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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-04-05 · Heft 14 (5.4.1881) · p. Seite 227

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 14 (5.4.1881)
Date
1881-04-05
Page
Seite 227 (sequence 11)
Language
German
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Herr Doctor?" — „Anschließen'? das ist nicht das rechte Wort. Ich will einer der Führer der Liga sein, will mich den Zwecken derselben ganz und gar und ihnen allein widmen; ich will in allen Versammlungen sprechen, und mit feurigen Zungen Flugblätter schreiben und verbreiten, die gutgesinnte Presse mit Correspondenzen überschwemmen, in die Provinzen gehen und das träge Volk aufwühlen. Zu allem Dem stelle ich mich der Liga zu Gebote, und ich glaube, sie hat mich nöthig." — Der Aeltere blickte den jungen Mann prüfend an; dann sagte er mit etwas näselnder Stimme: „Das ist Alles schön, junger Mann. Aber sehen Sie, in der jüngsten Zeit haben sich auch einige falsche Brüder bei uns eingeschlichen, die unter der Maske wüthendsten Judenhasses unsere Pläne auszukundschaften, unsere Mittel und Wege kennen zu lernen suchten, um sie unseren Feinden zu verrathen. Wir müssen daher mit Vorsicht handeln. Sie, z. B., waren noch vor drei Monaten Hofmeister in dem Hause eines reichen Juden, waren demselben dienstfertig, machten der Frau die Cour, wollten die Tochter heirathen. d. h. die Geldsäcke und das Mädchen dazu. Was geben Sie uns also für Bürgschaft, daß Sie es treu und ehrlich mit unserer Liga meinen'?'' — Dem jungen Mann war bei diesen Worten eine flammende Röthe über das Gesicht gezogen, und feine Augen schleuderten Blitze. Aber er gewann bald die Herrschaft wieder über sich und mit einem ironischen Lächeln um die schmalen Lippen, erwiderte er: „Die Thatfche selbst, daß ich in meiner Bewerbung verschmäht worden und ich mich aus dem Hause entfernen mußte, ist doch wohl Bürgschaft genug. Mißtrauen kann man überall schöpfen. Bon Ihnen selbst, Herr N., weiß ich, und Andere auch, daß Sie noch vor einem halben Jahre Ihr Blatt der Fortschrittspartei angeboten, und erst, als man sie zurückgewiesen, in das confervative Lager übergegangen, natürlich ins äußerste und mit Sack und Pack. Was für einen jeden von uns Bürgschaft leistet, das ist, daß wir jetzt unsere Schisse verbrennen. Wenn ick jetzt als entschiedener Antisemite austrete, und wir nicht einen gtäit-j zenden Sieg erfechten, so ist meine ganze Zukunft dahin, und j Ihnen und Ihrem Blatte wird es nicht besser ergehen. Also! darum treue Bundesgenossenschaft'.' — Er streckte noch einmal seine Hand dem ältlichen Herrn entgegen, und diesmal ergriff dieser sie ganz und schüttelte sie kräftig. „9iur noch Eines ist zu erwägen", hob er an, „und zwar: Besitzen Sie auch die nöthigen Eigenschaften, die zu der Führerrolle, welche Sie übernehmen wollen, unentbehrlich sind'? Ich meine nämlich zwei besonders: sind Sie ein erfinderischer Kopf und haben Sic Ausdauer und Confequenz genug? In dem Kampf, den wir gegen die Juden führen, kann man nicht blos bei den einfachen Thatsachen stehen bleiben, man muß auch erfinden können. Wo man einen Anklagepunkt findet, muß er ins Ungeheuerliche vergrößert werden; aus einem schwachen Schatten muß eine pechfinstere Nacht gemacht werden; und wo jene auch nicht vorhanden, da müssen wir frisch hineingreifen und unerschrocken Dinge zusammenschmieden, und wären es die unerhörtesten. Je unverschämter, desto besser. Unsere Feinde sind glatt und glänzend; da darf man nicht mit Sammetpfötchen anfassen, sondern muß mit Keulen dareinschlagen, am besten mit eisernen. Dann aber auch?lusdaucr und Eonsequenz. Wir müssen unsere Beschuldigungen immerfort wiederholen und aufrecht erhalten. Widerlegungen, Berichtigungen, Gegenbeweise kümmern uns nicht, sie sind für uns nicht da, wir verhöhnen sie. Hat man dem blöden Volke zehnmal etwas vorgesagt, so ist es ihmeine unumstößliche Wahrheit, steht bombenfest." — Der Doetor hatte die Rede des Mannes mit wohlgefälligem Lächeln begleitet. „Haben Sie nur Vertrauen, Sie werden an mir Ihr blaues Wunder erleben; ich habe mir schon eine Menge guter Dinge notirt, an die bis jetzt Niemand gedacht hat, und mit denen ich in methodischer Weise Vorgehen werde. Unter uns gesagt, Herr N., unsere bisherigen Führer müssen wir zurückdrängen. Namentlich der bis jetzt das große Wort geführt hat, aber immer vorsichtig und bedingungsweise sich vernehmen ließ, ist bereits abgenutzt. Die große Masse will von geistlichen Herren nicht viel wissen." — „Still, still!" flüsterte ihm der Andere;u, indem er sich vergnügt die Hände rieb, „Sie dürfen nicht zu viel ausplaudern. Das muß hinter den Coulissen Vorgehen." — „Jndeß", fügte jener hinzu, „bedarf es hierzu auch der Mittel. Diese müssen mir genügend zu Gebote gestellt werden. Ich sage Ihnen geradezu, wenn ich Hunger leide, vermag ich gar nichts; meine Kräfte müssen wohlgenährt sein, wenn ich sie zum Aeußersten anspannen soll." — „Gut, gut," erwiderte der Alte, indem er unruhig nach dem Eingang blickte, wo Jemand erschienen war. „Dies besprechen wir nachher. . — Im Eingänge war wiederum ein Mann sichtbar geworden, der langsam die Stufen herabstieg, vorher unruhig umherblickte, und erst herunter kam, als er Herrn N. mit seinem Genossen in dem Lokale allein sah. Es war ein hochgewachsener, aristokratisch aussehender Mann. N. war von seinem Sitze aufgesprungen und ihm entgegengceilt. „Guten Morgen, Herr Gra— Ex — " Der Andere winkte schnell mit der Hand. „Kein Rang, keine Complimeute hier — Sie wissen dies doch. —" Er wies mit der Hand auf! den jungen Mann. „Ein treuer Schildknappe, ich bürge für Iitjn!" — „Gut", erwiederte der Andere. „Kommen wir zur j Sache, ich kann nur wenige Minuten hier verweilen. Was ich Ihnen zu sagen habe, ist, daß wir mit dem Gange der Dinge zufrieden sind. Tie Judenaffaire ist so weit gelangt, daß sie zu einer Explosion kommen könnte. Auf diesem Punkte muß sie erhalten bleiben, immer weiter und weiter ausgedehnt werden, jedoch ohne zu einer that ächlichen Bruu*

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