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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-04-26 · Heft 17 (26.4.1881) · p. Seite 272

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 17 (26.4.1881)
Date
1881-04-26
Page
Seite 272 (sequence 6)
Language
German
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Vom Universitätsgericht wurde vielmehr am 24. März jedem Studenten die Theilnahme an dem polizeilich angemeldeten „B. d. St." unter Androhung sofortiger Disciplinarstrafe verboten. Sofort traten sämmtliche Studenten der Universität aus. Der polizeilich angemeldete Verein wurde aber weder aufgelöst, noch sein Eingehen der Polizei zur Anzeige gebracht. Er bestand ohne Studenten weiter durch die Angehörigen der technischen Hochschule und durch „alte Herren" als Mitglieder. Die Studenten der Universität bildeten sofort einen neuen „V. d. St.", der dieselben Statuten beibe hielt, aber nur immatriculirte Studenten der hiesigen Universität als Mitglieder aufnehmen darf. Die Constituirung dieses neuen Vereins wurde sofort am 24. März dem Herrn Rector mitgetheilt, und besteht dieser akademische „B. d. St." seitdem unbehindert fort. Dieser akademische „B. d. St." ist bislang nirgend an die Oeffentlichkeit getreten. Er will auch nie agitatorisch nach irgend einer Richtung wirken oder, sei es nur durch Demonstrationen, in die praktische Politik eintreten. Herr v. Schramm war niemals Mitglied dieses akademischen Vereins, auch konnte er es nicht sein, weil er kein immatriculirter Student ist. Herr v. Schramm hält mit wenig anderen Herren den polizeilich angemeldeten „B. d. St." aufrecht, von dem sich sämmtliche immatriculirte Studenten getrennt haben. Diese erklären ausnahmslos, daß sie mit dem Borgehen des Herrn v. Schramm seit den letzten zwei Wochen nichts gemein haben." Berlin, 13. April. (Privatmitth.) Nach einer dreivierteljährigen hochgradigen Agitation mit Anwendung aller möglichen Mittel der Hetzliteratur, der Volksversammlungen, der Studentenaufreizungen, der ausgedehntesten Correspondenzen, die moralischen nicht mit gerechnet, wie sie in den weitgehendsten Verleumdungen und Verdrehungen der Wahrheit enthalten sind, ist endlich die große Action der Antisemiten zur Ausführung gekommen — die Petition ist an den Reichskanzler abgegangen. Statt der anfänglich vorausgesagten zwei Millionen, selbst statt der von Stöcker noch vor Kurzem verkündeten Million Unters chriften, hat man dennoch durch die eifrigste Aufhetzung im gesammten Deutschland nur 255,000 zusammengebracht. Aber wer sind die, welche unterschrieben haben? Wer hat die Unterschriften legalisirt? . . . Das neu erstandene agrarische und hochconservative „Deutsche Tageblatt" schreibt darüber: „Die Ablieferung der vielbesprochenen, an den Fürsten Reichskanzler gerichteten Petition, in welcher um Einschränkung des Einflusses der Juden gebeten wird, fand gestern statt. Nachmittags gegen 4 Uhr wurden die 26 stattlichen Bände, in welchen etwa 14,000 Petitionsbogen zusammengehcftet sind, nach Staaten und Provinzen geordnet, abgegeben. Die Zahl der Unterzeichner beträgt nahe an 255,000, von denen „Schlesien" allein ein Fünftel geliefert hat. Hieran schließt sich die Mark Brandenburg mit mehr als 38.000 Unterzeichnern, von welchen auf Berlin allein mehr als 12,000 entfallen. Sehr stattlich präsentirt sich das conservative Westfalen mit über 27,000 Namen; die Rheinprovinz stellt deren beinahe 20,000. Süddeutschland ist im Berhältniß schwächer vertreten: Württemberg. Baden und Hohenzollern haben zusammen wenig über 7000, Bayern ca. 0000 geliefert. Unter diesen Namen sind thatsächlich alle Stände vertreten, von dem Standesherrn, dem General, dem Künstler, dem hohen Beamten bis zum ärmsten Tagelöhner. Bedenkt man, mit wie geringen Mitteln das Unternehmen begonnen und durchgcführt worden ist, vergegenwärtigt man sich, daß zahlreiche Petitivnsbogen unterschlagen worden sind und daß von zehn Menschen, welche Lust hatten, zu unterschreiben, kaum Einer den Muth findet, so wird man die obengenannten Ziffern als einen entschiedenen Erfolg bezeichnen müssen, und man kann der fraglichen Petition den Werth eines Plebiscits wohl zusprechen." Man sieht, die Leutchen machen gute Miene zum bösen Spiel. Sie suchen nach Gründen, ihren Mißerfolg zu erklären und finden die schlechtesten. Eine große Nation von 42 Millionen der Muthlosigkeit zu zeihen, sich in einer so gefahrlosen Sache auszusprechen, dazu gehört ein hoher Grad von Schamlosigkeit. Sagt doch selbst die „Germania" zu obigen Sätzen: „Wir können dieser Auffaffung nicht beistimmen. Der Erfolg der Petition entspricht keineswegs dem Aufwande an Agitation und Zeit." Und nun gar diese Unterschriften ein „Plebiscit" zu nennen! Man wollte dem Napoleonischen Frankreich ein Manöver entlehnen, sehr deutsch, sehr conservativ — und man bringt nur eine Carricatur zu Stande. Doch zählte sein Plebiscit 7 oder 10 Millionen wähl- und stimmberechtigter Männer — hier soll ein solches aus einer Viertelmillion Leute von jeglichem Kaliber bestehen! (S. Leitartikel in dieser Nummer.) Cassel, 8. Llpril. (Privatmitth.) Der „Voss. Z." schreibt man von hier: „Auch hier hat sich in den letzten Tagen ein! sog. „Resormverein" nach Henricischem Muster gebildet." Es ist cigenthümlich, daß es in Deutschland fast zur Gewohnheit geworden, die edelsten Worte zur Bezeichnung des geraden Gegentheils zu gebrauchen. Man denke an „Vaterland", „Germania", „Volkszeitung" und jetzt „Reformverein". Königsberg i. Pr., im April. (Privatmitth.) Die Leser werden sich erinnern, daß vor einem Jahre, unter Aufhebung des Waisenhauses zu Schippenbeil, das hiesige israelitische Waisenhaus zu einem solchen für die Provinz erweitert wurde. Diese Operation ist durchaus gelungen und der Jahresbericht, der eben ausgegeben worden, bezeugt die günstigen Fortschritte, in welchem diese Wohlthätigkeitsanstalt begriffen ist. Jndeß fühlte der Vorstand, die Gerechtigkeit erfordere, daß auch die Gemeinden der Provinz sich in reicherem Maße der Anstalt anschlöffen, um den wachsenden

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