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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-05-03 · Heft 18 (3.5.1881) · p. Seite 287

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 18 (3.5.1881)
Date
1881-05-03
Page
Seite 287 (sequence 5)
Language
German
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287 in vollem Maße, was von Seiten des Christenthnms für die Verbreitung der Humanität geschehen; aber es gehe nicht an, dasselbe als den ersten und ausschließlichen Träger oder Lehrer der Nächstenliebe hinzustellen, und verlangte, daß man den jüdischen Müttern ihre Kinder nicht durch die Zwangstause entziehe. Mit rauschendem Beifall wurde diese Rede ausgenommen; Kuranda wurde von allen Seiten beglückwünscht und der Antrag Rauscher blieb in der Minorität. In dem Jahre, in welchem der Proecß Brunner spielte, gab auch die israel. Cultusgeineinde in Wien Herrn I»>. Kn randa ein Zeichen ihrer Hochachtung und Verehrung, Ohne daß er candidirt hatte, wurde er im Jahre 18i>0 in den Vorstand gewählt. Nachdem im Jahre 18H7 die neuen Statuten gcnchnligt wurden und eine Neuwahl des Gesaminlvor standes ans Grund dieser Statuten stattfand (Herr Joses Ritter v. Wertheimer schied zu jener Zeit als Vorsitzender aus dem Vorstands, wurde bei der Conftitniriing des Vorstandes Baron Jonas von Königswarter znm Präses und D,-. Ignaz Kuranda zum Vicepräscs gewählt. Als solcher fungirte er zugleich als Vorsitzender der Schnlseetivn. Nach dem Hinscheiden des Barons Königswarter am 2H. Dee. 1871 wurde Kuranda zum Präses gewählt und bekleidet er dieses Ehrenamt bis auf den heutigen Tag. In Prag geboren und erzogen, kennt er das jüdische Gemcindewesen und da er mit dem jüdischen Schristthum bekannt und vertrant ist, so besitzt er um so mehr die Eignung für diese hervor-j ragende Stelle. Wie aus politischem Gebiete ein Mann des: Fortschrittes, doch nicht der Ucberstürznng, handelt er auch in gleichem Sinne als Leiter der ersten jüdischen Gemeinde des Continentcs. Der Friede in der Gemeinde wurde während seiner Amtsführung nicht gestört Er wendet seine Ansmerk samkeit sämmtlichen Agenden in der Gemeinde zu und sucht, ihre Juftitutionen nach besten Kräften zu fördern. Infolge der; socialen Stellung, die er einnimmt, ist es ihm auch möglich, die Gemeinde nach Außen hin in glänzender Weise zu vertreten. Noch mag bemerkt werden, daß Kuranda Vieepräsident der israel. Allianz in Wien ist und fungirt er zugleich als Vorsitzender der historischen Section. Kuranda besitzt mehrere Orden und Auszeichnungen, darunter auch vom Kaiser von Oesterreich den Leopold Orden. Mit diesem Orden ist die Erhebung in den Adel- und zwar in den Rilterstand verbunden; doch bis jetzt hat Kuranda um diese Erhebung nicht nachgesncht und ist er nach wie vor bürgerlich geblieben. Wir haben hier in den äußersten Umrissen ein Bild der Wirksamkeit Kuranda's auf jüdischem Gebiete gegeben und wir glauben, wir können ihn mit gleichem Rechte wie der Gemeinderath der Reichs-, Haupt- und Residenzstadt Wien „eine Perle" nennen, und darum rufen wir ihm aus vollem Herzen zu: n.xo -y W. Citfrnrifdjrr Wochenbericht Bon u, 22. April. In den letzten Wochen haben wir keine antisemitische Schrift mehr zugcschickt erhalten. Dahingegen erscheinen noch immer Schriften zur Verthcidiguug und Abwehr, wie deren heute wieder drei vorliegeu. Dabei ist zu bemerken, daß sich vorzugsweise evangelische Geistliche vernehmen lassen, wie wir erst in Ro. 12 über solche zu berichten hatten. „Wider Herrn Hosprediger Stöcker. Eine christliche Stimme über die Jndensrage. Von Ih. ih»-.ck. M. Baumgarten, Reichstagsabgeordneter. «Berlin, Stuhr sche Burhhdl.)" Ter Verfasser will seinem College» Stöcker sowohl die größte Oberflächlichkeit als auch den Irrweg nach iveiseu, den er eingeschlagen. Er sieht in den beiden Gesetzen vom N. Juli 18«','.» (eonfcssionclle Gleichberechtigung« und vom i>. Februar 1875 eine große Befreiung der Kirche, die in ihrer Freiheit durch jede, sei es abwehrendc, sei es unterstützende Hülfe des Staates angegriffen iverde. In jedem Angriff ans die bürgerliche Gleichberechtigung erkennt er daher eine Verletzung der Kirche selbst. Er sagt (2. l;>r. Offenbar leidet Stöcker selber innerlich an der weit und tief eiiigerissenen Verflachung und Verweltlichung des christlichen Namens" und macht ihm zum Vorwurf, mit all' seiner Thätigkeit nicht das Geringste für das christliche Leben seiner zahlreichen Zuhörer geleistet zu haben. Er sieht außerdem in der Antiscmiteiipetition, die doch Stöcker mit unterschrieben hat, „ein Brandmal der schimpflichen Knechtschaft, wie ein solches der deutschen Nation niemals ansgcdrückt worden". Sein geistliches Blut kommt in Wallung, wenn er in der Motivirung dieser Petition das schmachvolle Bekenntniß liest, „daß christliche Weltanschauung, christliche Ucbcrlirserung und echte Frömmigkeit von jüdischer Weltanschauung gefährdet und überwunden werde". Er ruft weiter hin aus: „Daß Ihr in der That nicht mehr Christen seid, offenbart Ihr weiter damit, daß Ihr für die Rettung der I christlichen Weltanschauung u. s. w. Euch an die Hülse der! Staatsmacht wendet. Was sollen die Inden von einem! Ehristenthum denken, welches sich bereits selbst als überwunden bekennt, und um feine weitere Lebcnsfrist die Staatshülse anbettelt?" Aus diesen Gesichtspunkten brandmarkt in wahrem evangelischen Geiste der Professor der evangelischen! Theologie den evangelischen Hosprediger. ''Noch weiter gebt in einer neuen Broschüre Pros. Paulus Cassel, i „Die Antisemiten und die evangelische Kirche. Sendschreiben; an einen evangelischen Geistlichen. «Berlin, Wohlgemuth,! 1881.)" Der Verfasser zeigt durch mehrfache Citate aus antisemitischen Schriften und Zeitblättcrn, daß die Anti-! semiten, mit denen doch Stöcker eifrige Verbindung pflegt, j entschiedene Gegner des Christenthums sind. In der That! ähneln manche dieser Stellen den verrufenen Reden des So-

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