Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1881)
- Date
- 1881-05-03
- Page
- Seite 292 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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292 Der Graf Wartensleben - Schwirsen vertritt einen entschieden > Seesen, 22. April. (Privatmitth.) Die im Jahre 1801 bibelgläubigen und humanen Standpunkt, man merkt ihm j von dem am 13. September 1828 verst. Präsidenten Dr. an, daß er sich aus innerem Drang getrieben fühlt, seine Ueberzeugung im Gegensatz zu der Mehrheit seiner Standes- und Parteigenosien öffentlich auszusprechen. Dieser christliche Graf leidet nicht an der sehr verbreiteten und verderblichen Schwäche, zur vermeintlichen Ehre des Christenthums um jeden Preis die Christen zu schonen. Umgekehrt und ganz im Geiste des wahren Christenthums geht er gerade mit den Christen am strengsten in's Gericht. Er behauptet, daß die Christen Ursache haben, die Juden als einen überlegenen Gegner zu fürchten, daran seien die Christen allein Schuld, wie sie ja, selbst Christen, des Christenthums größte Feinde seien. Auf diesem Wege der strengen Selbstkritik gelangt der Verfasser zu der Erkenntniß, daß „der Verfall des Christenthums und der Eintritt in die maßlosen Berirrungen und Verwirrungen der Christenheit von da beginnt, als durch die Verbindung von Staat und Kirche das freie Christenthum zu einer Zwangsanstalt wurde, welche nicht mehr die Seelen allein suchte, sondern die Zahl der Köpfe als Machtfrage behandelte " — Graf Wartensleben scheut sich nicht, die schwersten Missethaten, die in der Kirche seit Jahrhunderten geschehen sind, dem Staatskirchenthum in das Schuldbuch zu schreiben. Er leugnet nicht die Sünden und Fehler der Juden, aber er sucht sie zu begreifen. „Wenn uns", sagt er, „ihr Hochmuth beleidigt und anstößt, so lassen sie uns nie vergessen, daß wir sie durch Jahrhunderte mit Füßen getreten haben." Daneben hat er ein Auge für die Vorzüge der Juden. Nicht blos erkennt er an, daß „sich unter den Juden hochbegabte Naturen finden Juden ein moralisches Zeugniß aus: „Der Jude lebt nüchtern und mäßig, denn ohne diese Nüchternheit und Mäßigkeit ist er zum Erwerben unfähig. Er führt im Großen und Ganzen eine musterhafte Ehe, denn Ehescheidungen sind sehr selten. In der Familie hält er das Gesetz im Auge: Du sollst Vater und Mutier ehren, auf daß du lange lebest auf Erden. Die Alten werden in Ehren gehalten. Das weibliche Geschlecht verhält sich trotz des südlichen Blutes in seinen Adern, im Allgemeinen in Zucht, wie die statistischen Tabellen Nachweisen. Sie zahlen ihre Abgaben an Staat und Kommune und fallen vermöge ihrer Armenpflege der Kommune selten zur Last." Argrnau (Posen), 18. April. In der „Pos. Ztg." lesen wir: In der Oslernacht wurden aufreizende Plakate an den Straßenecken sowie am jüdischen Tempel angeheftet, in welchen die Vertreibung der Juden empfohlen wurde. Die Aufrufe haben bereits Früchte getragen. Bei einer heutigen jüdischen Beerdigung hat der erregte Pöbel die Ceremonien auf dem Friedhofe durch Lärmen und Steinewerfen gestört, tersuchung ist im Gange. Israel Jacobson gestiftete, simultane Jacobson-Schule ist seit 1870 eine staatlich anerkannte, berechtigte Realschule II. Ordn. Sie steht unter einem Kuratorium, das zunächst aus den Verwandten des Stifters gebildet wird und reffortirt unmittelbar von dem herzoglichen Staatsministerium. Die Erziehungsanstalt, wie die Schule, haben sich fortdauernd des sieten Wohlwollens der höchsten Landesbehörde zu erfreuen. Im Alumnat find 40 Freistellen, 20 Halbfreistellen und 90 Stellen mit ganzer Pension fundirt. Während des Schuljahres 1880—1881 wurden in 6 Klassen 221 Schüler unterrichtet, und zwar 115 Juden und 106 Christen. Von diesen wurden 150 im Hause erzogen: 40 Freischüler, 20 Halbfreischüler, 90 Pensionäre; im Ganzen 99 Juden und 51 Christen. Ueberdies nahmen 71 Schüler am Unterrichte Theil, von denen 16 kein Schulgeld, 10 das halbe und 45 das ganze bezahlten; unter diesen waren 16 Juden und 51 Christen. An der diesjährigen Abiturientenprüfuug wurden 14 Schüler, u. A. mit der Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienst, entlassen, unter denen 13 Alumnen (4 Freischüler, 4 Halbfreischüler, 5 Pensionäre) und 1 Stadsschüler (Freischüler) sich befanden. Bon ihnen waren 10 Juden und 4 Christen. Seit Ostern 1870 haben im Ganzen 127 Schüler die vorschriftsmäßige Abgangsprüfung bestanden und zwar 17 mit dem Prädikat vorzüglich, 56 mit dem Prädikat gut er stellt den! und 54 mit dem Prädikat genügend. Unter diesen waren 38 Freizöglinge (von denen 7 das Prädikat vorzüglich, 23 gut und 8 genügend erhielten). 13 zur halben Pension, 58 voüzahlende Pensionäre und 18 Stadtschüler incl. 8 Freischüler. Unter diesen 127 Schülern waren 89 Juden und 38 Christen. Oesterreuch-Uugarn. Wien, 19. April. (Privatmitth.) Gestatten Sie mir, auf die jüngst stattgefundene Enquete im Cultusministerium zurückzukommen. Das Ministerium faßte die Frage lediglich als administrative Frage auf, welche absolut mit der Theologie nichts zu thun hat. Der Rabbiner Schreiber erhält die Einladung nicht, weil er Rabbiner ist, sondern weil ihn der Minister als Reichstagsa-geordneten, der überdies zur ministeriellen Partei gehört, nicht übergehen konnte. Bezeichnend ist es auch, daß. wie ich höre, Herr Dr. G. Wolf, an den die Zuschriften von Seilen des Ministeriums oder des Mi-; nisters stets so zu sagen den ganzen Titel enthalten: Pro- Die Unfessor, Religionslehrer rc. hatte die Zuschrift, welche die j Einladung zur Enquete enthielt, blos deu Namen des ., ... ., ■ , um I r iillri)iiihfrt,iMlMlii^'ty>»rti(lll(HiMM