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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-04-26 · Heft 17 (26.4.1881) · p. Seite 268

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 17 (26.4.1881)
Date
1881-04-26
Page
Seite 268 (sequence 2)
Language
German
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268 daraus folgen. Um so näher liegt uns die Frage: lvie steht es gegenwärtig um die Antisemiten? Befragen wir diese Gesellen zuerst um ihren Namen. Welches Recht habt Ihr auf denselben? Die Antwort lautet: keines; er ist eine Anmaßung, wie sie ungerechtfertigter nicht sein kann. Semiten und Arier sind gar keine verschiedene Racen. Jedes Handbuch der Anthropologie lehrt dies. Die Völker, die man so benennt, gehörten und gehören der kaukasischen Race an. Semiten und Arier sind nichts als Bezeichnungen zweier Sprachfamilien, die jedoch aus dem. selben Urstamm entsprungen sind, und nur auf dem Wege ihrer Entwickelung Verschiedenheiten angenommen. Faktisch haben also die Worte arisch und semitisch nur eine sprachliche Bedeutung. Aber gerade die Juden haben die ihnen ursprünglich angehörige semitische Sprache seit Jahrtausenden aufgegeben. Schon vor der zweiten Zerstörung Jerusalems nahmen die jüdischen Colonisten überall die Sprache des Landes an und vergaßen ihr Hebräisch; wie z. B. der große Philosoph Philo nachweislich keine oder nur höchst geringe Kenntniß des Hebräischen hatte, Nach der Zerstörung wurde dies allgemein bei den überallhin zerstreuten Gruppen der Juden. Die hebräische Sprache ward eine todte und gelehrte, und ihr Gebrauch als Cultussprache schließt sie hiervon nicht aus. Was also das Charakteristikum des Semitismus ist, das besitzen die Juden gar nicht, nämlich die semitische Sprache, und sie so zu benennen, ist nur ein Zeichen der Unwisienheit. Daß sich ein solcher Ausfluß von Unwissenheit trotz der europäischen Gelehrsamkeit und Wissenschaft verbreiten und lange Zeit erhalten kann, dafür haben wir mehrere Beispiele. Warum aber nennen sie sich Antisemiten? Gegen die Araber ziehen sie doch nicht zu Felde? Nun kann man ihnen auch nicht zutrauen, daß eine gewisse Scham über ihr eigenes Treiben sie dazu vermocht habe, sich nicht „Judengegner, Judenfeinde", oder dergl. zu nennen und einen anderen Ausdruck zu wählen. Der Grund ist darum ein anderer: sie wollten damit die Juden als „Fremde", als Nichtdeutsche, als einer anderen Nationalität zugehörig markiren, und darum wählten sie einen generellen Namen. Dann aber war es ihnen auch zu thun. gegen die getauften Juden ebenso zu wühlen, wie gegen die wirklichen Juden, und dazu war es ihnen wiederum bequem, eine Bezeichnung zu gebrauchen, welche nicht auf die Religion, sondern auf die Abstammung zu verweisen schien. Aber wir bestreiten ihnen dies auf dem Boden der Geschichte, auf welchem jenes nichts als eine Unwahrheit, eine Erdichtung ist. Auf die Geschichte und die tiefer liegenden Motive dieser Judenverfolgung brauchen wir hier nicht schon wieder einzugeben. Sie hat ihre Vorgeschichte in der conservativen Presse seit 18f>0, in der nltramontanen seit 1870, in der schlauen Benutzung der großen Finanz und Jndustriekriie und der daraus entstandenen mißlichen materiellen Zustände, in dem Siege der Agrarier, im Ansturm gegen den Liberalismus, endlich im Auftreten judenfeindlicher Agitatoren, die sich einer gewissen Unterstützung und Förderung zu erfreuen schienen. Es wird immer bemerkenswerth bleiben, daß thatsächlich gerade in dem fortschrittlich gesinnten Berlin die ansemitische Agitation ausbrach und ihren Heerd fand, von hier aus Leipzig und Breslau inficirte, im übrigen Deutschland aber keinen Boden fand. Es ist hierdurch der eigentlich politische Zweck der ganzen Bewegung ausgesprochen, welcher der vorausgesetzte Judenhaß zum Mittel dienen sollte. Wie steht es aber nun in diesem Augenblicke um den Antisemitismus? Es ist nicht selten vorgekommen, daß in dem Momente, wo eine Partei ihre höchste Karte ausspielt, es bereits mit ihr zu Ende läuft. Die gegen die Juden gerichtete Schandliteratur hat sich verlaufen. Wir erhielten jüngst nur noch Broschüren gegen die Antisemiten. ES würde nichts schaden, meinen wir, wenn auch diese aufhörten. Die antisemitischen Versammlungen in Berlin haben aufgehört, und es ist davon als Niederschlag nur eine Rotte von Leuten übrig geblieben, welche in die fortschrittlichen Versammlungen ziehen, um diese durch Schreien, Toben und Prügeln zu stören und deren polizeiliche Auflösung herbeizuführen. Ties ist für den Moment Alles, was davon übrig geblieben, keine rühmlichen Rudimente. Der Schakal hat sich in seine Höhle zurückgezogen, nämlich in den Theil der Zeitungspresie, aus welchem er hervorgebrochen. Jndeß wiederholen wir, was wir schon früher bemerkt; zur Zeit der Wahlen wird er wieder zum Vorschein kommen. Religionsfreiheit und Religionsfrieden in den Vereinigten Staaten von Nordamerika. Unter der Redaktion von Richard Leffer erscheint seit dem 1. April eine neue Monatsschrift: „Weltpost, Blätter für deutsche Auswanderung, Colonisation und Weltverkehr." (Leipzig, Wcltpostverlag. > Der Titel giebt deutlich den Zwecken und Zielen der neuen Zeitschrift ihren Ausdruck, und das erste Heft schon bringt des Belehrenden und Wichtigen recht Vieles, sowohl theoretischer als praktischer Art. Wir geben aus ihm hier einen Artikel wieder, der eines wohlthuenden Eindrucks nicht verfehlen wird und auch mit dem, in unserem Literarischen Wochenbericht dieser Nummer besprochenen Buche über die Trennung von Staat und Kirche in einer inneren Beziehung steht. Er lautet unter obiger Ucberschrift: „Eine Freistatt zu suchen für ihre religiösen wie politischen Ueberzeugungcn zogen im Jahre 1620, von fanatischer Tnrannei vom beimatblichen Boden vertrieben, die

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