Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-05-03 · Heft 18 (3.5.1881) · p. Seite 284

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 18 (3.5.1881)
Date
1881-05-03
Page
Seite 284 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227339-3227358--38914-3308183
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

steht alles in einem CausalnexuS, hat alles seine nothweudi gen Consequenzen. Ist die Reihe der Ausnahmen und der Borrechte erst wieder eröffnet, so wird sie fort und fort wen 1er wachsen, bis sie ihre Unerträglichkeit und ihre Unverträglichkeit mit dem Heile der Gesellschaft so sehr erwiesen hat, daß sie auf friedlichem oder tumultuarischem Wege zusammen bricht. Sehen wir also näher zu, wie die Dinge gegenwärtig liegen. Am 5. April versammelten sich die „Conseroaiiven des U. Berliner Reichswahlkreises" behufs Constituirung „eines conscrvativen Wahlvereins"; es fanden sich etwa 200 Mann ein. Indessen gab sich die Ansicht kund, daß man einen dam ernden Verein ins Leben rufen müsse, der die conservativen Interessen vertrete. Es trat insonders hierfür der Cen- 1 rumsabgevrdnete Crem er auf, welcher nach der „Nordd. Allgem. Zeitung" ausführte: „Wollten wir einen nur antifortschrittlichen Verein gründen, wir würden denselben Fehler begehen; den wir an dem Liberalismus immer getadelt haben, wir würden in der Negation sichen. Die conservative Partei muß jedoch zum mindesten wissen, was sie conservircn will, sonst verdient sie ihren Namen nicht. (Bravo.) Ein Programm zu stnden, dem alle die, die staatserhaltcnd sind, beitreten können, dürfte nicht schwer sein. Drei Worte drücken Alles aus: „Christenthum, Vaterland, Monarchie". (Bravo.) Der Fortschrittspartei gegenüber, die erst confessionsdann religionslos geworden, muß beroiesen werden, daß wir einen christlichen Staat haben <Bravo >, christlich vor Allem gegenüber der Dynastie, die wir das Glück haben zu besitzen (Bravo^, damit ist, das bemerke ich in Parenthese, zugleich die Judenfrage gelöst. »Bravo)." Edle Seelen bedürfen nicht vieler Worte, um sich zu verstehen. Man will den „christlichen Staat", und hiermit sei „die Judensrage gelöst" — das heißt nichts Anderes, als die Gleichberechtigung der Nichtchristen aufheben, aus der Verfassung und den Gesetzen streichen, die Juden aus allen öffentlichen Aemtern entfernen und sie allen möglichen Beschränkungen und Ausnahmegesetzen unterziehen. Wir brauchen keinen Zweifel zu hegen, daß dies die wirkliche An und Absicht der Conservativen ist, wenigstens derer, - welche den Kern dieser Partei bilden. Dafür spricht die Haltung der conservativen Presse, welche in den extremsten Angriffen gegen die Juden den nltramontanen Blättern lange vorangegangen und dann mit ihnen darin gewetleisert haben, von der „Kreuzzeitung" an bis zu der eben eingegangcnen „deutschen Landcszeitung". Bon denselben Absichten sind auch die Ultramontanen beseelt. Das zeigte sich schon bei der Interpellation Hänel. Tenn wenn auch der Abg. Windthorst sich gegen die antisemitische Petition und der Abg. Reichensperger zweidcutig aussprachen, so war doch der eigentliche Vertreter des O^ntrums bei dieser Debatte der Abg. Bachem, der mit wahrhaft leidenschaftlicher Wuth über die Juden Hersiel. Der oben citirte Eremer gehört ebenfalls dem Centrum an, und was in den letzten Jahren die ultramontane deutsche Presse auf diesem Felde geleistet hat, überschreitet alle Grenzen. Mag nun die Verbindung der conservativen Partei und des Centrums nicht vollständig sein, mögen sich gewiffe Differenzpunkte zwischen ihnen noch lange nicht verlieren: in der Bekämpfung der Gleichberechtigung der Juden stimmen sie überein, die Aufhebung dieser streben sie gemeinsam an und würden unter geeigneten Umständen offen damit austreten. Es wird nämlich nur darauf ankommen, ob sie im neuen Reichstage zusammen eine große Mehrheit erlangen, und ob die rückläufige Bewegung gegen die bisherige Gesetzgebung des deutschen Reiches noch weiter vor sich geht. Hiervor die Augen zu verschließeli, würde von geringer politischer Einsicht zeugen. Mustern wir ebenso die liberalen Parteien, so kann man zwar im Allgemeinen voraussetzen, daß, was sich als „liberal" bekennt, die Gleichberechtigung als eine unantastbare Grundlage des modernen Staates anerkenne und im Nothfalle vertheidige. Allein die Grenzen und das Wesen der liberalen Partei haben sich doch in der jüngsten Zeit so schwankend und unzuverlässig gezeigt, daß man mit einer so allgemeinen Bezeichnung irregehen könnte. Hier können wir daher mit Bestimmtheit nur sagen, daß die Fortschrittspartei und die Secessionisten diejenigen waren, welche unumwunden und mit Energie in dem bereits begonnenen Kampfe für die Gleichberechtigung und gegen die antisemitischen Wühlereien eingetreten sind. Es war dies von unschätzbarer Bedeutung; denn in dem Momente, wo die Fluth gegen uns auf's Heftigste anstürmtc, und wo Alles schwieg, weckten sie durch ihre Stimme das öffentliche Gewissen in Deutschland, und diesem Umstande haben wir es zu verdanken, daß die sog. antisemitische Bewegung über Berlin nicht hinaus kam und selbst an den Orten zu verlaufen begann, wo sie sich bereits breit gemacht, in Leipzig, Breslau, Dresden. Allerdings lief es dabei auch nicht ohne einige Schädigung ab. Denn da die Fortschrittspartei ihren Hauptsitz und ihre stärksten Stützen in Berlin besitzt, so wurden, weil sich die Fortschrittspartei mit der Vertheidiguug der Juden identisizirt hatte, von gewisser Seite her die antisemitischen Agitatoren oder doch die voir ihnen in Scene gesetzte Bewegung beschützt, vielleicht auch geradezu unterstützt, um sie in Berlin gegen die Fortschrittspartei zu benutzen. Darum wird auch die antisemitische Wühlerei vor den bevorstehenden Wahlen nicht aufhören, wahrscheinlich vielmebr bei Gelegenheit derselben stärker als je angefacht werden. - Mit tiefem Bedauern vermögen wir Aehnliches von der uaiionalliberalen Partei nicht zu! sagen. Sie glänzte nur durch ihr Schweigen; sie schwieg j selbst bei den heftigsten Angriffen aus den Reihen der Con- | servativcn und Ultramontanen. Wenn wir auch kein Gewicht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.