Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-04-19 · Heft 16 (19.4.1881) · p. Seite 257

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 16 (19.4.1881)
Date
1881-04-19
Page
Seite 257 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227339-3227356--38885-3308152
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

257 ein solches Local von Juden längst nicht mehr besucht wird, kommen die Agitatoren und ihre Helfershelfer daselbst zw sammen, um judengehäsfige Orgien zu feiern. Es gehört dies jetzt zu den Charakteristiken der deutschen Reichshauptstadt. Man müßte Bädeker darauf aufmerksam machen, es! in seinem Reisebuche zu notiren! — Es ist bemerkenswerth, wie sehr es den Rumänen gelungen ist, Europa eine Farce vorzuspielen. Die „Voss. Zig." enthielt in diesen Tagen in einem Leitartikel die Phrase: „Seit Rumänien durch den Berliner Congreß gezwungen worden ist, den Juden bürgerliche Gleichberechtigung zu gewähren". Nichts ist bekanntlich irriger. Der Berliner Congreß hat es vorgeschrieben, hat davon die Anerkennung Rumäniens abhängig gemacht, aber die Congreßmächte selbst haben Rumänien hinterdrein anerkannt, ohne daß es die Bedingung erfüllt hat. Die rumänischen Gesetzgeber haben nichts weiter zugestanden, als daß ein Jude, der darum nachsucht, von den Kammern individuell für gleichberechtigt erklärt werden kann. Dies ist an sich schon keine Gleichberechtigung; aber dieselben Kammern verwerfen jedes derartige Gesuch, und von den 250,000 rumänischen Juden haben keine 100 die Gleichberechtigung. Da werden Phrasen, wie die oben angeführte, unabsichtlich zum Hohne. —. Es hat sich herausgestellt, daß es hier eine Rotte von 100—150 junger Leute giebt, welche sich bei jeder öffentlichen Versammlung, die von der Fortschrittspartei berufen wird, einfinden und solchen Skandal mit Schreien und Prügeln Hervorrufen, daß die Polizei die Versammlung auflösen muß. In die Bezirksvereine, wo man zum Eintritt einer Karte bedarf, dringen sie durch nachgedruckte Eintrittskarten ein. Die Druckerei, die sich zu dieser Fälschung hergiebt, ist bereits ermittelt, berichten hiesige Bl. Einige dieser Leute sind jetzt wegen Wiedersetzlichlichkeit gegen die Obrigkeit vor Gericht gezogen. Es versteht sich, daß diese Menschen überall Rufe gegen die Ju den ausstoßen und zu den Waffenträgern der Antisemitenliga gehören. In der Versammlung der jüdischen Soldaten und Reservisten hatte ein Herr Hofstädt über zwei Fälle berichtet. in welchen auf seine Forderung die Beleidiger, zwei Lehrer, von denen der eine l)r. B. Förster, revozirende Schreiben an ihn gerichtet. In Folge deffen hatte Hofstädt mit dem nichtgenannten Lehrer ein Duell, das aber unblutig verlief. Förster richtete an die „Nordd. A. Z." ein Schreiben, welches den Hofstädt als revozirenden Theil darstellt. Darauf schickte Hofstädt den Originalbrief des Förster an die „Nordd. A. Z", und diese erklärt jetzt selbst, daß nicht Hofstädt, sondern Förster revozirt habe. Der Versuch des Förster, die Wahrheit zu verdrehen, ist also nicht gelungen. Mainz, 20. März. (Privatmitth.) Am 27. d. M. fand hier eine Versammlung von Delegirten der israel. Gemeinden des Großherzothums statt behufs Gründung eines Vereins zur Unterstützung israel. Seminaristen. Von dieser Unterstützung find auch auswärtige Seminaristen nicht ausgeschlosien, und bereits sind solche aus Preußen für Alzey angemeldet. Denn gerade für dieses Seminar ist zunächst der Verein gegründet worden, weil hier die Regierung in dem Rabbiner Dr. Rothschild einen Lehrer zur Erlheilung des israel. Religionsunterrichts bestellt hat. Selbstredend wird auch im Hebräischen Unterricht ertheilt und für Ausbildung im Cantorfache gesorgt. Die in Alzey ausgebildeten isr. Volksschul- und Religionslehrer haben Anspruch auf öffentliche Anstellung, und während der Unterrichtsjahre wird für alle religiösen Anforderungen in Bezug auf Sabbatfeier und Gottesdienst officielle Sorge getragen. Diese Einrichtung ist eine wohlthuende Errungenschaft in unserer erfahrungstrüben Zeit antisemitischer Agitation. Das Seminar ist bereits seit vorigem Herbste eröffnet; mit der Eröffnung hat auch sofort der israel. Religionsunterricht begonnen. Altona, 7. April. (Privatmitth.) Schon einmal ward mir die hohe Ehre (?) über einen Vortrag von vr. Henrici Bericht zu erstatten: es war dies über einen in Hamburg gehaltenen; heute gereicht es mir zum besonderen Vergnügen, über einen solchen in Altona zu berichten. — Die Schwesterstädte Hamburg-Altona sind für Herrn Henrici das geworden, was für seinen Freund Förster die Affaire Kantorowicz- Pserdebahn und die jüngst vorgefallene nächtliche Prügelscene sind, zwei Mederlagen, die ihm das Verschwinden von der Bildfläche erleichtern werden. Doch zur Sache: Der „Allgemeine deutsche Arbeiterverein" hatte Herrn Henrici zu einem Bortrag eingeladen und dem Publicum die hohe Ehre (?) erwiesen, demselben gegen 30 Pfennig Entree Zutritt zu gestatten. Am 6. April Abends 83 4 eröffnete der Vorsitzende des Vereines, der Cigarrenarbeiter Mohr (Franz?) die Versammlung und ettheilte Herrn H. das Wort zu einem Bortrag über „Hetze und Nothwehr." Kaum hatte H. die Tribüne betteten, als ein minutenlanges Zischen, Pfeifen und Bravorufen im Saale erschallte. Nachdem sich der Sturm gelegt hatte, begann Herr H. ungefähr folgendermaßen: „Es würde für uns einen großen Grad von Eingebildetheit involviren (sic), wenn wir Deutsche uns einbildeten, ohne Fehler zu sein. Jede Race hat ihre Fehler. Einer unserer Hauptfehler ist z. B. Opposition zu machen, bevor wir wiffen, was da kommen soll. (Wie schlau!) Die bedeutendsten Fehler der Germanen find außerdem Spiel- und Trunksucht; wir fitzen ganze Nächte, ebenso wie unsere Urahnen es thaten, beim Biettrinken und Kattenspiel. (Stimmen aus dem Publikum: Dat heßt, se fitzen dobi, wir nicht. Sie sprechen aus Erfahrung rc.) Wie Sie nun sehen, gestehen wir ftei und offen unsere Fehler ei«, die Juden aber thun dies nicht und sind sogar sehr empfindlich, wenn man ihnen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.