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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-04-05 · Heft 14 (5.4.1881) · p. Seite 222

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 14 (5.4.1881)
Date
1881-04-05
Page
Seite 222 (sequence 6)
Language
German
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222 Vortrag im Mendelssohn-Verein zu Dresden, gehalten von j Emil Lehmann. (Leipzig, Friese, 1881.) Eine mit Geschick zusammengestellte und mit wahrer Begeisterung verfaßte Lebensbeschreibung Gabriel Rießer's, deren weite Verbreitung wünschenswerth ist; denn unsere Jugend bedarf eines solchen! Vorbildes, um den rechten Menschen und den echten Israeliten! in sich zu verschmelzen. — Bei der völligen Dürre, in welche | die jüdische Belletristik gerathen ist — denn die uns jetzt gebotenen Skizzen aus dem europäischen Osten sind eher in das Bereich kulturhistorischer und pikanter Schilderungen zu zählen — machen wir recht gern auf Folgendes aufmerksam: Der Bimkom und Wer ein Fremdling ist. Eine Erzählung von A. Treu. (Münster, Obertüschen, 1881.) Wir erhalten hier eine treue und lebhafte Zeichnung aus dem Leben einer kleiner: Stadt und Gemeinde, wo naive Frömmigkeit, Frömmelei, Heuchelei und echte Religiosität in den Kampf mit einander gerathen, der Frieden gestört, das Familienleben getrübt wird, aber schließlich doch die Hinterlist und Bosheit sich selbst die Grube graben und Recht und Tugend das Zerstörte wieder Herstellen, die Riste ur:d Spalten wieder ausfüllen. Der Leser, der hier nicht mehr als ein Bild aus den, durch niedrige Leidenschaften hervorgerufenen Wirren des gewöhnlichen Lebens sucht, wird sich von dieser Erzählung angezogen und befriedigt fühlen, die zugleich manchen guten Wink für das Leben bietet. eli'i t vi cjmi ctcl] v ivC Deutschland. Berlin, 22. März. (Privatmitth.) In der gestrigen Sitzung des deutschen Reichtages, in der Generaldebatte zur dritten Lesung des Etats, verthcidigte der Abg. Stumm seine, die freiconservative, Partei gegen den Borwurf, daß sie die antisemitische Bewegung begünstigt habe. Er erinnerte daran, daß sein Freund Bethusy-Huc der erste gewesen sei, der in diesem Hause einen sehr lauten Protest gegen diese antisemitische Bewegung ausgesprochen habe. Die Fortschrittspartei tadele cs, wenn diese Bewegung Rastenhaß verbreite, sie selbst aber begünstige den Klastenhaß, den er für viel gefährlicher halte, da durch ihn die Staatsgewalt und der Staat selbst in seinen Grundfesten erschüttert werde. Abg. Richter antwortete, es sei ja bekannt, daß Herr Stumm in Verwechselung eines christlich-sozialen mit einem sozial-demokratischen Gedicht im vorigen Jahre gegen ein kleines Lokalblatt höchst rigorös vorgegangen ist. Jenes Gedicht sei ober harmlos gegen die jetzigen Erzeugnistc der conservativcn Preste in der schmachvollen Judenhetze. (Sehr richtig!) Den Rastenkampf halte er für viel verderblicher'als den Klastenkampf. Letzterer kehrt sich nur gegen die äußeren Bcsitzverhältniste. der Rastenkampf aber gegen den Menschen an sich, seine Geburt, seine Abstammung, was er nicht ändern kann, und dieser Kampf kann kein anderes Ziel haben, als entweder Todtschlag oder Ausweisung. — Auch wir legen kein großes Gewicht auf diese gelegentlichen Entschuldigungen. Solche haben wir selbst aus den Reihen der conservativen Partei gehört, die doch nicht blos mit ihrer Autorität, sondern auch mit ganz anderen Mitteln die judenfeindlichen Wühler unterstützt. — In der letzten antisemitischen Versammlung thciltc vr. Förster mit, daß die antisemitische Petition, die l/4 Million Unterschriften gefunden, in etwa 14 Tagen an den Reichskanzler abgehen werde. Man wird sich erinnern, daß Stöcker vor wenigen Wochen öffentlich erklärte, die Petition habe bereits über eine Million Unterschriften und jetzt schwindet sie im Munde Förster's zu einer Viertel Million zusammen. Und was gilt uns für Zahlen die Autorität Försters? Und wer hat diese Unterschriften legalisirt? Dabei wird dieselbe nun bereits seit einem Jahre colportirt und zwar mit einem Geräusch und mit einem Aufwande von Mitteln, wie wohl noch niemals eine Petttion bettieben worden. Wir können daher dieser Komödie ruhig zusehen. Berlin, 27. März. (Privatmitth.) Es kann uns nur angenehm sein, aus bestimmten Thatsachen den Schluß ziehen zu dürfen, daß unter den Antisemiten das Einverftändniß aufgehört hat, und sie anfangcn, sich unter einander zu bekämpfen. Henrici hat in seinem „Socialen Reichsverein" den Kulturkampf vertreten, und wird daher von der „Ger-! mania" perhorrescirt. Bekanntlich vergißt der Ultramontane! so etwas nie wieder. Schlimmer noch erging cs dem Pe-! titionsagitator Förster. Nachdem der antisemitische Studenten-! verein die Genehmigung zu einem besonderen Commers am! Geburtstage des Kaisers nicht erhalten, arrangirten einige! „alte Herren" einen Kaisercommers, an welchem sich der : ganze Studcntenverein betheiligte. Hier erschien auch Förster; aber es entspann sich zwischen ihm und den Studenten ein Disput über ihre beiderseitigen Zwecke und Standpunkte, durch welche Förster gewungcn wurde, den Saal zu Verlusten. Cassel, 23. März. Dreiundfünfzig angesehene Bürger unserer Stadt, allen Ständen und Parteischattirungen angchörig, veröffentlichten heute in den hiesigen Blättern eine Erklärung, in welcher sie — und zwar im notorischen Einver-! ständniste mit dem bei Weitem größten Theile der Bürgcr- * schaff — gegen die auch hierher übertragene Antisemiten - Agitation mit aller Entschiedenheit Verwahrung einlegen.

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