Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-04-12 · Heft 15 (12.4.1881) · p. Seite 236

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 15 (12.4.1881)
Date
1881-04-12
Page
Seite 236 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227339-3227355--38863-3308129
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

236 Judenthums in der Commission und sie wollten, Galizien nach wie vor Rabbiner angestellt werden können, welche der deutschen Sprache nicht mächtig sind. Die Abgeordneten Kallir und Ihr. Kuranda traten den Anschauungen der orthodoxen Rabbiner, welche im Grunde nichts anderes stad, als die Forderung nach allgemeiner Bildungslosigkeit der galizischen Rabbiner, mit Entschiedenheit entgegen. Der Rabbiner Guggenheim meinte, daß der Talmud für den Rabbiner die Hauptsache sei. Darauf antwortete Hr. Dr. Kuranda in einer längeren Rede, in welcher er nachwies, daß der Talmud den Begriffen, welche man gegenwärtig von allgemeiner Bildung habe, ganz und gar nicht entspreche. Der Talmud sei bereits zu einer Zeit abgeschlossen gewesen, wo viele Resultate der geistigen Entwickelung noch unbekannt waren, man kann den Talmud heute nur mehr als Rechtsquelle und nicht als Codex gelten lassen. Bon einem orthodoxen Commisfionsmitgliede wurden für die Juden in Galizien Ausnahmebestimmungen verlangt. Der Abgeordnete Kallir bekämpfte diese Forderung und bemerkte, man wolle die gadaß in diger ist es, alle diese Dunstwolken wieder zu zerstreuen und dies ist wiederum nur durch eine gründliche geschichtliche Darstellung möglich. Wir freuen uns, eine solche in folgendem Schristchen ankündigen zu können: „Lessing's Nathan der Weise. Historisch und philosophisch erläutert von I>r. Julius Fürst. Leipzig, Friedrich, 1881." Nach einem Hinweis auf das Lesfing'schc Lustspiel „Die Juden" erinnert der Verfasser an die Aufforderung Lavater's an Mendelssohn, und was Lessing bei derselben erfahren und empfunden, zeichnet dann eine Geschichte der deistischen Weltanschauung, und versetzt so den „Nathan" in seine culturhistorische Bedeutung, d. h. auf den Boden, aus dem er erwachsen ist. Nachdem er dann die Frage, ob Lessing die Zeit der Kreuzzüge passend gewählt,- fein psychologisch beantwortet hat. zeichnet er die einzelnen Charaktere des Dramas, stellt sie auf historischem Grunde und nach den Absichten Lessing's in das rechte Licht, jeden einzelnen au die Stelle, welche ihm der Dichter zugedacht, und faßt dann das Ganze in einen erhebenden Schluß zusammen. Wir scheiden von dem Büchlizischen Juden durch diese Ausnahmebestimmungen gegen lein mit der wohlthuenden Ueberzeugung, daß, tvenn in das Eindringen der Bildung abschließen, wie man Galizien: unserer Zeit sich die Sophistik wieder recht sehr breit macht, durch das Rinderpestgesetz gegen die Einschleppung der Biehimmer wieder die Geister erstehen, welche ihr Gespinnst ausseuche abgeschlossen hat. Mit solchen Absperrungsmaßregeln! einanderreißen und die einfache, aber tiefe Wahrheit zu Tage könne aber nichts erreicht werden. Schließlich wurden von' fördern. — „Das Gebetbuch und der Religionsunterricht, der Commission die Auschauungen der orthodoxen Experten ■ zwei hochwichtige Fragen im jetzigen Judenthume, historischabgelehnt. Auch ein Antrag des Rabbi Schreiber wurde viel-! kritisch beleuchtet von M. Mannheimer, emer. Rabbinatsfach bekämpft; derselbe zielte darauf ab, die Gründung spe-j Verweser. (Darmstadt, Selbstverlag, 1381.)" Wir haben es zifisch orchodoxer Gemeinden zu ermöglichen. Es sollte näm-j hier mit einer recht anerkennenswerthen Arbeit zu thun. Jnlich diesem Anträge gemäß im Gesetze ausgesprochen werden,! mitten des noch immer schwebenden Streites zwischen der daß, wenn mehrere Personen aus einer schon bestehenden! Orthodoxie und der Reform betreffs des Gebettheils des Judengemeinde austreten, dieselben befugt sein sollen, eine i Gottesdienstes glaubt der Verfasser darauf dringen zu müssen, selbständige zweite Judengemeinde zu bilden. Auch dieser-daß sich die Streitenden zuvor von der geschichtlichen Ge- Antrag wurde abgelehnt. Die liberalen Commissionsmitglie- > nesis und Entwickelung der überkommenen Gebete genaue der dankten den anwesenden Regierungsvertretern für den! Rechenschaft geben. Wir glauben kaum, daß auf diesem Gesetzentwurf, an welchem von der Expertise keine wesentliche Wege der Streit geschlichtet werden wird: die Stabilen bleiben Aenderung vorgeschlagen wird. bei der Verpflichtung, die Gebete so zu erhalten, wie sie jedenfalls seit vielen Jahrhunderten feststehen, während es bei! den Reformern darauf ankommt, in welchem Grade sie dem Historisch-Ueberlieferten ein größeres oder geringeres Maß von Bedeutung und Berechtigung zuertheilen. Jndeß dies nimmt Bonn, 2v. März. Es ist den Juden nicht zu ver-seiner gründlichen Untersuchung über den Ursprung, die Entargen, daß sie den neueren Versuchen christlicher Autoren! Wickelung und die Fertigstellung unserer älteren Gebete, wie gegenüber, die Idee des „Nathan der Weise" zu ver-!sie der Verfasser nach Zunz und Landshut anstellt, den schleiern und in das Gegentheil dessen zu verkehren, was! Werth nicht, da sie einerseits dem wiffenschaftlichen Bedarf - Lesfing offenbar gedacht und beabsichtigt, daß sie diesen Berniß genügt, andererseits die Erkenntniß immer weiter ver- Literarischer Wochenbericht. suchen gegenüber das Meisterwerk Lessing's wieder auf seine einfache, klare Grundlage zurückzuversetzen trachten. Es ist neuerdings an dem Nathan so viel herumdesinirt und demonstrirt worden, daß schließlich vor den hohlen Phrasen die Tendenz des Stückes gänzlich verschwand. Um so nothwenbreitet, daß auch unsere Gebete etwas langsam Gewordenes, ein Produkt vieler Jahrhunderte waren, also aus den Bedürfnissen der Zeit hervorgingen, also den veränderten Bedürfnissen einer neuen Zeit unterthan sind. Der Verfasser bahnt sich hierzu den Weg durch eine Einleitung, in der auch 1 i

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.