Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1881)
- Date
- 1881-04-26
- Page
- Seite 277 (sequence 11)
- Language
- German
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277 unsere erste Begegnung. Wachtthürme, deren Besatzung ausgestorben scheint, säumen den holprigen Weg, eingestürzte Brücken unterbrechen ihn mit großer Regelmäßigkeit. Wie geächtet liegt das Land seit Ramleh. Stein, Stein und wieder Stein! Der Engpaß, an dessen Mund die jüdische Herberge mit ihrem Ungeziefer steht, böte einem neuen Dante zu bunte Tücher gehüllt. Alle in lauter Wehklage, als sei der jüngste Tag erschienen. Altersschwache, zitternde Greise küssen inbrünstig die Steine und ringen die Hände. Unter ihnen ein kleiner Junge, die ihm unverständliche Erregung kindlich nachahmend, auf dem vollendet sein geschnittenen Dulderkopse eine alte viereckige Pelzmütze tragend. Weinend Höllenschilderungen einen wirksamen Borwurf. Es ist eine «liest der Rabbi vor, mit schluchzendem Amen fällt die kla- Steinwüste in verzweifelnder Farblosigkeit ohne die erschreckende gende Menge ein: Großartigkeit der Sahara. Auf und ab über die monotonen j Felsenhügel, an wilden Oelbäumen und Johannisbrotbüschen: vorbei, gelangen wir an ein griechisches Kapheneion. Hier! endlich ist eine Thalschlucht; seit Stunden das erste frisch! grüne Fleckchen und der xrsnius loci. eine Quelle. Alle die! Berge, die wir nun im Rücken haben, waren einst begrünt.! Saul's und David's Zeit sah da blühende Stätten und frohe 1 Menschen. Und heute? ... Es will Abend werden, der Tag neigt sich und Bab el-Wödi haben wir schon pasfirt. Da leuchtet im dämmernden Schein ein weißer Streif uns Wegen des Palastes, der wüste liegt. Wegen des Palastes, der zerstört ist, Wegen der Mauern, die zerrissen sind. Wegen unserer Majestät, die dahin ist. Wegen unserer großen Männer, die darniederliegen, Wegen der kostbaren Steine, die verbrannt sind, Wegen der Priester, die gestrauchelt haben. Wegen unserer Könige, die ihn verachtet haben, Sitzen wir einsam und weinen Einigen laufen helle Thränen über die sonnegebräunten. entgegen. Auf einer Erdwelle, zwischen Hügeln eingesargt, abgehärmten Wangen in den Zausbart. Ein kleiner Mann, vom Oelberg kanzelartig überragt, liegt die vielumstrittene ein Rohr in der Hand, gehtim Hintergründe emsigen Schrit Stadt, die Zionstochter, welcher ganze Menschengeschlechter^- auf und ab, Wachskerzen in eine große Laterne setzend, zugejauchzt, liegt Jerusalem! «Er ruft: „Thut Einhalt eurer Klage, thut Einhalt!" Doch Unsere Pferde greifen besser aus; noch wenige Minuten,! der Jammer kennt keine Pause. Weh ohne Ende! und wir halten am Jassathor, vor den gewaltigen quader- Um den wahrhaft ergreifenden Eindruck dieser Scene gefügten Festungsmauern, auf denen stolz das Halbmonds! etwas zu verwischen, traten wir in ein arabisches Cafe. Ein zeichen im rotheu Felde weht. Einzelne Theile der überj Guitarrespieler und ein Cymbalschläger spielten und sangen raschend eng zusammengeschobenen Stadt sieht man schon von! ihre orientalischen Weisen. Bald einzeln, bald zu weit erhier aus. Die phantastischen Kuppeln der Moscheen , die j hoben sich die Stimmen in süß-wehmüthigcr Mollklage, dann schlanken Minarets und einige andere Gebäude ragen aus verhauchten sie in hinsinkenden Triolen. Beim wilden Rhythdem Trümmerhaufen auf, in dem Türken und Juden Hausen, mus einer Act Bolero, das nun folgte, machte ein Zwerg Wahrlich, das hebräische Pompeji ist der steingewordene Auspossirliche Sprünge. Wir treten wieder in das schmutzige druck der Trübsal. Anderen Zeugen gefallener Größe ent- Gäßchen hinaus. Die große Kuppel, die sich bei unserem gegengehalten, wirkt es dadurch noch erschütternder, daß hier Eintritte den Augen zuerst entgegenstellte, gehörte dem von kein versöhnendes Grün, nicht die elegisch: Friedhofsruhe von Omar 637 erbauten Felsendome, der Moschee Sakh-.ra, an. Ephesus, nicht die ersterbende Schönheit der classischen Bild- Innen herum läuft ein Band phantasiereich verschlungener werke Griechenlands, nicht der gottergebene Geist sanfter Arabesken auf Goldgrund, und in reichstem Farbenprunk cr- Duldung mildernd zwischen das zerbröckelnde Gebilde der glühende, uralte Glasfenster mildern das gloriose Tageslicht. Menschenhand und die in ferne Zeiten blickende Phantasie Außen bekleiden blau-weiß glasirte Fayence-Ziegel die Kuppel des Beschauers tritt. Kein Stein mehr aus dem andern! nach Art spanisch-maurischen Azulejos. Die Moschee selbst Und doch regt fich's und zuckt's in den Trümmern, und aus sieht auf dem alten Tempelplatze, welchen Brunnen, Arcaden dem Schutt tönt's geisterhaft wimmernd wie ungestilltes Leid und Treppen zieren. Weiter unten liegt die andere Moschee, und stumpfes Sehnen, wie ewige Klage um unwiederbringel Aksa, mit halbverschütteten gigantischen Substruktiouen, lich entschwundenes Glück. Bor der cyklopischen Steinmauer den sogenannten „Ställen Salomos". Längs der aus mächdes Herodes stehen Juden und Jüdinnen, laut jammernd tigen Kalksleinblöcken erbauten Zinnenmauer, gelangen wir über den Fall der Stadt. Rechts die spanischen Juden, in zum Goldenen Thor, wo Gottfried von Bouillon siegreich ihrer Mitte der Borbeter mit langwallendem weißen Barte, eindrang. Der Blick von da zum silbergrauen Oelberg ein- Links mit ihren Rabbinen die deutschen und polnischen hier por ist, namentlich bei Sonnenuntergang, stimmungsvoll und seßhaften Juden, in seidenem, schwarzglänzendem Kaftan, eigenartig. das Haupt bedeckt mit verschossenen Seidenmützen. Hie und Der nächste Tag trifft uns mit dem Frühesten schon da auch ein modern Gekleideter. Endlich die Weiber, in auf dem Wege nach Mar Saba, einem griechischen Kloster, 17*