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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-04-12 · Heft 15 (12.4.1881) · p. Seite 238

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 15 (12.4.1881)
Date
1881-04-12
Page
Seite 238 (sequence 6)
Language
German
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238 in solcher Schärfe zum Gegenstände der Zeitungspolemik gemacht werden. In jedem Falle aber werden die Zeitungsleser wünschen müssen, daß ihnen richtige Thatsachen und Zahlen genannt werden. Nun sind aber die obigen Bemerkungen völlig unzutreffend. Denn von den augenblicklich in der preußischen Monarchie angestellten 150 königlichen Lotterie-Einnehmern sind 125 und, soweit dabei die westlichen Provinzen der Monarchie betheiligt sind, von den in letzteren angestellten 31 königlichen Lotterie-Einnehmern 27 christlichen Bekenntnisien angehörig. Berlin, 31. März. In der gestrigen Sitzung des Reichstages kam die Denkschrift über die Socialdemokratie zur Berathung. Der socialdemokratische Abg. Auer hielt eine 2*/„- stündige Rede, in welcher er folgende Bemerkungen machte: „Sehen Sie sich doch den socialen Reichsverein, den christlichen Socialverein, und wie die socialistischen Organisationen sonst heißen mögen, an deren Spitze die Herren Ruppel, Henrici nnd Förster stehen, einmal an: predigen sie etwas Anderes als wir? Ich will gewiß nicht darauf drängen, daß man auch gegen diese Agitation polizeilich Vorgehen soll: mir liegt Nichts daran, ob ein Hosprediger in Berlin mehr ist ^Heiterkeit), aber ich will doch darauf Hinweisen, daß man mit zweierlei Maß mißt. Hat die Socialdemokratie jemals so sehr die Klaffen gegeneinandergehetzt, wie es seitens der antisemitischen Bewegung geschieht? Unsere Agitation hat sich niemals gegen Personen, sondern immer nur gegen ein System gerichtet, und jetzt im 19. Jahrhundert will man in der Metropole der Intelligenz und unter dem Schutz der Polizei den Mitgliedern einer einzelnen Raffe die bürgerlichen Rechte entziehen und ihre Existenz bis in ihre Familie und Geschäftsbeziehungen hinein verfolgen, Als man in Altona seitens einiger Parteigenoffen die Parole ausgab: nur bei Gesinnungsgenoffen zu kaufen, hat mein Freund Bebel dies Borgehen ausdrücklich desavouirt. Heute giebt man in Berlin ganz offen die Parole aus: bei Juden nicht zu kaufen, und die conservative Preffe ffndet kein Wort des Widerspruchs dagegen. Scandalscenen, wie sie heute in den Versammlungen an der Tagesordnung sind, sind bei uns niemals vorgekommen. Die Socialdemokratie hätte sich dessen geschämt. Einen Umstand finde ich in denjenigen Vereinen, welche heute Socialismus treiben, der bei uns nicht vorhanden war; vielleicht liegt hierin die Erklärung für die verschiedenartige polizeiliche Behandlung. Am Schluß jeder dieser Versammlungen wird ein Telegramm an den Reichskanzler abgesandt und am Anfang jeder folgenden ein Telegramm von dem Reichskanzler verlesen. — Vor dem Beginne des neuen Quartals machen die Antisemiten große Anstrengungen, für ihre Blätter Abonnenten zu fischen, und von den freisinnigen Blättern abzuwenden. Die „Voss. Z." schreibt: Die Antisemiten laffen auf den Straßen kleine Zettelchen den Paffanten in die Hände stecken mit der Mahnung: „ Schafft die Judenblätter ab". Wir wollen es dem Antisemitismus bequemer machen; wir laffen hier diejenigen Blätter folgen, die der Antisemitismus als „Judeublätter" auf den Index setzt und vor denen (der Quartalwechsel steht vor der Thür) er warnt; es sind das: „Berliner Tageblatt" , „National-Ztg.", „Tribüne", „Vossische Ztg.", „Volks-Ztg.", „Berliner Ztg.", „Montags Ztg.", „Börsen-Courier", „Berliner Börsen-Ztg.", „Kladderadatsch", „Ulk", „Wespen". Wir wollen sogar noch mehr thun! Wir laffen hier auch diejenigen Blätter solgeu, deren Lectüre der Antisemitismus empfiehlt: Es sind das „Der Reichsbotc", „Die Post", „ Staatsbürger-Ztg.", „Norddeutsche Allgemeine Zeitung". „Deutsches Tageblatt" , „Neue Preußische (Kreuz--) Ztg.", „Berliner Fremdenblatt", „Germania", „Das schwarze Blatt". „Neue Börsenztg.", „Die Wahrheit", „Schalk", „Fliegende Blätter", „Der Staats - Socialist", „Berliner Ostend-Zeitung", „Ter Hallesche Thorbote", „Patriotische Zeitung" (Liegnitz), „Deutsche Reform" (Dresden), „Deutsche Wacht", „Kulturkämpser". Man sieht eine reiche und intcreffante Auswahl! — Am 29. März wurde eine Wählerversammlung des 1. und ll. Reichswahlkreises im großen Saale des Tivoli Etablissements gehalten, in welchen Virchow und Ludwig Löwe Reden hielten. Es waren über 5 bis 1)000 Personen gegenwärtig. Unter diesen befanden sich ca. 100 Männer, die von den Gegnern der Fortschrittspartei entsendet waren. Sie unterbrachen Virchow mehrere Male, bis etliche von ihnen vor die Thüre gesetzt waren. So konnte Ludwig Löwe seinen Vortrag beenden, auf welchen brausender Beifall erscholl. Nun aber brachen die Gegner los und machten sich in antisemitischen Ausrufen Luft. Bald entstand auch eine starke Keilerei und die Polizei löste die Versammlung auf. Die eigentliche Tagesordnung war jedoch schon erschöpft. Berlin, 3. April. In der gestrigen Sitzung des Reichstages äußerte Abg. Richter: „Mit den Veranstaltern der Judenhetze steht Fürst Bismarck in lebhaftester Correspondenz." Fürst Bismarck in seiner Entgegnung sagte: „Der Herr Vorredner sprach von einem sehr lebhaften Telegrammwechsel zwischen gewissen Kreisen und mir; ich bekomme Tausende von Telegrammen; ich bin ein höflicher Mann (Heiterkeit), und warum sollte ich nicht z. B. auf ein freundliches Telegramm des Herrn Richter antworten, wenn er mich damit . beehrte? Er wird doch nicht verlangen, daß ich. ehe ich freundliche telegraphische Begrüßungen beantworte, polizeiliche | Recherchen an stellen lasse, welcher politischen Richtung die i Absender etwa sind? Ich bin auch nicht so ängstlich in >, meinen Beziehungen, daß ich eine politische Katechisirung des! Absenders vornehmen sollte. Macht es Ihnen Vergnügen, mich als Mitglied der Antisemitenverbindung darzustellen,

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