Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1881)
- Date
- 1881-03-29
- Page
- Seite 208 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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208 weil es zu schwach ist, sich selbst zu schützen, auf die Gnade der Landesherren angewiesen ist, von denen es gewöhnlich in unwürdiger Weise ausgebeutet wird. Die Habgier der Fürsten tritt bei jeder Gelegenheit im grellsten Lichte zu Tage. Namentlich aber zeigt sich der religiöse Fanatismus den Juden gegenüber in grauenerregender Weise. Bon den Christen verachtet und verhaßt wegen ihres Glaubens, von den Fürsten als Geldquelle ausgenutzt, schleppen sie sich von Jahrhundert zu Jahrhundert im steten Kampfe mit den Menschen und dem Schicksal. Nur das feste Zusammenhalten, vor allem das innige Familienleben hat die jüdische Nation bis auf den heutigen Tag in Deutschland erhalten." Wir zählen daher gern die vorliegende Schrift zu den verdienteren historischen Arbeiten. — %eili ti^g| Deutschland. Berlin, 17. März. (Privatmitth.) Am 14. Abends, also gerade am Purimabend, hielten die Antisemiten wieder eine Versammlung auf Tivoli, wo ihnen die Lokalität von, den Besitzern unter der Bedingung bewilligt worden, daß! Henrici fernbleibe. Die Leitung nnd Sprecherschaft über-! nahmen daher Förster und Genoffen. Die Berliner Blätter i fangen an, von solchen Versammlungen eben nur eine kürzere; Notiz zu geben, nur damit die Gegner nicht sagen könnten, man wolle sie todtschweigen. In Wirklichkeit giebt es aus ihnen nichts mehr zu berichten. Es werden immer dieselben Schimpfreden wiederholt, und wenn es nicht in Berlin so große Waffen skandallustiger Müssiggänger gäbe, würden sich die Herren Antisemiten durch die Langweile, die ihre immer gleichklingenden Wiederholungen hervorbringen, längst vereinsamt finden. Die „Boss. Z." schließt mit einer Bemerkung, die wir wiedergeben wollen: „Mit Genugthuung wurde übrigens in der Versammlung vermerkt, daß polizeilicherseits zur Ueberwachung derselbe Polizeibeamte, Polizeilieutenant Leisterer, deputirt sei, der auch die viel genannte Reichshallenversammlung und die Antisemiten-Bersammlung auf dem Bock zu überwachen gehabt hat. Antisemitischerseits weiß man das nmsoniehr anzuerkennen, als man den Herrn Polizeilieutenant Leisterer, wie ein durch Blechmarke und Stöckermedaille kenntliches Mitglied der Antifemitenliga, der sich durch seine propagandistische Thätigkeit auszeichnet, rühmend hervorhob, für einen der seinigen hält." Selbst die „Germania" widmet der Versammlung nur noch drei Zeilen, ein Zeichen, daß dies agitatorische Mittel abgenutzt erscheint. Wie bodenlos übrigens diese Gesellen sind, ersieht man aus folg. Notiz der „Voss. Z." : In dieser Versammlung hat man mit einer Art von Bedauern constatirt, daß der jüdische Ursprung des Attentats auf den Kaiser von Rußland noch nicht völlig erwiesen sei. Zur Jnformirung über die Zusammensetzung der nihilistischen Partei mag unseren Hetzern folgende kurze Notiz dienen, die wir heute zufällig in der „Nordd. Allg. Ztg." finden: „Bon den 198 Angeklagten, gegen welche im November 1877 wegen nihilistischer Umtriebe vor dem Criminalgericht in Petersburg verhandelt wurde, gehörten dem Adelsstände an 82, dem Beamtenstande 19, dem Militär 8, dem geistlichen Stande 33, dem höheren Kaufmannsstande 11, dem Bürgerstande 23, dem Bauernstände 17." Hannover, 16. Mürz. Wie der „Hann. Cour." berichtet, ist es bei einem Bortrage, den Hofprediger Stöcker gestern Abend im hiesigen „Odeon" hielt, zu argen Skandalen gekommen. Eine Rotte von etwa 50 Mann brach während des Vortrags durch die Fenster und Seitenthüren des Saales, welche den Redner zu wiederholten Malen unterbrach und schließlich unter Absingung der Arbeiter-Marseillaise fortzog. Etliche Personen waren zuvor bereits aus dem Saale geworfen worden, wobei auch Prügel fielen. Die Polizei hatte zahlreiche Mannschaften aufgeboten. Graudenz, im März. (Privatmitth.) Die feudalen und ultramontanen Blätter stoßen einen Schrei des Unwillens aus, daß ein hiesiger Israelit ein zweites Rittergut im öffentlichen Subhastationstermine erstanden hat. In der That, der Jude kann es, so lange er existirt, diesen Leuten nicht recht machen! Wendet er sein Capital der Börse zu, so ist dies — der „Giftbaum", der Industrie, so ist es Gründungsschwindel; legt er es in Renten an, so ist er müssiggängerischer Ausbeuter, und wirft er sich endlich, was man doch stets von ihm verlangt, auf die Landwirthschaft — dann ist des Jammerns erst recht kein Ende, der Jude verdrängt den Landwirt!)! Jndeß lassen wir uns davon nicht stören, sondern streben wir auf den Wegen des Gesetzes und der Sittlichkeit ruhig weiter! Aus Buden, im März. (Privatmitth.) Während aus denr Norden des vor zehn Jahren so glorreich begründeten deutschen Reiches uns die merkwürdigsten Berichte über offene Befeindung der Juden zugehen, während der Staatsanwalt in Neustettin bereits von „streitenden Parteien" spricht und im Berliner Polizeibericht über vorkommende llnglücksfälle eine besondere Rubrik für die Opfer der Judenhetze angelegt werden könnte, erfreuen wir Juden in Süddeutschland uns dagegen noch einer verhültaißmäßigen Ruhe und Sicherheit.