Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1881)
- Date
- 1881-05-03
- Page
- Seite 288 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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2S8 cialdemokraten Most auf's Haar, und doch werden sie von den Conservativen gestützt und gehalten und selbst die „Kreuzzeitung" hat keinen Tadel für diese, im Sinne des Christenthums blasphemischen Auslassungen. Cassel geht aber noch weiter zurück und zeigt an Beispielen, daß schon seit einem Jahrhundert alle gegen die Juden gerichteten Angriffe mit einer feindseligen Gesinnung gegen das Christenthum verbunden gewesen, wofür er die nöthigen Belege herbeibringt. Für ihn entsteht freilich aus dieser ganzen turbulenten Bewegung als größtes Uebel, daß die Juden vom Christenthume eine nur um so schlimmere Meinung erhielten und sich darum weniger bekehren ließen. — Nun noch folgende Broschüre: „An die Judenverfolgcr! Zur Entgegnung aus das Buch „Israel und die Gojim". Bon A. von Schleinitz. (Berlin, Stuhr, 1861.)" Diese Schrift ist durchaus im Geiste der Billigkeit geschrieben, und ihr Schluß lautet: „Gerechtigkeit und Billigkeit für Alle! Gerechtigkeit und Duldung für Conservative und Liberale! Für Orthodoxe und Freidenker! Für Katholiken und Evangelische! Für Anhänger des mosaischen Gesetzes und für christliche Priester und Mönche und Nonnen! Für Arier und Semiten! Kein Scheinliberalismus, sondern wahrer, großherziger, erleuchteter Liberalismus, der sich nicht an der Freiheit und au dem Recht des Individuums vergreift, wenn diese Freiheit nicht in Unterdrückung, dieses Recht nicht in Unrecht, in Rechtsverletzung umschlägt! Achtung vor jedem Recht und jeder Freiheit, wenn dieses Recht und diese Freiheit nicht Anderer Recht und Freiheit schädigt! Raum und Schutz für Alle! Aechte aufgeklärte gütereiche Humanität!" Das Hauptargument des Verfassers ist, daß die Deutschen so wenig reine Germanen geblieben sind, daß sie den Juden, die seit so langen Zeiten in Deutschland ansässig sind, den nationalen Charakter abzusprechen nicht das Recht hätten, und daß alle Leben zu gestalten vermag und ein menschenwürdiges Dasein heroorbringt, wo die Bedingungen fast ganz zu fehlen scheinen. So wie die höchste Cultur noch nicht die Bürgschaft giebt für den Adel und die Sittlichkeit der ihr zugehörigen. Menschen, ebenso schließt die Uncultur, Unwiffenheit und Unbildung die Entfaltung der reinsten Tugenden, edler Empfindungen, der Liebe und Gerechtigkeit nicht aus. Bei der Menge düsterer Schilderungen von wüsten Leidenschaften und entsetzlichen Zuständen, die über den europäischen Osten in den letzten Jahren aus den literarischen Markt gebracht worden ist, ist diese Erkenntniß von Werth und Bedeutung. Dabei ist unser Verfaffer von aller Schönfärberei fern und man sieht jedem Zuge seines Pinsels ab, daß er nach wirklichen Modellen arbeitet. Besonders liebenswürdig verfährt er gegen den weiblichen Theil der jüdischen Bevölkerung. Wir unterlassen nicht zu bemerken, daß wir einige Piecen aus der Sammlung hinwegwünschten, weil sie nicht ohne lascive Färbung sind. Aber es sind dies nur wenige, und unter dem hier Gegebenen finden sich einige kleine Meisterstücke, wahrhafte Edelsteine der novellistischen Kunst. — Wir haben schon früher eines Bortrages des vr. S. Gelbhaus, jetzigen Rabbiners in Carlstadt (Siebenbürgen), über Juda Hanassi erwähnt. Derselbe ist zu einer Schrift erweitert, erschienen: „Rabbi Jehuda Hanassi und die Redaction der Mischna, eine kritisch-historische und vergleichend - mythologische Studie. (Wien, Selbstverlag 1660.)" Das Schristchen giebt ein volles Zeugniß von der Gelehrsamkeit und dem Scharfsinn des Berfaffers, und auch seine Darstellungsweise seffelt in hohem Grade. Dennoch können wir nicht sagen, daß er uns für seine immerhin beachtenswerthen Ansichten gewonnen habe: vielmehr dünkt es uns, daß der Berfasier zu sehr von einer vorausgefaßten Meinung aus seinen Gegenstand behandelt und beleuchtet. die Fehler, die man den Juden vorwerfe, auch an den übrigen Deutschen hafteten, und einige in viel höherem Grade. — Mt Vergnügen zeigen wir an: „Neue Judengeschichten von Sacher-Masoch. Leipzig. Morgenstern, 1881." Wir hatten schon früher Gelegenheit, an ähnlichen poetischen Erzeugnisien des Berfaffers sowohl die bei einem christlichen Autor höchst seltene Kenntniß der Sitten, Meinungen, Anschauungen sowie des Charakters der galizischen Juden, als auch die wahrhaft wohlwollende Gesinnung zu rühmen, die den Dichter für diese so oft geschmähte Menschenklaffe beseelt. Dieselben Eigenschaften bewährt Herr Sacher-Masoch, von- Geburt ein galizischer Edelmann, auch in den Novelletten des vorliegenden Bändchens. Wir sind persönlich ihm dafür zu Dank verpflichtet, weil er uns auf diesem Wege mittelbar eine Ansicht bestärkte, die wir stets gehegt haben, nämlich daß die Meuschennatur des Guten und Edlen so vieles in sich birgt, daß es auch unter den ungünstigsten Verhältnissen das Er will nämlich erweisen, daß Jehuda Hanassi die Mischna allein aus dem Grunde abgcfaßt habe, um den Evangelien der Christen ein schriftliches Grundbuch des Rabbinismus entgegenzustellen, und die Kluft zwischen den Juden und den Judenchristen auf immer offen zu halten, sowie daß die Sage das Leben Juda's christologisch ausgeschmückt habe, gleichfalls um des Gegensatzes willen. Auf diese Weise würden die Person Juda's und die Mischna zu einem Pendanten des Christenthums gemacht werden. Hierin liegt aber unserer Meinung nach eine arge Uebertrcibung. Einerseits hatten die Judenchristen zur Zeit Juda's schon längst ihre Bedeutung vor den Heidenchristen fast ganz verloren. Schon viel früher hatten sie sich einen Heidenchristen als Bischof gefallen lassen müssen, und die wachsende Zahl der Heiden christen schob sie immer mehr in den Hintergrund und stellte sie auf den Aussterbeetat. Andererseits war das Verbot, die mündliche Lehre niederzuschreibcn, bereits längere Zeit durch-