Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 15 (12.4.1881)
- Date
- 1881-04-12
- Page
- Seite 234 (sequence 2)
- Language
- German
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ciU das dritte Moment auch für die Bildung des weiblichen Geschlechtes aufgestellt. Hier lassen sich allgemeine Regeln wenig geben, da es hierbei auf die Wahl des Gewerbes ankommt. Eine Lehrerin und Erzieherin bedarf natürlich einer ganz anderen Heranbildung, als ein Mädchen, das sich dem kaufmännischen Gewerbe widmen will. Jndeß giebt es eine Vorbereitung, die für alle Kreise des Lebens nothwendig ist. und ich rechne hierher: eine gute Handschrift, genaue Rechtschreibung, grammatische Correctheit, Gewandtheit des Styls betreffs der gewöhnlichen Dinge des Lebens, die Fähigkeit, eine Rechnung auszuschreiben und ein ordnungsmäßiges Buch; zu führen. Diese Fähigkeiten, die sich selbstverständlich aus einen! guten Schulunterricht im Lesen, Schreiben und Rechnen stützen, muß jedes Mädchen erwerben, da sie in allen Lebens-j Verhältnissen wichtig und für jedes Gewerbe nothwendig sind. Das Weitere entscheidet sich dann nach der Wahl eines Berufes. — Mas die weiblichen Handarbeiten betrifft, so giebt! es darunter, namentlich bei dem jetzigen Maschinenwesen, Manches, was zum großen Theile überflüssig geworden. Desto mehr Fleiß kann aus das verwendet werden, was stets er-! forderlich bleibt. Ein Mädchen muß frühzeitig in Küche! und Keller Bescheid wiffen, eine gute Rath nähen, stopfen und flicken können. Dagegen ist das Sticken und dgl. bloßer Luxus, der den Augen und der Körperhaltung gefährlich werden kann. — Und dieses Letztere führt dann sofort aus das, was ich den Ellern und Erziehern noch ganz besonders an's Herz legen möchte, das ist die körperliche Pflege. Ich meine besonders die Bewegung in frischer Luft und die Uebung der körperlichen Kräfte. Alles im Leben hängt von der Gesundheit ab, und selbst die Gesundheit der Seele ist abhängig von der Gesundheit des Leibes. Ein gesundes Geschlecht zu erziehen, ist die Hauptaufgabe der Jugendbildner. Darin wird aber am meisten gesündigt, daß man allenfalls die Knaben zu körperlicher Bewegung und Uebung anleitet, die weibliche Jugend aber verzärtelt. Jemehr ein Kind der frischen Luft, ja dem Widerstande der rauhen Elemente entzogen wird, desto mehr wird es den Krankheiten unterworfen, desto geringer wird seine Widerstandskraft. Davon hängt aber auch viel hinsichtlich der moralischen Ktaft ab. Es ist durchaus nothwendig, daß jedes Mädchen an jedem Tage einige Stunden oder wenigstens eine Stunde in freier Luft verweile und sich tüchtig bewege und tummele. Es war eine Zeit, wo das Turnen eine Gestalt angenommen, die durch Springen und Klettern der weiblichen Sirtsamkeit wenig zusagte und der weiblichen Organisation nicht entsprach. Dies hat sich geändert, und es wird gegenwärtig mehr auf Stärkung der Muskelkraft und Geschmeidigkeit in der Gliederbewegung gesehen. Hierdurch ist das Turnen auch für die weibliche Engend höchst empfehlenswert!) geworden, und wir mögen es daher befürworten, daß alle Mädchen diesen Uebungen recht fleißig obliegen. Hiermit hätte ich, soweit der Raum dieses Blattes es gestattet, den Gegenstand nach meiner Einsicht und Erfahrung besprochen, und ich hätte nur noch einige Worte über den Musik-Unterricht hinzuzufügen. Bekanntlich sind in neuester Zeit von sehr bewährter Seite über die vorwiegende Tendenz der Gegenwart zur Musik schwere Bedenken erhoben worden. Während die Poesie, die Lyrik wie das Drama, in Verfall gekommen und bei dem Publikum geringen Anklang, wenig Pflege mehr findet, hat die Musik, intensiv und extensiv, den größten Raum im Kunstleben eingenommen. Denn die Malerei und Sculptur spielen im großen Ganzen doch nur eine beschränkte Rolle. Nun ist es nicht zu verkennen, daß die Musik, besonders durch die außerordentliche Entfaltung ihrer Technik, vorzugsweise einen sinnlichen Reiz ausübt, daß sie der Tenkwelt nichts, der Einbildungskraft und selbst den Gefühlen nur Berschmimmendes, Gestaltloses bietet. Was man auch hat hierin erkünsteln wollen, selbst das größte musikalische Kunstwerk, abgesehen von seiner formalen Composition, giebt uns keine bestimmte Idee, und auch das Gefühl nimmt nur dann eine sicherere Richtung, wenn mit der Musik das Wort verbunden ist. Es ist daher die Frage, ob die Musik in ihrer ausgedehnten Verwendung jener Ausbildung des Verstandes, jener Vorherrschaft der Kritik, die die j Signatur unserer Zeit ausmacht, ein wirksames Gegenmittel. | oder nicht vielmehr eine weitere Förderung bietet, indem sie! die Energie der Einbildungskraft und die wirkliche Entsal- | tung der Gefühle abschwächt und behindert. Doch ist hier I nicht die Stelle, diese bedeutsame und schwierige Streitfrage j näher zu erörtern. Wir wollen uns nur durch diese Andeu-! tung den Boden ebenen für die unumwundene Behauptung,! daß die Musik als allgemeines Erziehmittel anzuwenden ein? schwerer Jrrthum ist. Die meisten Eltern und Erzieher halten es > für eine unumgängliche Nothwendigkeit zur Ausbildung ihrer! Kinder, namentlich der Mädchen, sie ein Instrument lehren! zu lassen. Es werden hierfür die größten Opfer an Mühe, |,3eit und Kosten gebracht, und doch hat dieser Unterricht! nur einen äußerst geringen Erfolg. Er dient in der Regel; nur dazu, die Kinder während ihrer Schulzeit zu quälen * und nach derselben den jungen Mädchen einen Zeitvertreib I zu schaffen, dem mit der Verheirathung Valet gesagt wird.! Einen erziehlichen Einfluß, eine Wirkung auf das Geistes- I und Gemüthsleben übt dieser Unterricht und diese Beschäfi tigung nicht aus. Selbst bei den weiblichen Handarbeiten kann das Mädchen Nachdenken; bei der musikalischen Uebung list auch dies nicht der Fall, vielmehr wird die Denkkraft lahm gelegt und bei dem jahrelangen Treiben des Clavier spiels entfällt jede Uebung und Ausbildung des Geistes. Es fördert deshalb nur die Denkträgheit. Ich halte es daher