Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1881)
- Date
- 1881-05-03
- Page
- Seite 289 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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289 brochen, und in den sog. Boraitha's bestanden schon Samm-! lungen, namentlich des R. Akiba. Aber gerade daß diese Sammlungen, und zwar so überaus ungenügend und Mangel- Haft, bestanden, und daß jetzt, nach den Schrecken des Aufstandes und der Hadrianischen Verfolgung, das Anseinanderfallen des ganzen Rabbinismus sehr nahe gebracht war, selbst daß viele Autoritäten nebeneinander existirten, die verschiedenen Richtungen folgten, deren Ziele nicht übereinstimmen, alles Dies mußte Juda Hanassi in seiner hervorragenden Stellung bewegen, ja mit einer gewissen Nothwendig keil bestimmen, eine möglichst systematische und umfassende Sammlung herzustellen. Es mag immerhin sein, daß auch Mo tive von außen her mitwirkten, aber als den alleinigen oder nur vorzüglichen Beweggrund können wir sie nicht gelten lassen. Dafür spricht auch der ganze Charakter der Mischna, der mit den Evangelien auch nicht die entfernteste Aehnlich keil hat, und eher ein Gegenbild in den Sammlungen des römischen Rechts findet. Ebenso wenig finden wir in dem, was uns über das Leben Juda's erhalten ist, wesentliche Züge, die christologisch genannt werden könnten. Juda wird als überaus reich geschildert, als prachtliebend, in hohem Maße freigebig und wohlthätig und gerade darum den Werth finanzieller Mittel anerkennend. Er wollte offenbar seine Würde und Autorität durch äußeren Glanz unterstützen. Mögen Nackrickten hierüber historisch oder sagenhaft sein, so bezeugen sie eine Stellung, die mit der des Stifters der christlichen Religion nicht die geringste Aehnlichkeit hat. Das Streben Juda's wird als dahingehend bezeichnet, die Autorität des Gelehrtenstandes zu erfrischen und zu festigen und zu diesem Zwecke auch das patrizische Element wieder zu heben. DieS zeigt uns doch nur Verschiedenheiten vom Christologischen Tie Erzählung von der Gefahr Juda's als Kind und wie sie abgewendet worden sei, läßt sich am süglichsten mit der des Kindes MoseS vergleichen, und daß er als Knabe die Megillah vorgetragen, ist doch nichts außerordentliches. Wenn Juda von einem schmerzlichen und wehmüthigen Zuge durchdrungen war, so bieten die damalige Lage der Juden und die Schwierigkeiten, die sich seinem Wirken entgegenstellten, genügende Erklärung, abgesehen davon, daß es wohl keinen großen, vom idealen Streben erfüllten Menschen giebt, der aus den Conflicten mit der Wirklichkeit nicht eine tiefe Wehmuth ziehe. So interessant und beachtenswerth die Schrift des vr. Gelbhaus auch ist, so erscheint uns ihr Resultat sehr fraglich. — l*m i cj m i acl j i i c li tc i x. Deutschland. Berlin, 19. April. (Privatmitth.) Hier währt gegenwärtig nur noch der kleine Krieg fort. Es werden von liberaler Seite Volksversammlungen zur Vorbereitung der Wahlen berufen, die den eonservativen Gegnern zu Gebote stehenden Leute dringen ein, sangen furchtbare Schlägereien au, bis die Versammlung polizeilich ausgelöst wird. Es versteht sich, daß hierbei stets antisemitische Ruse ausgestoßen werden. Ich glaube nicht, daß an irgend einem anderen Orte der Welt, außer in unserer deutschen Metropole, derartige Schauspiele ausgesührt und so oft wiederholt werden. Man hat früher über blutige Zusammenstöße bei englischen und amerikanischen Wahlen gehöhnt. Aber in diesem Ilmsange, wie bei uns. sind sie nicht vorgekommcn; auch werden sie dort nicht methodisch betrieben und bei vorbereitenden Wahlversammlungen, die jede Partei für sich abhält, sondern sind nur Ausflüsse des Volksunwillens bei den Wahlen selbst. Ich fürchte, daß hierdurch die Verwilderung des Pöbels in einem erschreckenden Maße gefördert und der Hang zur Ge waltthätigkeit geradezu gepflegt wird. Es könnte kommen, daß die eonservativen Freunde dieser Methode sie einst am meisten zu bereueil hätten. — Neben diesen Faustkämpsen gehen Lüge und Veillumdung immer neben her. So erläßt der Rector der 81. Gemeindeschule, Vogeler, eine Erklärung, die ich der Charakteristik wegen hier wiedergeben will: „Da sich ein gewisses System in der Verbreitung falscher und gehässiger Gerüchte erblicken läßt, getreu dem Satze: rulunuiiare audacter et«.*., so erkläre ich: Mit meiner amt lichen Thätigkeit als Leiter einer großen Schule, sowie mit meiner unterrichtlichen Thätigkeit in Bezug auf den Unterricht in der christlichen Religion würde es schlimnl bestellt sein, wenn ich, statt der Liebe zum Nächsten, Haß und Verachtung gegen Andersgläubige erregte oder erregen ließe. Ich erkläre es daher für eine Verleumdung und für einen Schimpf, wenn man inich zu einem „Antisemiten" stempeln will, ebenso auch, wenn man mich in Verbindung mit Zeitungen setzen will, deren Tendenz ich entschieden mißbillige. Ich gehöre keinem politischen Vereine an, und betheilige mich nicht an politischen Agitationen irgend welcher Art. Dagegen bekenne ich gern, daß ich vor Männern voll UeberzeugungStreue innige Hochachtung empsinde und derselben Ausdruck gegeben habe und gebe, um so mehr, als diese Männer auch abweichende Ueberzeugungen achten und gelten lassen." Man braucht nicht erst Jude zu sein, um diese Zustände zu bedauern und als böchst verderblich anzusehen. Was sich aus dieser Gistsaat noch alles entwickeln werde, ist nicht zu ermessen.