Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-05-10 · Heft 19 (10.5.1881) · p. Seite 302

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 19 (10.5.1881)
Date
1881-05-10
Page
Seite 302 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227339-3227359--38933-3308203
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

302 Dieses nachtheilige Verhältnis; ist ziemlich constant. Nimmt man auch hier die Jahre 1872 bis 1876, so ergiebt sich, ( daß im Vergleich mit der Zählungsermittelung von 1871 jährlich von den Evangelischen 0,28, von den Katholiken 0,33, den Juden 0,44 angeschuldigt waren und zwar prävaliren die Juden bei bestimmten Arten des Verbrechens, was mit dem Borwiegen bestimmter Berufsthätigkeit im Zusammenhänge steht. Wegen bctrüglichcn Bankrotts, Meineids und Urkundenfälschung waren nämlich angcschuldigt von Juden 0,208, von Evangelischen 0,068, Katholiken 0,050 pro Mille, dagegen wegen aller anderen Schwurgerichts-Verbrechen von Juden 0,148, von Evangelischen 0,218, Katholiken 0,274 pro Mille. Der Herausgeber hat Bedenken getragen, aus der Zahl der Angeschuldigten Schlüsse auf die Zahl der Verbrecher zu ziehen. Was dagegen die Zahl der Berurthcilren betrisst, so ergeben hier die Zahlen, welche der Herausgeber der Gefälligkeit eines unparteiischen Collegen germanischer Abkunft verdankt, daß in den Jahren 1875, 1878, 1d77,78 und 187b 70: 108,310 Gefängniß- und 0'.',723 Zuchthausgefangene waren; unter denselben waren 116* bezw. 044 Juden, mithin 1,000 bezw. 0,048 Proc. Nimmt man den bei der Zählung von 1871 ermittelten Antheil der Juden an der Bevölkerung (1,321 Proc.) als constant an, und erheblich wird sich derselbe nicht verändert haben, so ergiebt sich, daß unter der Zahl der Strafgefangenen in Preußen die Juden bei weitem, nämlich um 2 Neuntel, günstiger stehen, als die christliche Bevölkerung. - Dir. Boeckh schließt alle diese Erörterungen mit folgender Bemerkung: „Der Herausgeber ist zu sehr Statistiker, um hieraus ohne Weiteres den Schluß zu ziehen, daß Juden als solche tugendhafter als Christen seien; wohl aber folgt aus diesen Zahlen, daß für die entgegengesetzte, von dem anonymen Antisemiten verfochtene Behauptung, nach welcher die Juden vorzugsweise verbrecherisch wären, die preußische Criminalstatistik keinen Anhalt bietet." Liierarischer Wochenbericht. Bonn, 20. April. The Land of Oilead. with Excursions in the Lebanon. l»y Laurence 01 ipliant. (London. Blackwood am! Sons.) In Nr. 17 gaben wir einen Bericht aus dem Englischen Unterhause, nach welchem der Staatssekretär Dilke erklärte, daß Sir Laurence Oliphant zu seinem Plane, eine jüdische Colonie in Palästina zu gründen, keine ofsiciellc Unterstützung von England oder einer der Continentalmächten erhalten und daß der Sultan die desfallsigen Anträge zurückgcwiesen habe. Hat deshalb die vorliegende Schrift kein thatsächliches Interesse, da der vom Verfasser auseinandergesetzten Idee jede praktische Unterlage fehlt, so besitzt sie hingegen ein sehr großes wissenschaftliches. da Oliphant, der seine Colonie sich im ostjordanischen Lande gegründet dachte, diese noch fast ganz unbekannte Landschaft sorgfältig untersucht und beschrieben hat. Je genauer der westjordanische Theil Palästinas durchforscht worden, desto weniger ist dies jenseits des Flusses der Fall gewesen. In der jüngsten Zeit sind einige Europäer, der bekannten Alterthümer wegen, in das ehemalige Moab eingedrungen. Aber nördlich von diesem, bis zum Flusse Jabock, war fast noch Niemand. Desto willkommener sind die Erfolge, die der eifervolle Engländer erreicht hat Ta uns das Werk bis jetzt noch nicht vorliegt, so stellen wir ein Referat aus der Beilage zur Allg. Ztg. vom 8. April hierher. „Seit Jahren schon wurde in der englischen Gesellschaft besprochen, daß Hr. Laurence Oliphant, ein eben so talentvoller wie erecntrischer Mann, mit dem Plan beschäftigt sei, eine jüdische Colonie in Palästina zu gründen. Obgleich niemand seine Fähigkeiten als Schriftsteller, als Eorrespondent der „Times" oder als Parlamentsmitglied bezweifelte, wurde doch sein Project als chimärisch betrachtet und verlacht; man nannte cs einen Versuch das Millennium herbeizuführen, in welchem ja, wie einige glauben, die Juden wieder in das heilige Land einziehen sollen. Oliphant ließ sich durch den Spott nicht abschrecken und legt heute dem Publicum seinen wohlerwogenen Plan in einem umfangreichen Buche dar, welches er „das Land Gilead" nennt; cs läßt sich nicht läugnen, daß der Plan, wie er ihn ruhig und sachgemäß ausführt, durchaus nicht mehr so unmöglich erscheint wie bisher, und daß dieser Plan, ob ausführbar oder nicht, in Ueberlegung gezogen zu werden verdient, da er eine feste politische und finanzielle Basis hat. Hr. Oliphant vcrtheidigt sich im voraus gegen den Gedanken, als ob religiöse Ansichten dabei im Spiele wären, wie z. B. der Zweck, die biblischen Prophezeiungen erfüllen zu helfen, und setzt klar auseinander, warum er gerade die Juden für geeignet hält, seinen Plan auszuführen. Kurz nach dem Abschluß des Berliner Friedens wurde es klar, daß die orientalische Frage in ein neues Stadium treten müsse; Hr. Oliphant sah ein, daß dieser Friedensschluß früher oder später eine Einmischung in die Angelegenheiten der Türkei unvermeidlich machen würde, und eine genaue Kenntniß der Verhältnisse, die er sich durch längeren Aufenthalt in diesem Land erworben hatte, brachte ihn zu dem Schlüsse, daß eine Reform schwerlich vom Sitze der Regierung zu Konstantinopel ausgehen werde, vielleicht aber durch eine Art von Decentralisation bewirkt werden könne, welche den entfernt liegenden Provinzen gestatte, sich selbständig, nach verbesserten Grundsätzen zu regieren. Da nun aber nicht zu erwarten ist, daß die türkische Regierung eine solche Maßregel annehmen und gestatten würde, sie auf ihre großen asiatischen Besitzungen auSzudchnen, so könnte man, meint Hr. Oliphant, den Versuch in kleinerem Maßstab machen und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.