Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1881)
- Date
- 1881-03-29
- Page
- Seite 207 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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207 spanischen Nation den Kirchenglauben aufgegeben haben. Diese Autoren sagen dies im Angesicht ihrer Nationen aus, und zwar in Schriften, welche mehrfache Auflagen erlebten. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 16. März. Der Aberglaube und die Stellung des Judenthums zu demselben. Heft I. von l)r. D. Joel, Seminar-Rabbiner. (Breslau, Jungfer, 1861.) Wie dem Götzendienste mit dem Monotheismus, so trat auch allem Aberglauben der Mosaismus entschieden entgegen. Was das heißen wollte, erkennt derjenige leicht, der einen Blick auf das damalige Aegypten, auf Indien, auf das spätere Persien, Hellas und Rom wirft. In der That, wenn man sich wundern würde, daß diese Lehre trotz der viertehalb Jahrtausende, die sie auf dem Rücken hat, noch einen so außerordentlichen Werth nicht blos für deren eigentliche Bekenner, die Juden, sondern für die gesammte Menschheit hat, so liegt dies eben darin, daß diese Lehre so rein von falschen und abergläubischen Vorstellungen war. Jndeß in dem langen Laufe der Geschichte, welchen das Judenthum zurückzulegen hatte, konnte es nicht ausbleiben, daß nach dem verschiedenen Geiste der Zeiten und unter der Einwirkung der Umgebungen, auch in das Judenthum abergläubische Ansichten eindrangen und zwar nicht blos in die Bolksmasse, sondern auch in den Geist der Lehrer und Führer. Es ist daher ein verdienstvolles Unternehmen des Seminardirektors Dr. Joel, einmal gründlich zu untersuchen, inwieweit und in welcher Gestalt der Aberglaube zu verschiedenen Zeiten im Judenthum eingerissen, und welche Stellung das letztere zum ersteren eingenommen hat. Der Vers, war zu dieser Unter snchung ebenso sehr durch seine umfassende Kenntniß des jüdischen Schriftthums geeignet, wie einerseits durch den Geist der Pietät, der den Vorfahren gegenüber sich einer genauen Prüfung unterzieht, bevor er ein Urtheil ausspricht, und andererseits durch eine genügende Freiheit des Geistes, um etwa aus apologetischen Gründen die Wahrheit zu verhüllen. Es liegt uns nun das l. Heft seiner Arbeit vor. Herr Dr. Joel theilt nemlich seinen Gegenstand in 7 Abschnitte ein, von denen die erste Lieferung 4 behandelt-, nemlich die 5» Bücher Mosis, die übrigen biblischen Bücher, die Mifchna und die Gemara. Der folgende Theil soll die Geonim, die arabischspanische und die deutsch-polnische Literaturperiode behandeln. In den drei ersten Abschnitten konnte der Vers. Stellen gegen den Aberglauben voransetzen; denn auch die Mifckna zeigt nur sehr geringe Spuren mystischer und abergläubischer Ansichten. Wir gestehen jedoch offen, daß wir dies weniger der völligen Geistesfreiheit der Mischnalehrer zuschreiben, als vielmehr dem Umstande, daß die Agava einen so äußerst geriugeu Raum in der Mischna erhielt. Nach der Auführung der Stellen gegen den Aberglauben werden dann diejenigen einer genauen Erörterung unterzogen, welche scheinbar Aberglauben und Mystizismus andeuten. Zu dieser Erörterung zieht der Verfasser in reichem Maße die Erklärungen der älteren jüdischen Exegeten heran, was von der einen Seite die Gelegenheit bietet, den Geist dieser Exegeten bei oft so heiklen Fragen kennen zu lernen, andererseits jedoch die einfache objektive Auslegung, an die wir jetzt gewöhnt sind, eher verwirrt als klärt. Hierbei wunderte es uns, daß in der Besprechung des Pentateuchs nicht von den Dudaim -1. Mos. 30, 14) von dem Becher Josephs (1. Mos. 44, 5.) und besonders von 4. Mos. 23, 23 nicht die Rede ist. Der Verfasser steht nun nicht an, den vielgestaltigen Aberglauben als solchen zu charakterisiren, der sich in den weiten Räumen der Gemara vorsindet. Er klassifizirt ihn nach den Gegenständen, und ohne den Stoff zu erschöpfen, entgeht doch seinem Blicke nichts, was von Bedeutung ist. Natürlich sucht er, und mit vollem Rechte, die Quellen dieses Aberglaubens in den anderen Völkern, namentlich in den babylonischen. Aber er erweist mit Nachdruck, daß dieser von den Lehrern der Gemara gehegte Aberglaube niemals dem Monotheismus selbst zu nahe trat, sondern stets die Wirksamkeit der Geister, Gespenster und Zauber von dein Willen, von der Genehmigung Gottes abhängig machte. Wir sehen deshalb der Fortsetzung dieser Arbeit mit Spannung entgegen. — Die Geschichte der Juden in Westfalen während des Mittelalters in ihren Grundzügen nach zum Theil ungedruckten Quellen dargeftellt. Ein Beitrag zur deutschen Rechtsgeschichte von Albert Gierse. Zweite Auslage. (Naumburg a. S. Rauchhaupt.) Die vorliegende Schrift erfüllt vollständig das, was sie ans dem Titel verspricht. Westfalen war für die Juden des Mittelalters kein so blutgetränkter Boden wie das übrige Deutschland. Sie wurden schonungsvoller behandelt, und blutige Verfolgungen fanden nur selten statt. Daraus ergiebt sich andererseits, daß ihre Rechtsverhältnisse geordneter sein mußten und eine gewisse Stabilität erlangten. Dies ist cs nun, was der Vers, uns durch die Erforschung und Darstellung der Details klar macht und erweist. In der Einleitung giebt er ein allgemeines Bild von den Schicksalen der Juden in Westfalen, wo die ersten urkundlichen Spuren aus der Mitte des 13. Jahrhunderts hcrrühren. Alsdann behandelt er die Geschichte der Juden in Münster. Soest, Dortmund und Osnabrück, und bringt in einem Anhang ungedruckte Urkunden heran. Bekanntlich haben in neuester Zeit einige Autoren das Schicksal -er Juden im Mittelalter als von ihnen selbst verschuldet dargestellt. Um so wichtiger ist uns das Urtheil unparteiischer christlicher Geschichtssorscher. Herr Gierse drängt dies in folgende Sätze zusammen (S. 2): „Wir sehen ein unglückliches Volk, das dem Glaubenshasse; und der Intoleranz der rohen Masse zum Opfer fällt, das.