Einwendung gegen alle Reformen von jeher gewesen ist, daß sie Ausgaben mit sich brächten, welche die türkischen Finanzen nicht bestreiten können, so schien eS möglich, daß eine Unternehmung, die fremdes Capital ins Land brächte, in Konstantinopel mit günstigem Auge angesehen werden dürfte, vorausgesetzt, -aß dabei nicht von fremder Oberaufsicht die Rede wäre — ein Punkt, in welchem der Sultan und seine Minister bekanntlich sehr empfindlich sind. Es schien deshalb Hrn. Oliphant, -aß sich die Sache durch eine ColonifationSgefellschaft möchte erreichen lafien, welche die Cultivirung einer -er vielen reichen ununbebauten Tistricte deS türkischen Reiches unternäbme, -abei in Konstantinopel unter dem Schutze des Sultans resi-irtc, während, wie bei der Ottomannischcn Bank und anderen Actiengesellschaften, das Capital von auswärts käme. Die nächsten Fragen, die sich OliphantS Geist darstellten, waren zuerst die zu wählende Gegend, sodann die Rationalität der künftigen Colonisten. Die Einwendung gegen christliche Ausländer schien unwiderleglich, da das jetzige Colonisationsgesetz die Bedingung aufstellt, daß Ausländer, die sich dauernd in Türkisch - Asien niederlassen, türkische Unterthancn tverden müffen — eine Bedingung, aus welche europäische Christen schwerlich eingehen würden, da sie dadurch des Schutzes durch > die Consuln verlustig gingen. Außerdem würde die Eifersucht j der verschiedenen christlichen Secten und der sie unterstützenden Mächte, die schon so viel von den Mißständen in der Türkei verschuldet, alle Versuche friedlicher Colonisation vereiteln. Deßhalb verwarf Hr. Oliphant den Gedanken einer Colonisation durch europäische Christen. Einen Augenblick hatte er an die mohammedanischen Flüchtlinge gedacht, die aus Bulgarien und Rumänien vertrieben sind, aber hier bestand die Schwierigkeit in der großen Nnwahrscheinlichkeit, im christlichen Europa daS genügende Capital zu finden. So wurde ihm klar, daß es nur einen Stamm in Europa gebe, der reich genug sei, das christliche Capital entbehren zu können, gegen den die Pforte nicht die Einwendungen machen könne, die sie gegen neue christliche Secten erheben würde; der nie die türkische Regierung durch nationale Bestrebungen beunruhigt, im Gegentheil sich immer treu und unterwürfig gezeigt habe; der aber durch historische Traditionen eine große Anhänglichkeit an eine Provinz des türkischen Reiches be wahrt habe, und für den die Aussicht, nochmals ihren geheiligten Boden zu besitzen, vielleicht lockend genug fein möchte, um ihn zu bewegen, sich den Bedingungen der türkischen Regierung zu unterwerfen, zumal da die Verfolgungen, welche die Inden von einigen christlicheil Regierungen und Völkern zu erdulden haben «zum Tyeil von solchen, die sich am meisten ihrer Aufklärung rühmen), sehr ungünstig gegen die Duldsamkeit abstechen, die ihnen in der Türkei zn Theil wird, wo ihre Lage eine relativ bevorzugte ist. Durch diesen Gedankengang kam Hr. Oliphant dazu, Palästina zu seiner Colonie und die Juden zu seinen Colonisten zu wählen. Bevor er sich aber überzeugen konnte, daß der Gedanke praktisch durchführbar sei, schien ihm nothwcndig das Land zu bereisen, um die Gegend auszuwählen und die Verhältnisse genau kennen zu lernen; aber selbst wenn er einen für den Zweck geeigneten Distriet gesunden hätte, so ivürde doch — das wußte er — alles von der Geneigtheit der Pforte abbängcn. Vor seiner Abreise hielt er eS für geboten, oen Plan seiner eigenen Regierung vorznlegcn. Lord BeaconS sield, damals noch Premierminister, und Lord Salisbury gaben ihre unofsieielle Zustimmung zu dem Plan und versprachen ihn zu fördern. Auch der Prinz von Wales und der Prinz und die Prinzessin von Schleswig Holstein äußerten ihre Theilnahme. In Paris theilte er seinen Plan Hrn. Waddington mit, der sich günstig darüber äußerte und ihm einige werthvvlle Empfehlungen mitgab. So verließ er England im Jahre j.^7'.» und begab sich nach Snrien. Rur von einem Freunde begleitet, ohne Dragvinan, mit wenigem Gepäck, überließen die beiden Engländer cs dem Zufall, ob und wo sie Gastfreiheit und Führer finden würden, und sahen und erfuhren aus diese Weise mehr von den Sitten des Volks als gewöhnliche Reisende. Ihr Weg, von der ge wöhnlichen Route abweichend, führte sie durch das schöne Land, welches der obere Jordan durchfließt, wo die Hügel die Ruinen von Belfort und anderen Castellen der Kreuzfahrer tragen, welche die Ebenen nach Süden zu beherrschten. Obgleich Palästina jetzt vielfach von Touristen besucht wird, überschreiten diese doch niemals das enge Thal des Jordan, welcher zu allen Zeiten, auch in Beziehung auf den Charakter und die Geschicke der Bewohner beider User, eine so entschiedene Grenzlinie gebildet hat. Sehr anschaulich schildert Herr Oliphant wie nahe terra «o^nita und terra in.ognita im heiligen Land an einander grenzen. Doch erst nachdem er den Jabok überschritten, fand er was er suchte. Rach seiner Angabe ist daS Ost-Jordan Land, daS alte Paräa, welches in alter Zeit der Stamm Rüben bewohnte, ein ideales Land für eine Ackerbau treibende Colonie, der bevorzugteste Theil von Palästiita Das ganze Territorium besteht aus "Alluvium der reichsten Art, ans dent sich die Hügel nitd Bergrücken erheben, auf denen die alten Städte standen. Roch heute sieht man die Cistcrnen und größeren Wasserbehälter, welche damals in die Felsen eingehauen worden sind. Tie natürlichen HülfSquellen des Landes sind, wie er sich bald überzeugte, des höchsten Grades der Entwicklung fähig