Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1881)
- Date
- 1881-03-29
- Page
- Seite 206 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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206 andere; in derselben Weise ausgenommen, in derselben civilen und feinen Art behandelt, und dies völlig selbstverständlich. Hierin unterscheidet sich der ausgesuchteste Aristokrat nicht von dem bürgerlichen Freunde und Studiengenoffen. Es ist j eine völlige gesellschaftliche Nivellirung, eine absolute Gleichj heit, die zur anderen Natur geworden. Jntereffant ist, wie Ca-1 dol dies gleich anfangs einführt. Der eigentliche Held der! Dichtung ist ein Jude, ein Maler, der, nachdem er durch den j erlangten Preis Staatspenstonär in Rom gewesen, auf dem! Wege ist, eine Berühmtheit zu werden, cs aber noch nichts ist. Er ist ein schöner junger Mann, elegant, in allen gesellschaftlichen Künsten und Formen ausgebildet; dabei das! Glied einer höchst ehrbaren, liebevollen, streng sittlichen Familie: sein Schwager ist eben Oberst geworden. Dieser Maler wird von einem Aristokraten cingeladen, auf seinem Landsitz einige Fresken zu malen und das Portrait der Tochter des Hauses zu fertigen. Am Sonntag fährt er mit der Familie zur Kirche, bleibt aber außerhalb derselben. Bei der Rückkehr empfindet er sofort, daß die Gesellschaft gegen ihn umgestimmt ist. Das Benehmen ist anders, ist steif geworden, und der Canonicus, der im Hause Gastfreund ist, sucht sich an ihm zu reiben. Man sprach von der persö - lichen Unabhängigkeit, und der Canonicus erklärte diese für einen hohlen Traum, da niemand eine wahrhafte Unabhängigkeit besitze. „Sehen wir zu", sagte er zu dem Maler, „bekennen Sie, daß Sie so eben einen großen Schlag zu führen, der Welt zu trotzen und ihre famose Unabhängigkeit zu bekräftigen glaubten, als Sie nicht mit den Damen in die Kirche traten." Alles war gespannt auf die Antwort des Malers. Dieser aber, nachdem er mit einer malitiösen Sanftmuth den Canonicus verspottet hatte, wandte sich an die Baronin: „In Wahrheit, Madame, wenn ich mich der Ehre, Sie in die Kirche zu begleiten, beraubt habe, so sehen Sie darin eine Empfindung der Zurückhaltung, eine Huldigung meiner Achtung für Sie und Ihren Glauben. Ich fürchtete, daß meine Gegenwart an Ihrer Seite während der Messe Ihnen als eine Profanation erscheinen würde." — „Eine Profanation? Warum, mein Herr?" — „ Weil ich Jude bin, Madame. Wußte man dies nicht?" — Der Maler zweifelte nicht, daß diese Erklärung sie aufs Aeußerste betreffen würde. Nichts von allem Dem. Die Gesichter klärten sich auf, wie durch einen Zauber. — „Jude . . . das heißt; Verzeihung: Israelit?" — „Jude, so sehr man es sein kann, Madame." — „Entschuldigen Sie mich, mein theures Kind", siel der Canonicus ein, indem er ihm die Hand reichte; „ich wußte dies nicht; ich bitte um Verzeihung." — Die Baronin wie der Baron sprachen sich ebenso aus. „Tie Intoleranz würde gegenwärtig geradezu lächerlich sein." — „Indessen", bemerkte der Maler, „Sie machten mir ein ziemlich langes Gesicht!" . . . „Verstehen Sie mich, mein Lieber: wir hielten Sie für einen Freidenker (librepensenr)!" — So ist es selbst die aristokratisch-clericale Gesellschaft, welche den Juden mit aller Herzlichkeit und Feinheit aufnimmt, während sie den Freidenker verurtheilt und ausstößt! — — Eine glänzende Schilderung von der sozialen Stellung der Juden in Frankreich entwirft der Verfasser S. 1ö6 f.: „Gieb Dir die Mühe zu sehen, was hinsichtlich der Israeliten in der modernen Gesellschaft vorgcht. Durchmustere das Berzeichniß der Preise, welch: die Universität von Fankrcich verleiht, unter den Laureaten wirst Du immer jüdische Namen treffen! Auch außerhalb der Finanz findest Tu sie überall in erster Linie. In der Justiz, in der Arinee, in der Industrie, in den Wissenschaften, vor allem in den Künsten und bis in der höchsten Regierungsverwaltung halten sie gleichen Schritt mit den katholischen Berühmtheiten, seitdem die Revolution ihrer Eigenschaft als Mensch und Bürger ihre Weihe ertheilt hatte. Wirf einen Blick in die Salons der neuen Aristokratien: sic glänzen hier zahlreich, nehmen einen ehrenvollen Platz ein, zeichnen sich von der Masse ab. Zn der eleganten Welt, in Trouville, in den pyrenäischen und Mittelmecr-Bäderu sehen wir ihre Colonien unter der höchsten Aristokratie. Dieses Volk, unterdrückt, zusammcngedrängt seit 18 Jahrhunderten, ist zu der Stunde gelangt, wo sein Genie, befreit von dem verhaßten Drucke, der es in die engsten Schranken verbannte, sich freie Bahn in die Welt geschaffen hat. Ten blödsinnigen Vorurtheilen des Mittelalters setzt cs eine unzerstörte wohlbewahrte Lebenskraft entgegen, höhere Fähigkeiten, tief begründete Sittlichkeit, patriarchalische Gewohnheiten, fähig die Familie, dieses einzige Prinzip der Civilisation, zu regenerircn. Ter Antheil, den die Juden am socialen Leben nehmen, gicbt ihnen das volle Recht, unter uns zu gelten, was sie verdienen." Diese und ähnliche Schilderungen berühren uns dadurch wohlthätig, weil sie eben von dem Geiste ausgehen, daß alles Strebende, alles Befähigte, alles Tüchtige der Gesellschaft hoch willkommen, und frei von jedem mißgünstigen Ncbengefühl freudig ausgenommen werden müsse. Ist dies, nach der Zeichnung unseres Verfassers, in Frankreich der Fall, so haben wir dies selbst und unsere dortigen Glaubensgenossen zu beglück-; wünschen. — Aus diesen Gesichtspunkten schürzt und löst der - Verfasser seinen Knoten, indem er die freisinnige Richtung über alle Hindernisse siegen läßt. Auch da, wo die Confessionen aufeinander stoßen, werden dre Schmierigkeiten bald geebnet. Man kann sich vertragen, ohne daß man seinen Glauben aufgiebt. Hierin macht es sich freilich der Dichter leicht, indem er einerseits das Judenthum aller Vorurtheile entkleidet, andererseits der christlichen Welt theils eine durchaus erschütterte Gläubigkeit, theils Freidenkerei zuschreibt. Wir haben ähnliches in jenem spanischen Roman gesunden, in welchem geradezu ausgcsagt wird, daß zwei Drittel der