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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-04-19 · Heft 16 (19.4.1881) · p. Seite 253

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 16 (19.4.1881)
Date
1881-04-19
Page
Seite 253 (sequence 3)
Language
German
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253 rabbiner Herrn Placzek in Boskowitz zu besuchen, und dieser 1 bekräftigte ihn in der Ueberzeugung, daß die Institutionen; der Wiener Gemeinde jeden gesetzestreuen Israeliten befriedigen können. So kam es, daß der Herr Baron den genannten Herren die heftigste und entschiedenste Opposition machte. Im Ganzen waren es zwei Momente, welche eine lebhafte, erregte Debatte hervorriefen. Der Vorsitzende eröffnete beim Beginn der Sitzungen eine Generaldebatte. Da nahm Herr Rabbiner Schreiber das Wort. Er sprach im Ganzen und zwar höchst unverständlich etwa zwei Minuten (wie wir hinzufügen wollen, *p' n\i, da er selbst im Jazgon nicht zu sprechen versteht) und befürwortete, daß ein ähnliches Gesetz wie das Austtittsgesetz in Preußen oder wie das für die Echomre hadath in Ungarn promulgirt werde; wogegen sich jedoch fast sämmtliche Herren von der Gegenseite (um mich parlamentarisch auszudrücken) aussprachen. Kuranda wies darauf hin, daß die cititten Gesetze weder in Deutschland noch in Ungarn zum Heile fühtten. Die Glaubensansichten unter den Katholiken und insbesondere unter den Protestanten, da die Einen Jesus als den Sohn Gottes und die Andern als den Weisen von Nazareth betrachten, gehen viel lveiter auseinander, als dies unter den Juden der Fall ist. und doch falle es Niemandem ein, eine derartige Spaltung hervorzurufen. Königswarter pointirte scharf, daß er sich für ebenso rechtgläubig wie den Rabbiner Schreiber halte. Jellinek wies darauf hin, wer denn eigentlich darüber zu entscheiden hätte, wer rechtgläubig sei und wer nicht. Wolf bemerkte, es handle sich um die Feststellung der äußeren Rechtsverhältnisse und nicht um interne Fragen. Es sprachen noch Güdemann, Baumgarten, Lichtenstern und von der anderen Seite Gugenheim und Spitzer. Hierauf schloß der Vorsitzende die Generaldebatte mit dem Bemerken, daß die Regierung keine Veranlassung habe, sich in interne Fragen einzumischen und über Glaubenssachen zu urtheilen, sie wolle dlos die äußeren Gemeindeverhältnisse regeln und das vorhandene Chaos vrd nen. Wie ich noch constatiren will, dankten Alle, die das Wort nahmen, der Regierung, daß endlich dieser lang ersehnte Gesetzentwurf zur Reife gediehen sei. Bei der Specialdebatte suchte Herr Di'. Gugenheim wiederholt Amendements anzubringen, welche den Plan seines Gesinnungsgenossen Schreiber verwirklichen und die Handhabe zu einer gesetzlichen Spaltung der Gemeinden bieten sollten, doch die Majorität sprach sich dagegen aus. Hierauf meldete Herr vr. Gugenheim einen Protest an. Der Herr Vorsitzende machte ihn jedoch darauf aufmerksam, daß eine Enquete nicht der Ort zu Protesten sei. Der Minister wolle die Meinungen und Ansichten der eingeladenen Herren vernehmen und könne daher von einem Proteste nicht die Rede sein Noch ein zweites Mal kam es zu einer heftigen Debatte. In § 9 heißt es nämlich: „die näheren Vorschriften über den nachzuweisenden Bildungsgrad (der Rabbiner) und die Art des Nachweises werden vom Cultusminister erlassen". Zu diesem Alinea nahm zuerst Herr Baron Königswarter das Wott, indem er den Wunsch aussprach, daß ein gewisses Maß allgemeiner Bildung von den Rabbinern gefordert werde, damit die Gemeinden nicht in das „finstere Mittelalter" zurücksinken. Zugleich regte er an, eine Consistorialvcr' sassung ins Leben zu rufen. Herr vr. Gugenheim. wie von einer Tarantel gestochen, erhob sich gegen den Ausdruck „finsteres Mittelalter". Hierauf nahm Kuranda daö Wort. Er wies darauf hin, daß Judenfeinde den Juden immer den Talmud Vorhalten und erinnerte an das giftgeschwollene Werk: „Der Talmudjude" von Rohling. Wir, meinte er, stehen jedoch nicht auf dem Standpunkte des Talmud (hier waltete entschieden ein lapsus linguae vor und sollte es heißen, der Talmud sei nicht der ausschließliche Codex). Während jedoch katholische Geistliche ex officio Latein studiren müssen, durch welches ihnen die altclassische Literatur erschlossen wird, treiben manche Rabbiner ausschließlich talmudische Studien und wissen daher weder von der classischen noch von sonst einer anderen Literatur oder Wissenschaft überhaupt. Wieder erhob sich Herr vr. Gugenheim zu einem Proteste, und Herr vr. Güdeman schloß sich diesem Proteste an. Der ehemalige Rabbinatsassessor Spitzer griff diesen Moment aus und constatirte, daß die Ansichten des Präses der Wiene: Gemeinde, des Herrn vr. Kuranda. in flagrantem Widerspruche mit jenen des Rabbiners vr. Güdeman seien. Nun nahm Herr v. Kalir das Wort. Er empfahl, daß man speziell in Galizien vorsichtig zu Werke gehe. Wenn auch nur lang' sam, sei denn doch eine stete Zunahme der allgemeinen Bil dung unter den Juden in Galizien wahrzunehmen. Ta hingegen, wo ein Element hineinkomme, das zu weit ab von den allgemeinen Anschauungen stehe, da werde gerade die Opposition wachgcrufen; es entstehen Parteien, an deren Vereinigung nicht mehr zu denken sei. vr. Wolf weist nach, daß diese Frage schon seit dem Jahre 17llö auf der Tagesordnung stehe. Es seien diesbezüglich kaiserliche Resolutionen erflossen, nach welchen die Rabbiner philosophische Bildung haben müßten. Es könne in dieser Beziehung auch von Seilen der „Rechtgläubigen" nichts eingewendct werden, da Herr vr. Gugenheim selbst externe Studien getrieben habe. Er bettachte diese Frage als eine Haupt- und Cardinalfragc, da dies nicht eine Cultus-, sondern eine Culturfrage sei. Wohl aber wären die Ansichten Kalir's in Betreff Galiziens zu würdigen und zu berücksichtigen. Noch will ich bemerken, daß Herr Ritter v. Gompcrtz wiederholt in die Debatte eingriff und große Sach- und Fachkenntniß bewies. 1 Schließlich möge noch hervorgehoben werden, das; der io* r

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