Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 13 (29.3.1881)
- Date
- 1881-03-29
- Page
- Seite 205 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227339-3227353--38830-3308088- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
205 Ich muß mich heute hiermit begnügen, indem ich zugleich, was hier gesagt worden, Eltern und Erziehern aufs Nachdrücklichste empfehle, und wende mich nun,;nm zweiten Momente, zur intellektuellen Bildung unserer weiblichen Jugend. (Forts, folgt.) Ein französischer Roman. ergeht, das Elend, in welchem die russischen Juden schmachten, in herzzerreißenden Bildern zeichnet, wobei sich dennoch die Wege offenbaren, auf welchen sie immer wieder zu Rettung und Bestand gelangen. Wir sagen, daß der angeführte französische Roman ein neues Glied zu dieser Kette von Dichtungen! fügt, und hierüber wollen wir uns des Weiteren auslaffen.! Von vornherein müssen wir erklären, daß wir diesen! Roman weder vom ästhetischen noch vom ethischen Stand- Wir haben schon früher Gelegenheit genommen, aus Punkt empfehlen. Es ist die erste Schrift, die wir von Dichtungen, besonders Romanen verschiedener Nationen, die; diesem Autor gelesen, und er gehört offenbar zu der neueren sich in denselben aussprechendcn Anschauungen über das: sog. naturalistischen Schule, wenn er auch nicht zu der Fahne Problem der Existenz des Judenthums und der Juden inner- Zola's schwören mag. Ueberall zeichnet er die tiefe sittliche halb der christlichen und islamitischen Völker hervorznheben Versunkenheit der sog. aristokratischen und klerikalen Welt, und fie nach der Eigenthümlichkeit dieser Nationen zu namentlich der jeunesse doree. jene sittliche Verkommenheit, charakterisiren. Es versteht sich, daß hierzu eben nur Tendenzin welcher die gröbsten Laster, Schwelgereien und Ausschweidichtungen zu gebrauchen waren, in welchen jenes Problem fungen, Ehrlosigkeiten und Betrug, überall der nackteste Egoisausdrücklich behandelt wird. Für Deutschland hielten wir mus als selbstverständlich, jedoch mit einem gewissen aristvnoch an Lessing fest, was uns unsere Landsleute gewiß nicht kratischen Nimbus umgeben erscheinen. Gleicherweise führt übel anrechnen werden; für England trat George Eliot ein der Verfaffer den Clerus in verschiedenen Repräsentanten (s. Nr. 51, 1876). Hieran reihte sich der spanische Roman vor, in denen zwar verschiedene Motive, bei allen jedoch „Gloria" von Perez Galdös (s. Nr. 4, 1880). Bald darauf innerlicher Unglaube, gcwiffcrmaßen verschleierte Fahnenhatten wir einen russischen Roman „Memoiren eines Inden" j st ichtigkeit zum Vorschein kommt. Nun hält es allerdings von Bogroff hinzuzufügen (s. Nr. 0, 1880). Diesen Ring! der Verfasser mit der Tugend, und läßt er alle sittlichen können wir heute durch einen französischen Roman gewisser- Greuel untergchen. Aber jene offene, unumwundene Schildemaßen schließen: Un Enfant d’Israel, par Eduard Cadol, rungen selbst sind es, die uns wenigstens die Lectüre höchst Earls, ventu 1881. Wir zeigten damals, daß Lessing — unerquicklich machen. Wir schicken dies voraus, damit man für einen Deutschen merkwürdig genug — alles Metaphysische; uns nicht vorwerfe, um gewisser Ansichten und Zeichbei Seite ließ, die Religionen außerhalb des Confliktes stellte! nungen willen, die uns Zusagen, die Flecken, die der Dich- und nur die Menschen in Betracht zog, von denen er untnng anhaftcn, übersehen zu wollen. Man erfährt also schon bedingte Gerechtigkeit und Duldung unter einander verlangte, hieraus, daß unser Autor die gegenwärtige französische Gein welcher Ziel und Zweck der religiösen Sittlichkeit gesellschaft zum eigentlichen Gegenstände gewählt hat; und als legen sei. George Eliot dagegen in ihrem Daniel Deronda ließ einen Mittelpunkt seines Bildes stellt er „ein Kind Israels", zwar die Religionen ebenfalls ruhig neben einander bestehen, einen Juden, hin. Wenn also Lessing den Menschen, Eliot faßte aber die Juden als Race auf und zwar aus der chie Racc, Galdös die Religion, Bogroff die wirklichen Ver- Frage, wie sie als solche weiter bestehen könnten, ohne im hältniffe, so faßt Cadol die gegenwärtige französische Ge- Geringsten ihren Bürgerpflichten innerhalb der Völker, denen sellschaft und in ihr den Juden ins Auge. Und hier treffen sie als Glieder des Staates angehören, ungetreu zu werden, wir auf einen charakteristischen Umstand. So oft in deutschen Ganz im Gegensatz zu diesen beiden griff der Spanier das Dichtungen ein Jude auftritt. und es ist dies unzählige Problem von Seiten der Religion an, betrachtet beide Re- Male der Fall, und der Dichter zeichnet ihn nicht geradezu als ligionen, Judenthum und Christenthum, als volloercchtigt, Carrikatur, so läßt er ihn doch nur als tolerirt zu, als von nicht als Gegensätze, wohl aber in tiefgehender Verschieden-! einem höchst gebildeten und humanen Theile der Gesellschaft heit. Er giebt zu verstehen, daß das Christenthum mehr an geduldet, und es klingt überall hervor, daß man sich selbst die Einbildung und das Herz, das Judenthum mehr an den; den vollsten Weihrauch spendet, weil man zu einem so hohen Verstand gehe und dabei auf einer ununterbrochenen Tradition , Grade der Toleranz gelangt ist. Es ist, als ob im Hinter¬ und Geschichte beruhe. Dabei sieht er auch die Juden in j gründe bei dem Deutschen immer noch eine Entschuldigung geistiger wie körperlicher Beziehung als völlig ebenbürtig an gesucht werde, ein solches Element in die Gesellschrst einzn- und glaubt das Problem in der Zukunft durch eine Ausführen, und sich darin mit gewissen Ansprüchen bewegen zn dieser sich eigentlich Schilderungen