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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-04-12 · Heft 15 (12.4.1881) · p. Seite 242

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 15 (12.4.1881)
Date
1881-04-12
Page
Seite 242 (sequence 10)
Language
German
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242 An der letzten Sitzung des Hauses kam die antisemitische Bewegung zur Sprache. Der Jude ist natürlich der Wucherer. Ich bin kein Jude und habe kein Mandat, die i Juden zu vertreten, aber ich habe so viel Gerechtigkeitsgefühl in nur, daß ich mich verpflichtet halte, auf Ausfälle zu antworten, welche in dieser Beziehung gegen ein ganzes Volk gemacht worden sind. Allerdings habe ich aus dem Munde des Monsignore Greuter das Wort gehört: „Durch die Emancipation anerkennen wir die Juden als gleichberechtigt,; und erkennen wir dieselben nicht mehr als Fremde unter uns." 1 Aber er hatte doch vorher gesagt: „Es gelingt nicht mehr, das nothleidende Volk in Stadt und Land, es gelingt nicht mehr, den nothleidenden Bauernstand von dem Gedanken abzubringen, daß ein anderer Exodus jenes herzlosen Wucherervolkes für sie bester und vortheilhafter wäre." So wird hier ein ganzes Volk als herzloses Wuchervolk bezeichnet. Ich werde nicht leugnen, daß es, wie unter den Christen, so unter den Juden viele Wucherer giebt, und wenn sich ein ganzes Volk mit dem Handel beschäftigt, so wird unter diesem es gewiß relativ mehr geben, die sich des Mißbrauches desselben schuldig machen, als unter Nichthandeltreibenden. Allein niemals wird man ein Volk, welches durch die Schuld der christlichen Bevölkerung jahrhundertelang gedrückt und gepeinigt worden ist ^Rufe rechts: Oho!), desten Charakter-Schattenseiten zum größten Theile auch auf diese Verfolgung zurückzuführeu sind (Rufe rechts: Glicht wahr!), in Pansch und Bogen als ein herzloses Volk verurtheilen dürfen. Ich muß diese Bewegung als Schmach für das Christenthum bezeichnen, aber auch als protestantischer Seelsorger als Schmach für den Protestantismus, von desten Metropole diese Bewegung ausgegangen ist. (Bravo! links.) Ich hege die Hostnung, daß das wahre Christenthum die Grundsätze der Religion des großen Weltheilandes Jesu Christi auch in der antisemitischen Frage zur Geltung bringen und daß die Liebe endlich den Haß überwiegen werde. Die antisemitische Bewegung ist nicht genug zu verdammen vom christlichen Standpunkte aus, und ich hege die feste Uebeczeugung, daß sich diese meine Anschauung in immer weiteren Kreisen Geltung verschaffen und daß man endlich aufhören werde, ein ganzes Volk in Pausch und Bogen zu verurtheilen. (Lebhafter Beifall links. Zischen rechts.) Wien, 25. Januar. Pater Greuter suchte sich in der gestrigen Sitzung des Abgeordnetenhauses nach seiner Art zu rechtfertigen. Er polemisirte gegen den Superintendenten Haase, dem er nachweifen will, daß schon Martin Luther gegen das Wuchervolk losgezogen sei. Greuter versucht auch seine judenseindliche erste Rede zu interpretiren; er habe nicht von den gesamten Juden, sondern vom „Wuchervolke" gesprochen. das auch durch Katholiken, Protestanten, Theisten und Atheisten revräientirt werde. Wenn aber Haase, der protestantische Priester, von der christlichen Liebe spreche, so gebe er ihm zu bedenken, daß diese christliche Liebe des Protestantenthums sich nicht nur auf die Juden, sondern auch auf die katholischen Priester erstrecken sollte, die aus Deutschland verjagt wurden. Lemberg, 4. März. Der hier erscheinende „Israelit" bringt folg. Art., der erweist, daß sich das Bedürfniß nach Besserung auch in Galizien Bahn bricht. Der Lemberger isr. Cultusvorstand hat eine Enquöte- Commission zur Entwerfung eines Planes für den jüdischen Religionsunterricht in den Volks- und Mittelschulen ernannt. Die Regelung des isr. Religionsunterrichts in den öffentlichen Schulen Galiziens ist, wie wir bereits des Weiteren ausgeführt haben, von ungeheurer Tragweite für die Zukunft des galizischen Judenthums, Noch bis vor einiger Zeit wurde der mangelhafte und planlose Religionsunterricht in der Schule durch Privatunterricht und durch das religiöse Leben im Hanse einigermaßen ergänzt. Allein die Zahl desjenigen Theils der Jugend, dem außer dem Religionsunterricht in der Schule kein anderweitiger Unterricht in der Religion mehr ertheilt wird und desten Wisten von der jüdischen Religion und dem jüdisch-religiösen Leben sich eben nur aus das beschränkt, was ihm vom Religionslehrer in der Schule beigebracht wird, nimmt immer mehr zu, und es ist von entscheidender Wichtigkeit für die zukünftige Gestaltung des galizischen Judenthums, welche und welches Maß von Kenntniß des Wesens und des Inhalts der jüdischen Religion die Heranwachsende Generation besitzen wird. Es gebührt dem Lemberger Cultusvorstand die vollste Anerkennung, daß er die große Bedeutung dieser Angelegenheit erfaßt und den Willen kund gegeben hat, diese endlich dem Bedürfnisse der veränderten Verhältnisse gemäß zu regeln. Allein diese Regelung dieser Angelegenheit ist mit ungemein großen Schwierigkeiten verbunden. Diese Schwierigkeiten sind zum Theile formeller, zum Theile sachlicher Natur. Als besonderes Hinderniß eines geordneten, gleichmäßigen von Stufe zu Stufe fortschreitenden Religionsunterrichts rechnen wir unter Auderm den Umstand, daß bei den Aufnahmsprüfungen in die Mittelschulen die jüdische Jugend in der Religion nicht geprüft wird, daß daher zum Theil Kinder in die Mittelschulen, ohne irgend welchen Religionsunterricht genosten zu haben, ausgenommen werden; daß Schüler aus der Provinz in die obern Klassen der hiesigen Mittelschulen kommen, die einen Religionsunterricht ohne reden Plan, oder jedenfalls nach einem anderen als dem vom hies. Vorstande beabsichtigten, erhalten haben. Hier zeigt sich wieder die Nothwendigkeit einer ge meinsamen Vertretung der galizischen Juden, die Nothwendig keit des Gemeindetages, der für einen einheitlichen Religionsunterricht für die jüdische Schuljugend zu sorgen hätte. Ferner ist es von großem Uebel, daß kein autorisirtes Organ

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