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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-05-03 · Heft 18 (3.5.1881) · p. Seite 285

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 18 (3.5.1881)
Date
1881-05-03
Page
Seite 285 (sequence 3)
Language
German
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285 darauf legen, daß sich Herr v. Dreitschke noch immer zu den 'sehensten schöngeistigen Zeitschriften, des „Telegraph", und zwar Nationalliberalen zählt, denn dieser Herr hat wohl nur wcdcbutirte er mit einem Artikel über Jom Kippur. In jener nige Anhänger; auch nicht darauf, daß persönliche Mißstimmung influirt haben mag, weil gerade Lasker und Bamberger aus der nationalliberalen Partei ausgeschieden sind, denn eine große Partei kann nicht lange unter der Herrschaft persönlicher Empfindlichkeit stehen — so ist doch das gänzliche Stillschweigen der Partei in einer großen drei Sitznngen einnehmenden Debatte jedenfalls ein Zeugniß des Jndifferentismus oder der Unzuverlässigkeit in ihren eigenen Reihen. Es sprach in jener Debatte von den Nationalliberalen nur der Abg. Hobrecht, und zwar — kurz und zweideutig. Nur Prof. Weber sprach in der großen Berliner Wählerversammlung, wo Birchow und Engen Richter so überaus glänzende Reden gegen die Antisemiten hielten, ebenfalls entschieden zu Gunsten der Juden. Dies ist das Verhalten und das Verhältnis der Parteien nach voller Thatsächlichkeit. Wir haben es hier klarstellen wollen, um unsere Leser aus dein Boden der gegenwärtigen politischen Wirklichkeit orientiren zu Helsen. Wien, 22. April. Dr. Ignaz Luran-a. Ich kenne den Spruch 'r? '«2' r/'z 'pr;\n dhvc; der Mensch aber soll dem Gefühle der Pietät, da wo sich ihm die Gelegenheit dazu bietet, Ausdruck gebe«. Ich halte es daher für angemefien, des Präses der hiesigen israelitischen Eultusgcmcinde, des 'Herrn IM. Ignaz Kuranda, zu gedenken, den der Gemeinderath der Haupt- und Residenzstadt „eine Perle" nennt, und defien 70. Geburtstag demnächst am 8. Mai in besonders feierlicher Weise begangen werden wird. Selbftverständlich kann es hier nicht meine Ausgabe sein, den Jubilar als Schriftsteller, als Dichter, als Staatsmann zu schildern; ich will blos von dem Juden Kuranda sprechen. Kuranda's Wiege stand in Prag; dessen Vater und Großvater waren Antiquarbuchhändler. Wie üblich, erhielt der Knabe Unterricht in Bibel und Talmud, und er machte in denselben bedeutende Fortschritte. Er hatte im Vaterhause aber auch Gelegenheit, sich mit anderweitiger Literatur zu beschäftigen. Die brutale Behandlung seitens eines Privatlehrers, der ihm Unterricht im Talmud gab, verleidete ihm dann diesen Gegenstand. Er gab dieses Studium ans und wendete sich desto eifriger der allgemein wissenschaitlichen Richtung zu. Im Lause der Zeit wurde cs dem jungen Mann in Prag zu enge, und er begab sich im Jahre l^->l nach Wien. Hier betrat er den Boden der Journalistik. In den dreißiger Jahren gab es in Sesterreich keine polnischen Journale, und er wurde Mitarbeiter einer der damals angc- Zeit, in welcher jüdische Schriftsteller am allerwenigsten jüdische Stoffe behandelten, war dieser Artikel um so maßgebender für die Gesinnung des jungen Mannes. In Folge der damaligen leidigen Eensurverhältniffe verließ Kuranda 1837 sein Vaterland und gründete Oktober 1841 in Brüssel „Die Grenzboten", welche er dann wegen der Ehikanen, die ihm von Seiten der preußischen Regierung bereitet wurden, (die nach Leipzig gesandten Bücherballen, welche die Grenzboten enthielten, wurden in Aachen zurück behalten), nach Leipzig verlegte. Er selbst blieb jedoch noch längere Zeit in Brüssel. Im Jahre I84>» veröffentlichte er das Werk: „Belgien feit feiner Revolution" ^Leipzig, HcrbigZ welches berechtigtes Aufsehen machte und in mehrere fremde Sprachen übersetzt wurde. In diesem Werke widmet der Verfasser auch ein Eapitel den Juden, in welchem er von den Judenmassacren in Belgien zur Zeit des Mittelalters berichtet. Wir wollen ans demselben einige Sätze berverheben, die noch heilte in Deutschland gewissermaßen actncll sind. Es heißt nämlich da: „Seit fünfzig Jahren, d. h. seit die Soldaten der französischen Republik Belgien besiegten, ist zwischen Jud' und Christ hier kein Unterschied. . . In diesen ganzen .'>0 Jahren ist in dem wegen seines Katholicismus so verschrienen Belgien auch nicht eine Scene der Art vorgciallcn, die in Deutschland unter dem Titel Inden Verfolgungen so oft und bis in die allerneueste Zeit sich wiedcrholen. Unsere reaetionären Staatsmänner pflegen in der Regel derlei Auftritte als Argumente wider die Judenemancipation auszubeuten. „Volksstimme — Gottesstimmc", krächzen die falschen Propheten. Wenn nämlich das Volk eines oder das andere der heiligsten Menschenrechte verlangt, so erwidert man. das ist das Geschrei des Pöbels, der von Einzelnen ausgehetzt ist. Wenn aber der Pöbel in seiner Feigheit an den Wehrlosesten sein Müthchcn kühlt, so promovirt der Pöbel zum Volke und ruft: „Gottesstimmc", und argnmentirt, man müsse die Juden wieder etwas mehr einschränken.. . Weil der Pöbel — und nicht blos der in zerrissenen Kleidern — weiß, daß der Staat ein williges Ohr seinem Geschrei schenkt, so unterläßt er cs nicht überall, wo der Jude als Eoncurrent auitritt, aus voller Luugc zu klagen und zu schreien. Jc eifriger die Juden der Industrie, den Gewerken und der Wissenschaft sich zuwcnden und von dem ihnen zum Vorwurf gemachten Schacher und Wucher sich zurückzieben. desto lauter wird das Geschrei gegen sie.Tie Schneider schreien: Laßt sie alles werden, nur keine Schneider: die Schuster schreien. Alles nur keine Schuster. Mau bat in Deutschland von verschiedenen Seiten, wenn aus die französische Emancipation der Juden hingcwiesen wurde, den Einwurf gehört, daß die französische Revolution eb.nnv se!-r

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