Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1881)
- Date
- 1881-04-19
- Page
- Seite 254 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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ganze Gesetzentwurf im Geiste der Gleichberechtigung gehalten ist. Die Rabbiner equipariren mit den katholischen Geistlichen und die synagogalen mit den kirchlichen Einrichtungen. Hoffen wir, daß der Gesetzentwurf bald Gesetzeskraft erhalten und das herrschende Chaos geregelt werden wird. A. M—r. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 6. April. Die Einladungsschrift zur diesjährigen öffentlichen Prüfung der Real- und Volksschule der israelitischen Gemeinde zu Frankfurt a. M. vom Director vr. Hermann Bärwald enthält sehr lesenswerthe „Bemerkungen über den Lehrplan'", die zunächst für die Eltern der Schüler und Schülerinnen bestimmt sind, aber gewiß in ihrer klaren, durchdachten und warmempfundenen Abfaffung ein allgemeines Interesse besitzen. Der Bersaffer läßt sich zuerst über die „Mannigfaltigkeit der Unterrichtsgegenstände " aus, welche letztere in der neueren Zeit gegen früher gehalten eine große Ausdehnung bekommen haben, so daß der jetzige Lehrplan des Vorzuges größerer Einfachheit, welchen der frühere besessen, verlustig gegangen, wodurch die Gründlichkeit des Unterrichts um so schwieriger wird. Um so nothwendiger wird eine, im zweiten Abschnitt behandelte „Konzentration", zunächst durchweine zweckmäßige Aufeinanderfolge der Unterrichtsgegenstände, dann durch eine angemessene Bertheilung des Unterrichts unter die einzelnen Lehrer, indem z. B. erst in den höberen Klaffen Fachlehrer eintreten, sowie durch den unausgesetzten Gedankenaustausch der Lehrer eine größere Einheitlichkeit hervorzubringen. Darum wird auch als grundlegend der Unterricht in der deutschen Sprache und der Religionsunterricht durch alle Klassen mit gleichmäßiger Gründlichkeit behandelt. Zuletzt spricht der Verfasser über die „Mitwirkung der Eltern". Aus diesem Abschnitt heben wir folgende Sätze hervor: „Unsere Schule ist eine Schule der israelitischen Gemeinde, sie ist aber damit keine Konfessionsschule in dem Sinne, daß hier der Unterricht von dem Standpuntt der Konfession aus ertheilt werde. Diese Auffassung ist allen, die an dieser Bildungsstätte jemals als Lehrer gewirkt haben, völlig fremd geblieben. Man hat hier kein Verständniß dafür gehabt, wie man — den Religionsunterricht ausgenommen — von einem konfessionellen Standpuntte in irgend einer andern Disciplin reden könne. Gerade da aber, wo man alles von einem konfessionellen Gesichtspunkte aus betrachten kann, in dem Geschichtsunterricht, hat man sich mit vollem Bewußtsein davon fern und frei gehalten." (Es wird dies nun weiter sehr zutreffend ausgesührt.) „Auch der Geschichtslehrer muß darauf ausgehen — soweit es überhaupt möglich ist, — die Dinge der Vergangenheit mit unbefangenem Blick zu erkennen und in ihrem Zusammenhänge zu verstehen. Wenn er dabei mit reinem Sinn die Ereigniffe auf sich wirken läßt und mit historischer Bildung ein Berständniß für die Aufgabe des geschichtlichen Schulunterrichtes verbindet, so wird seine rein sachliche, in einer der Würde des- Gegenstandes entsprechenden Form gehaltene Darstellung in seinen Schülern Sinn für die Wirklichkeit, Begeisterung für alles Große und Gute wecken; die Schüler werden Achtung vor jedem redlichen Streben, vor jeder ehrlichen Ueberzeugung gewinnen, sie werden lernen das Vaterland zu lieben und das Walten der Vorsehung in der Geschichte zu verehren. Nicht also in diesem Sinne ist unsere Schule eine konfessionelle, daß in ihr von konfessionellem Standpunkte aus unterrichtet wird. Das widerspräche dem Gedanken, in dem sie im Anfänge unseres Jahrhunderts als Philanthropin gegründet worden ist, es widerspräche unserer eigenen Ueberzeugung und wäre auch ganz unmöglich. Denn von früh an haben auch christliche Eltern ihre Kinder vertrauensvoll unserer Schule übergeben, protestantische und katholische Lehrer und Lehrerinnen sind hier immer definitiv angestellt gewesen, sind es heute, sie waren und sind uns in dem Bewußtsein der gemeinsamen Aufgabe unseres Lehrerberufes in gemeinsamer Arbeit treu verbunden. Diese unsere israelitische Schule ist nichts und kann nichts anderes sein als eine deutsche Schule. Der Umstand aber, daß sie eine Schule der israelitischen Gemeinde ist, daß sie, ohne irgend einen Zuschuß von anderer Seite, einzig aus den Mitteln der Gemeinde erhalten wird, gibt ihr nach einer Seite hin für die Erziehung der israelittschen Jugend eine nicht genug zu schätzende Bedeutung. Mit Ausnahme der Elisabethenschule wird in keiner der hiesigen städtischen Schulen israelitischer Religionsunterricht ertheilt. Der Versuch, diesem Mangel durch eine besondere Schule abzuhelfen, welche die israelitischen Schüler und Schülerinnen der städtischen Schulen zum Zweck des Religionsunterrichts versammelt, ist gewiß sehr anerkennenswerth und verdient jede Unterstützung, allein nur wer auf diesem Gebiete selbst Erfahrungen gemacht hat, kann die Schwierigkeiten ermessen, mit denen eine solche Schule nach allen Richtungen hin zu kämpfen hat. So wächst ein sehr großer Theil der israelitischen Jugend und gerade derjenige, welcher die höheren Schulen besucht und aus welchem die Männer in führender Stellung, die Aerzte, Juristen, Lehrer, Techniker, Fabrikanten. Kaufleute hervorgehen, heran, ohne jeden Unterricht in der Religion, ohne Kenntniß der Bibel, der jüdischen Geschichte, des Judenthums überhaupt; ein Mißstand, der dringend Abhilfe fordert." Wir glauben, daß es die Pflicht des Gemeindevorstandes ist, alle Schwierigkeiten um des hohen Zweckes willen aus dem Weg« zu räumen, und warum sollte dies nicht möglich sein? — L’enseignement chez les anciens juifs. Par Atristide Astruc.